Gerald Asamoah über Rassismus: "Zivilcourage zeigen!"

Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah spricht im AZ-Interview über Rassismus. "Du musst in die Schulen gehen."
| Interview: Victoria Kunzmann
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Auch Gerald Asamoah hatte während seiner aktiven Karriere mit Rassismus-Vorfällen zu kämpfen.
Carsten Rehder/dpa Auch Gerald Asamoah hatte während seiner aktiven Karriere mit Rassismus-Vorfällen zu kämpfen.

München - AZ-Interview mit Gerald Asamoah. Der 40-Jährige spielte von 2001 bis 2006 insgesamt 43 Mal für Deutschland, er war auch bei der Heim-WM 2006 dabei. Asamoah wurde in Ghana geboren, lebt aber seit seinem zwölften Lebensjahr in Deutschland.

AZ: Herr Asamoah, Sie waren einer der ersten schwarzen Nationalspieler in Deutschland, spielten bei der WM 2002 und 2006. Wie sehen Sie die Entwicklung von Rassismus in Deutschland?
GERALD ASAMOAH: Damals, als ich mich entschieden habe, für Deutschland zu spielen, war die Situation für mich nicht einfach. Trotzdem habe ich mich immer wohlgefühlt in meiner Umgebung, da mich die Leute aus meinem unmittelbaren Umfeld so akzeptiert haben, wie ich bin. Menschen mit Vorurteilen kann man ohnehin nicht verändern. Wenn du etwas verändern willst, musst du in die Schulen gehen, damit die jungen Leute verstehen und ein Gespür dafür entwickeln, dass alle Menschen gleichberechtigt sind. Es ist schlimm genug, dass das alles 2018 noch ein Thema ist. Ich appelliere immer daran, Zivilcourage zu zeigen. Wenn jemand neben dir steht und sagt "Scheiß-Neger", musst du Stellung beziehen und sagen: "Nein, das hat hier nichts verloren!"

Bei all diesen Diskussionen um Rassismus in Deutschland: Wie bewerten Sie den Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft?
Mesut kenne ich sehr gut, ich habe mit ihm zusammengespielt. Er ist ein ruhiger, introvertierter Typ. Allerdings ist es für mich von weitem sehr schwierig, mir eine Meinung zu bilden, ohne genau zu wissen, was geschehen ist.

Sie wurden mal von Roman Weidenfeller auf dem Platz übel beleidigt. Was wollen Sie ihm noch dazu sagen?
Ich möchte ihm gar nichts sagen.

Hat er sich eigentlich dafür entschuldigt?
Nein, hat er noch nicht. Aber ich habe nichts gegen Roman, ich kenne ihn ja. Im Leben macht jeder mal Fehler, das gilt auch für mich.

Die Nationalmannschaft hat ihr Katastrophenjahr mit einem 2:2 gegen die Niederlande beendet. Die Mannschaft ist im Umbruch. Ist Joachim Löw der Richtige dafür?
Da stellt sich mir die nächste Frage: Wer könnte der Nächste sein? Würde Jürgen Klopp Liverpool verlassen? Ich glaube immer noch, dass Jogi Löw ein super Trainer ist. Gegen die Niederlande hat er das gezeigt. Auch die jungen Spieler verstehen immer besser, worauf es ankommt. Das zeigt, dass eine Entwicklung stattfindet.

Asamoah: Jeder weiß, was Thomas Müller kann

Thomas Müller absolvierte gegen die Niederlande sein 100. Länderspiel. Zuletzt stand er oft in der Kritik – ist seine Zeit abgelaufen?
Nach einem Hoch kommt im Leben bei jedem mal ein Tief. Es zeigt nur, wie stark du bist, wenn du da wieder rauskommst. In der momentanen Phase läuft es für ihn nicht so gut. Dennoch weiß jeder, was er kann, was er abgeliefert hat. Deshalb gehört er immer noch in die Nationalmannschaft.

Mario Gomez und Sandro Wagner spielen keine Rolle mehr in der Nationalmannschaft. Inwieweit hat Deutschland ein Stürmerproblem?
Wir haben nicht mehr diesen Stürmertypen, wie es damals Carsten Jancker, Oliver Bierhoff, Miroslav Klose waren. Jetzt wird ein anderer Fußball gespielt. Wir sollten aber dahin zurückkehren, dass wir – und da sind wir in den Nachwuchsleistungszentren gefragt – solche Stürmertypen wieder ausbilden. Der letzte deutsche Mittelstürmer ist Mario Gomez, oder vielleicht Sandro Wagner, der ja zurückgetreten ist. Schlechte Stürmer haben wir momentan aber trotzdem nicht. Da brauchen wir keine Angst zu haben.

Asamoah: Den FC Bayern darf man nie abschreiben

Apropos Angst: Endlich haben wir wieder einen Meisterschaftskampf in der Bundesliga!
Ja, die Liga lebt! Vergangenes Jahr sind wir Schalker Zweiter geworden, aber es war schon früh klar, dass Bayern Meister wird. Dieses Jahr finde ich es sehr schön, dass es spannender ist und auch andere Teams wie Gladbach mit vorne dabei sind. Klar, ich bin Schalker, da ist es nie schön, wenn Dortmund weiter vorne steht, aber man muss anerkennen, dass sie das richtig gut machen.

Dortmund hat derzeit neun Punkte Vorsprung auf den FC Bayern. Glauben Sie noch an die Meisterschaft der Münchner?
Natürlich darf man Bayern nie abschreiben. Ich habe es 2001 selbst erlebt, da haben wir schon gejubelt.

Zu Ihrer Zeit gab es den Videoschiedsrichter noch nicht. Inwiefern hat sich das Spiel dadurch verbessert?
Trotz des Videobeweises gibt es Szenen, bei denen diskutiert wird. War das wirklich so? Warum gibt er das nicht? Ich hätte alles so beibehalten, wie es mal war. Durch den Videobeweis sind ein Stück weit die Emotionen verloren gegangen. Wenn jetzt jemand ein Tor schießt, jubelt er und muss dann warten – um dann doch zu jubeln? Nein, nein. Stell dir mal vor, du hast dir schon einen Torjubel überlegt – den machst du dann nicht mehr (lacht). Aber wir müssen die Situation so akzeptieren, wie sie ist.

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