Interview

AZ-Interview mit Robin Gosens: "Im Fußball bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke"

Robin Gosens spricht in der AZ über seinen Aufstieg vom Dorfkicker zum Nationalspieler, die vielen Corona-Toten in seiner Heimat Bergamo - und warum er den Robin Gosens von vor zehn Jahren nicht mag.
| Matthias Kerber
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Robin Gosens im Dress der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien.
Robin Gosens im Dress der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien. © GES/Augenklick

AZ-Interview mit Robin Gosens Der 26-Jährige spielt seit 2017 in der Serie A bei Atalanta Bergamo, 2020 gab er sein Debüt in der Nationalmannschaft. Gerade hat er seine Biografie "Träumen lohnt sich - Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi" veröffentlicht (Edel Books, 256 Seiten, 19,95 Euro).

Das Buch "Träumen lohnt sich - Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi"
Das Buch "Träumen lohnt sich - Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi" © Edel Books

AZ: Herr Gosens, nach dem sportlichen Albtraum, dem 1:2 der Nationalmannschaft in der WM-Quali gegen Nordmazedonien, lassen Sie uns doch dem Titel Ihrer Biografie "Träumen lohnt sich" entsprechend über Träume reden.
ROBIN GOSENS: Sehr gerne.

Welcher Traum müsste in Erfüllung gehen, damit Sie wieder dauerhupend über die Autobahn rasen?
(lacht) Dafür braucht es schon besondere Anlässe. Wie damals, als ich das Telefonat mit Bundestrainer Joachim Löw hatte und er sagte, dass ich für das Länderspiel gegen Spanien nominiert bin. Das waren in dem Moment so riesige Emotionen, die mussten raus, denn für mich war es ein sehr langer, auch steiniger Weg. Da ich gerade auf der Autobahn war, blieb mir nur der Weg über das Hupkonzert. Die Chance zu bekommen, sein Land zu vertreten, war die Erfüllung eines Kindheits- und Lebenstraumes. Der nächste Anlass für ein entsprechendes Hupkonzert wäre wohl, wenn ich bei der EM dabei sein darf. Da könnte es wieder laut werden. (lacht)

"Okay, krass, das läuft hier wirklich. Das war Wahnsinn"

Dabei waren Sie bei der ersten Kontaktaufnahme durch Löw per SMS nicht mal sicher, dass er es ist. Es war wohl eher ein Moment des Unglaubens denn überbordender Freude.
Die Formulierung "Moment des Unglaubens" trifft es sehr gut. Ich hatte vorher noch keinen Kontakt zu Löw, dementsprechend kannte ich die Nummer nicht. Als die Nachricht auf dem Display aufploppte und darunter Joachim Löw stand, wusste ich nicht, was los ist. Ich habe die Nachricht sicher zehnmal gelesen, weil ich es nicht glauben konnte. Ich kenne meine Jungs, es hätte genauso gut sein können, dass ich gewaltig aufgezogen werde. Ich habe lange nachgedacht, ist das jetzt Verarsche oder Realität? Auch auf die Gefahr hin, dass ich veräppelt wurde, musste ich reagieren. Ich konnte es mir nicht erlauben, nicht zu antworten, falls es wirklich Löw war. Es war ein magischer Moment, den kann man gar nicht begreifen. Es kam auch gleich die Antwort: "Okay, ich melde mich am Sonntag." Da wusste ich: Okay, krass, das läuft hier wirklich. Das war Wahnsinn.

Löw hört nach der EM als Bundestrainer auf. Wie sehr werden Sie ihn vermissen, er spielt in Ihrer Karriere keine unbedeutende Rolle.
Sein empathisches Vermögen, seine Fähigkeit, sich in jeden Spieler hineinzuversetzen, jedem Spieler das zu geben, was er braucht, um performen zu können, ist eine gigantische Eigenschaft von Löw. Natürlich wird man ihn vermissen, werde ich ihn persönlich vermissen. Allein aufgrund der Tatsache, dass er mir meinen größten Kindheitstraum erfüllt hat. Er war es, der mich am Ende des Tages zum Nationalspieler gemacht hat, dafür werde ich ihm auf ewig dankbar sein.

