Interview

EM-Gespräch mit Martin Grubinger: "Deutschland spielt zu oft im Viervierteltakt Fußball"

Martin Grubinger ist der beste Schlagzeuger der Welt und glühender Fußball-Fan. In der AZ spricht er über den Rhythmus der Nationen.
| Matthias Kerber
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"Viele Leute vergessen: Auch ein Schlagzeug kann singen", sagt Martin Grubinger. Der Österreicher gilt als bester Perkussionist der Welt.
"Viele Leute vergessen: Auch ein Schlagzeug kann singen", sagt Martin Grubinger. Der Österreicher gilt als bester Perkussionist der Welt. © Simon Pauly/ho

EM-Gespräch mit Martin Grubinger: Der 37-jährige Österreicher gilt als der beste Schlagzeuger/Percussionist der Welt, er ist zudem begeisterter Fußball-Fan.

AZ: Herr Grubinger, Sie gelten als der beste Schlagzeuger der Welt, sind der König des Rhythmus. Was sagen Sie zu der These, dass fast jede Nation einen eigenen Rhythmus hat und man den auf dem Fußballfeld erkennen kann?
MARTIN GRUBINGER: Ich bin sogar überzeugt, dass es so ist. Ich hatte gerade einen Studenten an der Uni bei mir, mit dem habe ich Marschrhythmik geübt - Dreivierteltakt. Er ist Österreicher, hat in der Blasmusik gespielt: Es war sonnenklar, dass ihm das Marschfeeling im Blut liegt. Einem Studenten aus Asien oder Nordeuropa müsste man dieses erst erklären. Dafür tut sich der Österreicher bei anderen Rhythmen schwer: afro-kubanische Musik, Samba, Salsa, Tango oder Fusion. Das ist etwas, was wir dafür erst erlernen müssen. Jede Nation hat eine Art Ur-Rhythmus, und der überträgt sich auf den Fußball, das kann man als Schlagzeuger sehr genau sehen.

Und der deutsche Fußball? Kommt der im oft vorhersehbaren Viervierteltakt daher?
In meinen Augen spielt Deutschland zu oft im klassischen Viervierteltakt. Da fehlt an der ein oder anderen Stelle die Kreativität. Man hat in den letzten Jahren in Deutschland zu viel System gesehen - und zu wenig Individualität. Daher sieht der deutsche Fußball an der ein oder anderen Stelle eben wie Viervierteltakt aus.

Martin Grubinger: Löw hat sich von den Spaniern viel abgeschaut

Mit welchem Komponisten würden Sie Bundestrainer Joachim Löw vergleichen?
Mit gar keinem. Ich muss gestehen, ich bin kein großer Jogi-Löw-Fan. Ich habe ihn immer skeptisch gesehen, schon zu Weltmeister-Zeiten. Ich glaube, dass die Spieler um Lahm, Müller, Hummels, Khedira, Schweinsteiger sehr viel in Eigenregie an den Start brachten. Wenn man sich die Frage stellt, hat Löw den deutschen Fußball wirklich geprägt, glaube ich eher nicht. Sein Vorbild waren immer die Spanier, da hat er sich viel abgeschaut.

Löw also eher eine Coverband?
Coverband, das ist gut. Aber auch a bisserl bös. Manche sagen, Löw hat viel für die deutsche Spielkultur getan. Ich denke, wenn man sich die Spieler anschaut, die er hatte, fragt man sich, ob nicht vielleicht doch mehr drin gewesen wäre als ein Titel in seinen 16 Jahren.

"Zidane ist mein Hero", sagt Martin Grubinger über den französischen Jahrhundertspieler.
"Zidane ist mein Hero", sagt Martin Grubinger über den französischen Jahrhundertspieler. © firo/Augenklick

In Corona-Zeiten kann man den Rhythmus des Spiels über die Mikrofone gut hören.
Absolut! Ich genieße das so, diesen Sound. Wenn der Ball über 30, 40 Meter geschlagen wird, hat das einen paffigen Sound, wunderbar. Wenn die Spieler den Ball mit ein, oder zwei Kontakten zirkulieren lassen, entsteht purer Rhythmus.

