Elf mit Migrationshintergrund: Die Internationalmannschaft

Die DFB-Elf bringt das Beste aus allen Welten ins Spiel. Weil ihre Eltern ein besseres Leben für ihre Kinder wollten, können Sami, Mesut und Miroslaw die Deutschen begeistern.
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Multikulti für Deutschland
dpa Multikulti für Deutschland

Die DFB-Elf bringt das Beste aus allen Welten ins Spiel. Weil ihre Eltern ein besseres Leben für ihre Kinder wollten, können Sami, Mesut und Miroslaw die Deutschen begeistern.

Kein Ausländer im Kader. Michael Ballack hat sich verletzt und Jens Lehmann seine Karriere beendet.

Die deutsche Nationalelf ist mit 23 Mann nach Südafrika geflogen, alle sind in der Bundesliga beschäftigt. Ballack und Lehmann hatten ihren Arbeitsplatz in London, der eine bei Chelsea, der andere bei Arsenal. Sie waren „die Ausländer“, spaßeshalber. So nennen die Spieler ihre Mannschaftskollegen, die in anderen Ligen ihr Geld verdienen.

Nun sind sie bei diesem Turnier unter sich, treten am Samstag (16 Uhr, ZDF) gegen Argentinien an. Der Philipp, der Bastian, der Arne, der Per, der Thomas, der Manuel - und der Mesut, der Jerome, der Sami, der Serdar, der Miroslav und der Lukas.

„Ich sehe nicht ganz deutsch aus", sagt Sami Khedira, Schweinsteigers Assistent im Mittelfeld, geboren in Stuttgart. Über das Heimatland seines Vaters, über Tunesien, sagt er: „Ein wunderschönes Urlaubsland." Die Wurzeln sind nicht vergessen, die Heimat ist eine neue.

Oder Marko Marin. Der Flügelspieler wurde in Gradiska, im heutigen Bosnien-Herzegowina geboren, und wuchs in Frankfurt am Main auf. Seine Traumfrau? Ana Ivanovic, die serbische Tennisspielerin und Heidi Klum. Von jedem etwas. Jerome Boateng etwa, der dunkelhäutige Linksverteidiger, schreibt auf seiner Homepage: „Von Charlottenburg in die Welt: Geboren in Berlin, die Wurzeln in Ghana". Ihre Heimat ist das Trikot, das Nationalelfdress. Mal weiß, mal schwarz. Wie passend.

Zusammen sind sie: die Internationalmannschaft. Elf der von Bundestrainer Joachim Löw berufenen Profis haben einen Migrationshintergrund, sie sind Kinder von Ausländern.

Die meisten wurden in Deutschland geboren, ihre Eltern kamen nach Deutschland, um ein besseres Leben zu führen. Diese Generation sorgt dafür, dass die Bundesbürger ein besseres Leben führen - zumindest in den Stunden, in denen sie die Erfolge der DFB-Auswahl bejubeln.

„Özil, Khedira, Cacau und die anderen Spieler identifizieren sich total mit ihrem Land und mit dem Adler auf der Brust", sagt Löw zum neuen Bild der Besten des Landes. Integration als Input, als Impuls. „Sie bringen neue Elemente ins Team ein, neue Kulturen, neue Spielweisen", betont der Bundestrainer.

Die Mischung macht's. Khedira hat den Vorteil erkannt: „Das ist gut so. Die Mannschaft ist flexibler durch die vielfältigen Einflüsse." Die neue Leichtigkeit, dieser Spielwitz, diese Raffinesse, mit der die Nationalelf begeistert, hat mit dem Nationen- und Kulturenmix zu tun.

Für frühere Generationen waren Quereinsteiger die Ausnahme, sie waren teils so exotisch wie ihre Namen. Der aus Rumänien stammende Jupp Posipal sowie Fritz Kwiatkowski, genannt der "Ruhrpott"-Pole, beide 1954 Weltmeister, gehörten zu den ersten Migranten in der DFB-Elf. Die Nachkriegszeit brachte ihre jeweiligen Söhne in die Nationalelf.

In den 1970 und 1980er Jahren etwa die Kinder von US-Soldaten wie Erwin Kostedde, Felix Magath und Jimmy Hartwig, in den 1990er Jahren folgten die Söhne von Gastarbeitern wie Maurizio Gaudino oder Mehmet Scholl.

Der WM-Jahrgang 2010 ist süddeutsch geprägt, geht man die Geburtsorte durch. Da sind die „Native-Bayern" Schweinsteiger, Lahm, Müller, Badstuber und der Franke Kießling sowie Khedira, Aogo, Tasci und Gomez (alle geboren in Baden-Württemberg) - Die Profis spüren den Einfluss der Kulturen „vor allem in positiven, lustigen Zusammenhängen, nie negativ", sagt Marcell Jansen, ein Mönchengladbacher.

„Dem Ball ist egal, wer ihn tritt" - so hieß einst ein Fan-Slogan einer Anti-Rassismus-Kampagne. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat die Losung für sich selbst längst übernommen. Und den Spielern ist egal, wo ihr Nebenmann herkommt. Er muss nur gut genug sein.

Die Profiklubs sind zu Weltauswahlteams geworden, für die Spieler die normalste Sache der Welt. Warum soll die Auswahl eines Landes nicht ebenso bunt gemischt sein?

Wenn sich die Spieler gegenseitig aufziehen, dann wegen ihrer Vereinszugehörigkeit. Ob HSV oder Werder, ob Schalke oder Dortmund, Bayern oder Stuttgart - das zählt, da ist Rivalität.

Stecken sie alle in einem Trikot wie bei dieser WM, spielen sie für „Schland". Oder besser für Multischland.

Patrick Strasser

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