"Ich werde ihn vermissen", sagt Gosens über Löw (links).
"Ich werde ihn vermissen", sagt Gosens über Löw (links). © GES/Augenklick

Ab wann war denn für Sie selber der Traum Fußballprofi, den fast jedes Kind hat, nicht mehr nur Fantasie, sondern realistische Lebensoption?
Wie bei allen anderen Kids gab es diesen utopischen Traum, irgendwann in einem vollen Stadion Fußball spielen zu dürfen. Darauf folgte bei mir diese sehr lange Phase, wo der Traum in ganz weite Ferne gerückt war. Speziell nach dem Desaster beim Probetraining bei Borussia Dortmund, als am Ende alle dachten, der Ball scheint nicht mein Freund zu sein. Da habe ich mir selber gesagt: Okay, Robin, du kannst zwar gut kicken, aber zum Profi gehört doch noch einiges mehr dazu. Etwas, was ich nicht habe.

Das ging halt nicht, als echter Schalke-Fan für Dortmund zu spielen.
(lacht) Vielleicht. Danach hatte ich eigentlich mit dem Traum, Profi zu werden, abgeschlossen. Wobei ich immer irgendwie im Hinterkopf hatte: Junge, das ist schon das Ding, das du erreichen willst. Es wäre schon das Allergeilste. Dann kam eben dieser Tag, als dieser Scout in Arnheim mir die Chance auf ein Probetraining gegeben hat. Es war definitiv die allerletzte Chance für mich, die Tür zum Profifußball aufzustoßen. Ab diesem Moment habe ich wieder felsenfest daran geglaubt und war bereit, alles dafür zu tun. Da denkt man aber erstmal nur ans Profiwerden - überhaupt nicht an die Nationalmannschaft.

"Alle Auswechslungen habe ich meinem Vater längst verziehen"

Sie mussten sich zwischen zwei Nationalteams entscheiden, Bondscoach Ronald Koeman hat Sie kurz vor Löw angerufen und wollte Sie für Oranje gewinnen. Ihr Vater ist Niederländer. Warum haben Sie sich für die deutsche Nationalelf entschieden, es schlugen sicher zwei Herzen in Ihrer Brust?
Total. Ich wohne 500 Meter von der holländischen Grenze entfernt, habe dort jahrelang gespielt, spreche die Sprache fließend und fühle mich auch zu den Menschen dort sehr hingezogen. Am Ende habe ich mein Herz entscheiden lassen - und mein Herz tendierte ein bisschen mehr Richtung Deutschland, weil einfach die emotionale Verbundenheit zu Deutschland ein Stück weit größer war. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe viele positive Erfahrungen gemacht. Die Entscheidung ist mir schlussendlich doch relativ leicht gefallen.

War es auch der Traum Ihres Vaters, der ja Ihr erster Trainer war, dass Sie Fußballprofi werden? Sie schreiben in Ihrem Buch, dass genau diese Tatsache Ihrer beider Verhältnis nicht leichter gemacht hat, da jede Auswechslung fast zu einer Krise geführt hat.
Das war so. Mein Vater wäre sicher auch stolz auf mich, wenn ich den Weg des Polizisten, den ich sonst verfolgt hätte, eingeschlagen hätte. Aber natürlich ist er total fußballbegeistert und auch für ihn ist sicher ein riesengroßer Traum in Erfüllung gegangen, als das eigene Kind auf diesem Niveau Fußball spielte. Alle Auswechslungen sind schon lange verziehen - wenn auch vielleicht nicht vergessen (lacht).