Sie glauben, dass viele Konzepte aus der Musik auch auf den Fußball übertragbar sind.
Wenn jemand einen Rhythmus in der Wiederholung über viele Monate so verinnerlicht, dass er aus totaler Selbstverständlichkeit und absoluter Natürlichkeit passiert, hat es etwas Magisches. Dann spürt man den Flow. Wenn man einen Groove 60, 70, 80 Mal wiederholt hat, ist das in der Essenz nicht anders, als eine Doppelpass-Folge zwischen Müller und Lewandowski. Im Fußball könnte man zu den verschiedensten Rhythmen und Stilen Spielsituationen einstudieren. Der Walzer ist im Tempo ganz anders als der Metal. Samba hat in sich einen anderen Takt als Tango. Vieles ist eine Timing-Frage. Gerade, ob ein Spieler ins Abseits läuft. Da könnte man gut auf der Basis des Taktes total gleichmäßig trainieren, wie man die Spielsituationen über mehrere Pässe aufbaut. Wenn man die Betonung im Viervierteltakt auf die Zwei und die Vier beim Pass legt, ist es ganz anders, als wenn man sie auf der Eins und Drei hat. Oder nehmen sie die Momente, in denen Kimmich den Kontakt um eine Millisekunde verzögert und damit der Rhythmik eine andere Dynamik gibt. Ich glaube, dass man das super trainieren könnte am Fußballplatz mit Musik als Verstärker des Muskelgedächtnisses. Aber das braucht Zeit. Das muss völlig über das Unterbewusstsein verankert sein.

Guardiola und Beethoven

Welcher Rhythmus ist am erfolgversprechendsten?
Entscheidend ist, dass man in der richtigen Situation den Richtigen wählt. Wobei das, jetzt a bisserl Kaffeesudlesen eines interessierten Fans ist. Ich glaube etwa, dass die Jürgen-Klopp-Mannschaften das Problem haben, dass ihnen nach zwei, drei Jahren dieses konstanten Heavy-Metal-Fußballs etwas Variabilität fehlt. Sie müssten mal in den Walzer oder die Ballade schalten, Rhythmus und Akzent verändern. Das finde ich an Guardiola so schön, dass er ein Faible für Spieler hat, die ein Spiel dirigieren, die sich mal zurückziehen, sich sagen, jetzt ziehen wir die Extraschleife - wie beim Beethoven in der Symphonie, wo der Schluss über viele Minuten verzögert wird.

Die größte Dramatik hat ja oft nicht der Gong, sondern die Stille danach.
Völlig richtig! Das ist, was die großen Mannschaften auch auszeichnet: dass sie das Gespür für die Dramatik haben - und diese dosieren können.

Wer ist für Sie der rhythmischste Spieler überhaupt?
Zidane ist mein Hero, er hatte immer etwas Ballettmäßiges. Ich habe große Faszination für Messi, mir taugen Spieler wie Ibrahimovic, aber mein großes Vorbild zur Zeit ist Joshua Kimmich. Alles an diesem Spieler fasziniert mich. Mir gefällt sein Gefühl für den Spielrhythmus, die Melodie des Spiels. Viele Leute vergessen: Auch ein Schlagzeug kann singen. Denken Sie nur daran, welchen Unterschied es macht, ob man den Backbeat gerade oder Laid-back spielt, also um eine Millisekunde verzögert: Da kommt diese unglaubliche Schwere in den Song - nur, weil man um eine Hundertstelsekunde verzögert. All das gilt auch im Fußball, deswegen fühlen wir uns auch so verbunden damit.

