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AZ-Analyse: Joachim Löw - seine Fehler, seine Niederlagen

Der Bundestrainer übernimmt die Verantwortung für das frühe Aus bei dieser EM. "Dazu muss ich stehen!" Die AZ startet eine Serie über den scheidenden Bundestrainer. Heute: seine Fehler und Niederlagen.
| Patrick Strasser
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Joachim Löw bei seiner letzten Presskonferenz am Mittwoch.
Joachim Löw bei seiner letzten Presskonferenz am Mittwoch. © Federico Gambarini/dpa

München - Er sei "nicht weit von einer depressiven Verstimmung entfernt" gewesen, berichtete Joachim Löw nach dieser Zäsur in seinem Berufsleben.

EM-Aus 2021: Eine Befreiung für Joachim Löw? 

Nein, hier ist nicht die Rede von Wembley, vom Dienstagabend und dem bitteren EM-Aus seiner Nationalelf im Achtelfinale gegen England. Die negative Gemütsverfassung, die den Bundestrainer so runterzog, ist ein bisschen länger her und steht im Zusammenhang mit dem WM-Titel 2014 in Brasilien, seinem größten Triumph.

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So ist es ja oft im Leben. Das große Ziel, für das man Jahre lang gearbeitet und gekämpft, für das man alles investiert hat, dieser scheinbar unerreichbare Gipfel schmilzt im Moment des Erklimmens auf einen mickrigen Hügel zusammen.

Und jetzt? Umgekehrt verhält es sich genauso. Eine schwere Niederlage am Ende einer langen Anstrengung mündet in eine vorher nie für möglich gehaltene Erleichterung, ja fast sogar in eine Befreiung. Es ist vorbei. Blöd gelaufen, aber vorbei. Gut so.

Joachim Löw: "Ich übernehme die Verantwortung für dieses Ausscheiden"

Der kurzfristige Schmerz jedoch ist nicht zu unterschätzen. "Ich habe an diese Mannschaft geglaubt. Es tut mir leid, dass wir die Fans enttäuscht und nicht die Begeisterung ausgelöst haben, die wir uns vorgenommen haben", sagte Löw am Tag nach dem 0:2 gegen die Engländer und erklärte staatsmännisch als habe er krachend eine Wahl verloren: "Ich übernehme die Verantwortung für dieses Ausscheiden, ohne Wenn und Aber. Dazu muss ich stehen."

Auf eine inhaltliche Diskussion wollte er sich am Mittwoch bei der virtuellen Fragerunde mit den Reportern nicht einlassen. "Ins Detail zu gehen, dazu bin ich jetzt nicht in der Lage", sagte Löw und versuchte, das Bild des großen Ganzen aufzuhängen. Nach 15 Jahren nehme er "viele unvergessliche Momente mit, die man nicht vergisst. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar, dass ich das erleben konnte."

Ein geschickter Schachzug, die Debatte über das Fazit seines Schaffens auf die Ebene der Erlebnisse herunterzubrechen, nicht nur die Ergebnisse sprechen zu lassen. Für ihn zähle "der Weg mit Menschen, da sind unglaublich starke Verbindungen gewachsen". Also falle, so glaubt Löw, "in einigen Jahren eine Niederlage mehr oder weniger nicht so ins Gewicht".

Joachim Löw 2018: Watutinki war sein Waterloo

Der Angeklagte plädiert auf Milde. Die schlimmste war jene Pleite von Kazan 2018, das 0:2 gegen Südkorea. Dadurch wurde das blamable Vorrunden-Aus in Russland besiegelt. Zuvor hatte sich der gebräunte Löw an der Strandpromenade Sotschi provozierend lässig an eine Laterne gelehnt, mit Sonnenbrille und Mir-kann-keiner-was-Ausstrahlung. Irgendwie entrückt - ein schönes Eigentor.

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Dazu kam der überholte Spielstil, das sture Festhalten am Ballbesitzfußball, den der Rest der Welt (selbst Mexiko und Südkorea!) längst entschlüsselt hatten. Die Mannschaft, murrend untergebracht in einem Plattenbau-Quartier am Stadtrand von Moskau, war völlig zerstritten. Den Stars musste einmal sogar das WLAN abgestellt werden, weil sie nachts zu viel auf den Konsolen zockten. Watutinki war Löws Waterloo.

EM 2012: Löw verzockt sich mit Kroos gegen Pirlo

Bei der EM 2012 hatte er sich sportlich verzockt und im Halbfinale gegen Italien mit einer für alle - inklusive der eigenen Mannschaft - überraschenden Idee aufgewartet: Er beauftragte Toni Kroos, erstmals im Turnier in der Startelf, als Bewacher von Azzurri-Regisseur Andrea Pirlo. Was völlig misslang. Doch Spielmacher Kroos war gegen den Spielmacher auf der anderen Seite überfordert, konnte kaum Bälle gewinnen, die Pässe des Maestros nicht verhindern - 1:2, das völlig unerwartete Aus.

2020: 13 Gegentreffer für die DFB-Elf in sechs Partien

Im Herbst 2018 folgte der sportliche Abstieg in der Nations League. Gegen Frankreich und die Niederlande holte man in vier Spielen lediglich zwei Punkte. Das Oranje-Team verpasste dem Nachbarn mit dem 3:0 von Amsterdam die höchste Pleite aller Zeiten in direkten Duellen.

In der zweiten Auflage der Nations League setzte es 2020 in sechs Partien gegen Spanien, die Schweiz und die Ukraine 13 Gegentreffer - mit dem 0:6 von Sevilla als negativem Höhepunkt. Trotzdem durfte Löw einen letzten Versuch bei dieser EM starten - und scheiterte erneut.

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