Und dann im August 2020 dieser Moment, als Sie erstmals das Nationaltrikot mit Ihrem Namen drauf sehen. . .
Magisch! Ich kam in die Kabine und habe nach meinem Platz gesucht. Dann habe ich dieses Trikot mit meinem Namen und der Nummer gesehen. Es war pure Sprachlosigkeit. Und so ging es weiter. Der Augenblick nach dem Warmmachen, wenn man wieder in die Kabine kommt und du weißt: Es ist Zeit, dieses Trikot überzustreifen! Da habe ich mir tatsächlich den Bruchteil einer Sekunde gesagt: Krass, vor vier Jahren warst du in dieser Fanmeile, hast bei jedem Deutschland-Spiel vor dem Fernseher gesessen und hast die Jungs nach vorne gepusht - und jetzt stehst du selber auf dem Rasen und die ganze Nation steht hinter dir und hofft, dass man gewinnt. Das ist ein weiterer Moment, der wird mir ewig bleiben. Wenn man zusammen rausgeht und du hörst das allererste Mal die Nationalhymne, nicht mehr als Fan vor dem Fernseher, sondern als Spieler auf dem Feld - das war Gänsehaut am ganzen Körper!

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Wessen Trikot hatten Sie denn in den Fan-Meilen an?
Das müsste eigentlich immer Thomas Müller gewesen sein.

Wäre schön, mal mit Müller in der Nationalmannschaft zusammenzuspielen, oder?
Ich würde auf jeden Fall nicht Nein sagen.

"Douglas Costa war mein bisher bester Gegenspieler"

Er auch nicht.
(lacht) Mit Sicherheit nicht, denn das hieße, er wäre wieder dabei in der Nationalmannschaft.

Apropos Trikot: Als Sie mit Atalanta Bergamo 2019 in der Champions League gegen Manchester City spielten, wollten Sie mit Ilkay Gündogan das Trikot tauschen. Er war damals erstaunt, wie gut Sie deutsch sprachen, da er Sie noch gar nicht kannte. Jetzt spielen Sie zusammen für Deutschland.
Richtig. Ich fand das aber nicht schlimm, ich bin ja immer so ein bisschen unter dem Radar geschwommen. Aber es zeigt halt, wie viel in dem Jahr passiert ist. Vom Fast-Nobody zum Nationalspieler.

Der Dorfkicker aus Emmerich spielte auch plötzlich in der Serie A gegen Superstars wie Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic.
Das habe ich alles noch gar nicht richtig realisiert. Ronaldo, Ibrahimovic, das sind meine Kindheitsidole. Als Gegner gegen diese Maschinen im Stadion spielen zu dürfen, da habe ich schlicht keine Worte für. Für mich ist das alles viel zu groß. Nehmen Sie Ibrahimovic, dessen Ausstrahlung ist gefühlt nochmal über allem anderen. Den umgibt so eine natürliche Aura, eine Boss-Aura. Ohne, dass er irgendwas tut, weißt du sofort, der beansprucht heute für sich die Chefrolle. Es ist Wahnsinn, wie enorm, wie intensiv eine Aura sein kann.

"Ihn umgibt eine Boss-Aura", sagt Gosens über Ibrahimovic.
"Ihn umgibt eine Boss-Aura", sagt Gosens über Ibrahimovic. © picture alliance/dpa/AP

Viele größere Cojones - Eier - kann man im internationalen Fußball nicht finden, oder?
Das kann man nicht passender umschreiben. (lacht)

Wer war bisher Ihr bester Gegenspieler?
Douglas Costa, früher von Juventus, jetzt spielt er bei den Bayern. Er war immer ein Spieler, den ich nicht in den Griff bekommen habe, weil er so eine Explosivität, so ein starkes Dribbling hat. Der hat mich auf dem Spielfeld immer richtig fertiggemacht.

"Wir sind in erster Linie Menschen - und erst dann Sportler"

Sie fertigmachen, das trifft leider auch auf das brutale Fußballgeschäft zu. In Ihrem Buch widmen Sie dem Thema ein ganzes Kapitel.
Ich wollte einfach meine Sicht der Dinge darlegen, denn ich empfinde es so, dass die Menschlichkeit vollkommen auf der Strecke bleibt. Man unterschreibt irgendwo einen Vertrag - und ab dem Moment machst du dich komplett abhängig. Du wirst wie eine Art Ware angesehen, die für den Klub einen Gewinn bringen muss.