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Ist die tiefe Verbindung der Musik und des Fußballs, dass man beides eben spielt. . .
Ja, ich kenne so viele Kollegen, die leidenschaftlich gerne kicken, auch bei den ganz großen Dirigenten oder Opernsängern, die man in der Öffentlichkeit ja ganz anders wahrnimmt. Sobald die bei mir am Fußballplatz sind, hat das dieses infantil Kindliche, dieses völlig Unschuldige und diese - im besten Sinne - naive Begeisterung für das Spielgerät Ball. Das ist schlicht wunderbar.

Kimmich ist "mein großes Laster"

Ihre Trikotsammlung ist legendär.
Ich habe einen Schrank, da werden so 400, 500 Trikots drin sein. Ich habe alle Bayern-Trikots seit 92 oder 93, alles von Kimmich. In allen Städten, in denen ich war, habe ich mir immer das Trikot des Vereins gekauft. Es ist mein großes Laster.

Sie haben sogar einen eigenen Platz an Ihrem Haus gebaut.
Alle haben mich für verrückt erklärt, aber ich wollte das unbedingt. Kunstrasen, Flutlicht - für Vier gegen Vier ist es optimal. Manchmal schalte ich nach einer langen Probe mit den Kollegen das Flutlicht um elf abends ein, und dann kicken wir. Der Platz ist so eine Art Open House. Die Nachbarbuam spielen fast täglich dort. In meiner Kindheit, sind wir immer verjagt worden, es war nie gescheit möglich, auf einer Wiesn zu kicken. Jetzt können die Burschen Tag und Nacht bei mir spielen, wenn sie wollen.

"Ich bewundere alles an ihm", sagt Grubinger über Kimmich.
"Ich bewundere alles an ihm", sagt Grubinger über Kimmich. © firo/Augenklick

Sie leben auf dem Land.
Ich bin ein überzeugtes Landei, ich mag die Stille, das Fenster offen zu haben, die Vögel zu hören. Der Rhythmus der Großstadt stresst mich.

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Im ländlichen Österreich ist der Rassismus, der auch im Fußball noch herrscht, ein Problem. Sie, der mit einer türkischstämmigen Pianistin verheiratet sind, engagieren sich schon lange gegen Rassismus.
Ich sehe Rassismus als eine der großen Gefahren unserer Zeit an. Manchen Ansichten sind leider in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich spüre das genau, weil ich in so einer kleinen Gemeinde lebe. Im Gespräch mit Studenten, mit den Burschen aus der Nachbarschaft merkt man, dass es aus einer neuen Selbstverständlichkeit heraus Ressentiments gibt. Mir ist wichtig, auch über mein Instrument die Botschaft unmissverständlich zu transportieren, dass Rassismus, Antisemitismus mit allem, was uns zur Verfügung steht, bekämpft werden muss. Man muss leider sagen, dass Sebastian Kurz, unser Bundeskanzler, dieses Thema immer wieder auf eine unlautere Art bespielt. Freiheit der Presse, der Meinungsäußerung, all diese Dinge, haben wir als selbstverständlich empfunden. Das sind sie aber nicht. Wir müssen all das immer wieder einfordern - und dafür kämpfen. Es darf nie passieren, dass Österreich abdriftet. Wer aus der Geschichte nicht lernt, der ist richtig blöd.

Können Musik und Fußball da verbindend wirken?
Ja, ja, ja. Die Musik hat da den noch breiteren Ansatz als der Sport, der doch Wettkampf ist. In der Musik treffe ich mich mit Leuten, und auf Basis einer Rhythmik, einer Melodie, einer Harmonie kommunizieren wir. Da ist es überhaupt nicht entscheidend, woher wer kommt, welche Religion er hat. Musik hat so eine starke Botschaft des Miteinanders, des Zusammenhaltes, des Friedens. Das klingt pathetisch, ist aber so. Ich habe darüber gerade erst mit ein paar Sportlern diskutiert. Ich habe gesagt: Ich bin begeisterter Sportler, aber die Botschaft des Humanismus, den haben die Künste noch in einer ganz anderen Intensität als der Sport. Davon bin ich überzeugt.

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