Interview

Christoph Daum: "Hoeneß hat damals eine Lawine losgetreten"

Vor 20 Jahren begann der spektakuläre Absturz des designierten Bundestrainers Christoph Daum – nach einem AZ-Interview mit Uli Hoeneß. In seiner Autobiografie schreibt Daum nun über Koks & Co.
| Thomas Becker
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"Immer am Limit": Daum mit einem Exemplar seiner Autobiografie.
"Immer am Limit": Daum mit einem Exemplar seiner Autobiografie.

München - AZ-Interview mit Christoph Daum: Der 66-Jährige war als Trainer in Köln, Stuttgart, Leverkusen, Wien, Rumänien und bei mehreren Klubs in der Türkei tätig.

Herr Daum, der Anfang vom Ende des Bundestrainers Daum wurde durch ein Interview mit Uli Hoeneß besiegelt. Erschienen ist es am 2. Oktober 2000, in der AZ. . .
CHRISTOPH DAUM: Ich hatte ein super Verhältnis zu Herrn Hildebrandt (der damals das Interview mit Hoeneß geführt hatte, Anm. d. Redaktion), der leider verstorben ist. Von dieser Auseinandersetzung hat sich auch Hildebrandt nicht mehr erholt. Kurz vor seinem Tod hat er mich noch mal angerufen und informiert, wie damals alles wirklich abgelaufen ist. Er hat da sehr offen und ehrlich einige Dinge dargestellt, und ich habe ihm Glauben geschenkt. Aber das interessierte niemanden mehr - da war die Milch schon verschüttet.

Daum: "Nach der Haarprobe war Hoeneß der große Held"

Was meinen Sie mit "einige Dinge dargestellt"?
Das war damals ein vertrauliches Gespräch, ich habe nichts davon verwendet, und so werde ich das auch weiterhin handhaben. Ich nehme es Hoeneß ab, dass er nur genervt war von den dauernden Gerüchten, die es um mich gab, und dass er dann gesagt hat: "Wenn das alles stimmt, dann kann er nicht Bundestrainer werden." Damit hat er eine Lawine losgetreten, die er so nicht abgesehen hat. Aus Gerüchten wurde eine öffentliche Anklage, und ich stand vor der Frage: ‚Machste 'ne Haarprobe oder nicht?' Da ich aufgrund meiner Informationen nichts zu befürchten hatte, habe ich eine Haarprobe gemacht - das Ergebnis kennen Sie. Damit war die Entscheidung gefallen: pro Hoeneß, contra Daum. Aber vorher musste Uli durch eine schwere Phase durch. Was er angestoßen hat, hat in Deutschland nicht die ungeteilte Zustimmung gefunden. Aber nachdem die Probe da war, war er natürlich der große Held.

Eine der berühmtesten Pressekonferenzen der Liga-Historie: Christoph "absolut reines Gewissen" Daum 2001 im Hyatt Hotel Köln.  Foto: firo/AK
Eine der berühmtesten Pressekonferenzen der Liga-Historie: Christoph "absolut reines Gewissen" Daum 2001 im Hyatt Hotel Köln. Foto: firo/AK © firo/Augeklick

15 Jahre später hat er Sie noch mal angerufen, in seiner Zeit als Freigänger. Hatten Sie seitdem noch mal Kontakt?
Ja, per Mail.

Per Mail? Mit Uli Hoeneß? Wirklich?
Das lief über die Sekretärin. Ihr habe ich die Passagen aus dem Buch geschickt. . .

. . .darin kommt er öfter vor!
Er hat dann die Freigabe erteilt. Und wir haben telefonisch noch einen persönlichen Termin vereinbart, den wir aber aufgrund der Corona-Einschränkungen nun so etwas vor uns her schieben. Aber der wird auch noch erfolgen.

Daum: "Hoeneß ist der fleischgewordene FC Bayern"

Wie haben Sie Hoeneß nach der Zeit im Gefängnis erlebt?
Es gibt unterschiedliche Phasen. In der ersten Phase habe ich einen Uli Hoeneß kennengelernt, der nachdenklich und in sich gekehrt war. Dann in der zweiten Phase wieder sehr kämpferisch. Ein Hoeneß, der wieder die Abteilung Attacke aktiviert hatte. Und zum Schluss der elderly statesman, die graue Eminenz, über den Dingen stehend, der sich aber mit der ein oder anderen prägnanten Aussage zu Wort meldet. Er ist der fleischgewordene FC Bayern, hat sich immer bedingungslos für seinen Verein eingesetzt - und daran wird sich auch nichts ändern.

Wie groß schätzen Sie diesen Einfluss noch ein?
Er hat ein sehr enges Verhältnis zu Herbert Hainer, hat lange mit Rummenigge zusammengearbeitet, wo oft unterschiedliche Ansichten aufeinandergeprallt sind: Hoeneß eher der Bodenständige, Rummenigge mehr der international-globalisiert Denkende. Aber ich glaube, das war eine fruchtbare Auseinandersetzung. Er hat maßgeblich Hasan Salihamidzic aufgebaut und gestärkt, und an der Personalie Oliver Kahn wird er auch seinen Anteil haben. Er ist die graue Eminenz im Hintergrund. Im Grunde genommen gibt es keinen Nachfolger, sondern einen Neuanfang. Die Zeiten haben sich geändert. Man kann heute einen Verein nicht mehr so führen, wie Hoeneß den Klub groß gemacht hat.

Daum: "Leverkusen wird in absehbarer Zeit nicht Meister"

Schadet die Überlegenheit des FC Bayern letztendlich dem Produkt Bundesliga? Und wer kann den Roten mal in die Suppe spucken?
Jederzeit in die Suppe spucken können Dortmund und Leipzig - aber die müssen halt Konstanz an den Tag legen. Die können mehr als den Bayern nur Kopfschmerzen bereiten. Aber die Meisterschaft wird ja nicht in den direkten Begegnungen entschieden.

Wann wird Vizekusen endlich Meister?
In absehbarer Zeit nicht.

Hatten Sie zu Ihrem alten Lieblingsfeind Jupp Heynckes noch mal Kontakt?
Als er Trainer in Leverkusen war, habe ich ihn getroffen, in seiner Münchner Zeit nur ein Mal ganz kurz bei einer Preisverleihung. Aber das war nur ganz kurz: ‚Hallo, guten Tag.'

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Noch mal in Unterhaching gewesen seit Ballacks fatalem Eigentor, das Leverkusen unter Ihnen im Jahr den sicher geglaubten Titel gekostet hat?
Ein Mal, da habe ich Manni Schwabl besucht.

Kommen da noch mal die Erinnerungen hoch?
Das ist ein abgeschlossenes und verarbeitetes Kapitel. Aber wenn man direkt vor Ort ist, kommt schon noch mal das ein oder andere Bild oder Gefühl hoch. Ganz so, dass es mich nicht mehr tangiert, ist es nicht. Ich fand das auch für Leverkusen so schade: Die hatten in dem Jahr wirklich die Meisterschaft verdient gehabt, haben den besten und attraktivsten Fußball gespielt. Aber okay: Letztendlich entscheidet dann ein Pünktchen darüber.

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