Man ist eine Wertanlage.
Dein Wert muss gesteigert werden - und wenn du das eben nicht tust, wirst du dementsprechend behandelt. Das finde ich persönlich im Kopf sehr schwer zu verarbeiten. Klar, es ist ein Business, und wahrscheinlich ist einfach viel zu viel Geld im Spiel, als dass man es anders lösen könnte, aber ich persönlich habe sehr große Schwierigkeiten damit. Mir fehlt auf vielen Ebenen die Kommunikation, die Empathie, die Zwischenmenschlichkeit. Ich denke, dass der Mensch hinter dem Sportler viel zu wenig gesehen wird und er auch viel zu wenig Wert hat. Dabei sind wir in erster Linie Menschen - und erst dann Sportler.

Sie fühlen sich eher als Spielball denn als Spieler?
Definitiv. Ich habe es ja auch ein paar Mal an meiner eigenen Person erlebt, wenn es um Transfers ging. Da war meine Meinung am Ende des Tages relativ egal. Obwohl ich derjenige war, um den es ging. Ich finde es schwierig, damit innerlich umzugehen.

Ist das auch der Grund, warum Sie neben der Karriere auch ein Psychologie-Studium betreiben?
Ja. Seit ich im Fußballbusiness bin, habe ich mich immer sehr selber hinterfragt. Bin ich, weil ich so ein Quereinsteiger bin, auf dieses Geschäft einfach nicht vorbereitet worden? Aber ich glaube, dass es nicht nur ein persönliches Problem ist, sondern ein tiefgreifendes, strukturelles im Fußball ganz generell ist. Ich habe mich immer für Menschen und ihre Entscheidungen interessiert - das zusammen war für mich der Anlass für das Studium.

Wie geht man denn - psychologisch geschult oder nicht - mit all den Beleidigungen um, denen Sie im Internet fast täglich ausgesetzt sind?
Es ist sehr, sehr traurig und wirklich erschütternd, wie die Anonymität des Internets teilweise missbraucht wird, um uns aufs Übelste fertigzumachen. Wenn man täglich in seinen Nachrichten liest, "ich hoffe, du stirbst", "ich hoffe, deine Mutter stirbt an Krebs", dann geht das einem sehr, sehr nahe. Da werden jegliche Grenzen überschritten. Diese Auswüchse darf man nicht einfach hinnehmen und akzeptieren. Das Schlimme ist, wenn man diese Leute dann im echten Leben trifft, denn das sind manchmal auch die, die einen ganz brav nach einem Foto oder Autogramm fragen. Das ist das Perverse an der Geschichte. Als Rechtfertigung für all die Diffamierungen heißt es dann immer, die verdienen so viel Geld, das müssen die ertragen.

 "Es ist ein Teufelskreis, der sehr schädlich ist"

Angeblich ist das Schmerzensgeld im Gehalt eines Profis enthalten.
Egal, wie viel wir verdienen - und Sie und ich sind uns sicher einig, dass Fußballer unverhältnismäßig viel Geld bekommen - rechtfertigt das in meinen Augen nicht, dass man uns auf diese Weise beleidigen darf. Am Ende des Tages sind wir alle nur Menschen - mit Gefühlen, Schwächen und auch Problemen. Aber man redet über all das nicht, weil man es sonst gleich doppelt abkriegt. Es ist ein Teufelskreis, der sehr schädlich ist. Nicht nur für uns Spieler, sondern das gesamte Fußballbusiness.

Sind Sie für das Thema "Worte und Ihre Folgen" so sensibilisiert, weil Sie als Teenager, wie Sie in Ihrer Biografie schreiben, beim Thema Mobbing eher Täter als Opfer waren?
Mit Sicherheit ja. Mir war es ein großes Anliegen, dass ich das offen anspreche. Viele Biografien sind ja nur. . .

. . . Heldenverklärungen?
Genau. Ich bin mir aber völlig sicher, dass jede Person und jede Persönlichkeit Sachen gemacht hat, auf die sie nicht stolz ist. Es war mir ganz wichtig, dass dieser Aspekt, diese Seite an mir thematisiert wird. Ich kann mir vorstellen, dass viele Jugendliche dieses Buch lesen und ich sie so für das Thema sensibilisieren kann. Im Rückspiegel betrachtet, finde ich mich zur damaligen Zeit abscheulich. Ich weiß heute, was ich damit angerichtet habe. Es war mir wichtig, zu meinen Fehlern zu stehen. Ich kann nicht ungeschehen machen, was ich getan, was ich gesagt habe. Aber ich kann mich dafür entschuldigen und vielleicht dazu beitragen, dass andere es nicht tun, weil sie nicht darüber nachdenken, dass jeder dieser Sprüche wehtun kann. Wenn ich einen kleinen Beitrag leisten könnte, dass in Zukunft weniger gemobbt wird, wäre ich überglücklich. Denn ich weiß, was ich damals für Scheiße gemacht habe.

Mag der Robin Gosens von heute den Robin Gosens von vor zehn Jahren nicht?
Das kann man sicher teilweise so sagen. Ich habe mich sicher im Laufe der Zeit, auch durch die erweiterte Lebenserfahrung, zu einer anderen Persönlichkeit entwickelt. Ich bin eine viel reifere Person. Ich glaube aber auch, dass diese Erfahrungen, wenn sie auch teilweise sehr hässlich waren, sehr wichtig waren. Weil sie mich gelehrt haben, wie es nicht geht, wie es nicht sein darf. Ja, da ist eine gehörige Diskrepanz zwischen dem früheren Ich und dem jetzigen.

Sollten Fußballer noch viel mehr dieser Vorbildrolle gerecht werden? So, wie Sie jetzt beim Thema Mobbing oder die Nationalmannschaft, die gegen die Zustände der Arbeiter im WM-Gastgeberland Katar protestiert haben.
Absolut. Ich finde es wichtig, wenn etwa Leon Goretzka seine Meinung in Sachen Rassismus klar formuliert. Er ist ein echtes Vorbild und überhaupt eine sehr reife Persönlichkeit. Der Katar-Protest war, so wie ich das sehe, essenziell wichtig. Menschenrechte sind überhaupt nicht verhandelbar. Darüber darf man gar nicht diskutieren. Es sind über 6500 Menschen im Zuge der Bauarbeiten für die WM-Stadien gestorben. Es gibt kein Wort, mit dem man beschreiben kann, wie schrecklich das ist. Deswegen ist jeglicher Protest total angemessen. Wenn wir mit unserer Reichweite irgendetwas bei der Thematik bewirken können, sollten wir das in aller Härte und Konsequenz tun.

"Der Katar-Protest war essenziell wichtig. Menschenrechte sind überhaupt nicht verhandelbar", sagt Gosens über die T-Shirt-Aktion.
"Der Katar-Protest war essenziell wichtig. Menschenrechte sind überhaupt nicht verhandelbar", sagt Gosens über die T-Shirt-Aktion. © picture alliance/dpa/AFP-Pool

"Wenn ich eine Hölle beschreiben müsste, dann so - Bergamo im März 2020"

Vor der WM 2022 steht jetzt erstmal die Europameisterschaft an. Die war mal von der fast romantischen paneuropäischen Idee getrieben, dass die EM in zwölf Ländern auf dem Kontinent ausgetragen werden sollte - in Corona-Zeiten ein echter Fluch.
In der Theorie ist diese Idee wirklich romantisch. Ich glaube, diese Vielseitigkeit, die wir in Europa haben, ist wunderschön. Deswegen ist die Idee klasse. Nur muss ich auch sagen, sie ist unter den aktuellen Bedingungen mit Sicherheit sehr grenzwertig. Dafür habe ich im letzten Jahr einfach zu viel erleben müssen.

Sie spielen ja bei Atalanta, die Stadt Bergamo war vor gut einem Jahr der absolute, der tödliche Hotspot in Europa in dieser noch andauernden Corona-Pandemie.
Das war wirklich die Hölle auf Erden. Wenn ich eine Hölle beschreiben müsste, dann so - Bergamo im März 2020. Es war ein absoluter Tiefpunkt, ein absoluter Schreckenspunkt. Diese Bilder, die ich da sehen musste, werden wahrscheinlich leider Gottes bis zum Ende meiner Tage in meinem Kopf verankert sein. Die Sirenen der Polizei- und Krankenwägen, die täglich 24/7 auf einen eingeprasselt sind. Es gab keine Stille, nur diese Sirenen. Das sind Erfahrungen, die ich keinem wünsche. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass wir so etwas mitten in Europa jemals erleben müssen. All das hat mich in der Corona-Thematik sehr konditioniert. Deswegen kann ich den Corona-Leugnern nur Negatives entgegenbringen und habe keinerlei Verständnis dafür. Das kann nur jemand leugnen, der es nicht erlebt hat.

"Diese Bilder werden bis zu meinem Ende im Kopf verankert sein", sagt Gosens über die Leichentransporte in seiner Heimat Bergamo.
"Diese Bilder werden bis zu meinem Ende im Kopf verankert sein", sagt Gosens über die Leichentransporte in seiner Heimat Bergamo. © picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press

Was haben Sie erlebt?
Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man nicht da war. Die ganzen Särge, das Leid, die Trauer. Wir waren ja, wenn man ehrlich ist, in einem Kriegsgebiet. In einem Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, das Virus. Man hat dagegen gekämpft, aber wir in Bergamo waren in der Zeit des Lockdowns dabei, diesen Krieg klar zu verlieren. Das hat man in diesen drastischen Bildern gesehen - sehen müssen. So viele Tote! Wenn man das hautnah erlebt hat, dann trägt man das für immer in sich.

"Im Nachhinein zu hören, dass wir 'Spiel null' waren,  hinterlässt tiefe Spuren"

Besonders hart muss sein, dass ja das Spiel von Atalanta gegen Valencia, das der größte sportliche Erfolg der Vereinsgeschichte war, heute von den Experten als "Partie null, als Brandbeschleuniger, als Todbringer" in der Corona-Tragödie in Europa angesehen wird.
Es lag mir sehr, sehr lange, sehr, sehr schwer auf der Seele, dass wir im Prinzip ein Teil des großen Ganzen waren. Natürlich können wir direkt nichts dafür, aber man muss ganz ehrlich sagen, die Leute sind für uns ins Stadion gekommen. Wenn man im Nachhinein hört, dass wir dieses "Spiel null" waren, dass wir vielleicht der Auslöser für den ganzen Schrecken waren, der dann folgte, dann hinterlässt das tiefe Spuren. Zumindest bei mir. Auch wenn ich direkt nichts dafür kann, ein Stück weit verantwortlich fühle ich mich. Dieses ambivalente Verhältnis zu diesem Tag - auf der einen Seite, der Anfang vom Ende, auf der anderen Seite einer der schönsten Tage meiner sportlichen Karriere -, ist psychisch so unglaublich schwer zu verstehen.

"Es lag mir sehr, sehr lange, sehr, sehr schwer auf der Seele", sagt Gosens über das Superspreader-Spiel Bergamos gegen Valencia.
"Es lag mir sehr, sehr lange, sehr, sehr schwer auf der Seele", sagt Gosens über das Superspreader-Spiel Bergamos gegen Valencia. © imago images/Uk Sports Pics Ltd

Auch Ihre Oma war beim Spiel null im Stadion.
So ist es. Es war nur ein Glücksfall, dass meine Oma nicht krank geworden ist. Das hatte wohl vor allem mit der Windrichtung und den Nebenleuten zu tun. Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ihr was passiert wäre. Ich will auch gar nicht näher darüber nachdenken, sondern bin einfach nur dankbar, dass sie nicht zu den viel zu vielen gehörte, die Opfer des Virus wurden.

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