Löws linke Lösung: Umschüler Höwedes genießt den WM-Wahnsinn

Die linke Außenverteidigerposition hat Joachim Löw schon viele Nerven gekostet. Schmelzer? Jansen? Durm? Nein, die WM-Lösung ist ein Umschüler, der auch Messi im Finale furchtlos begegnen will.
| dpa
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Santo André - Wann genau Joachim Löw die Idee mit Benedikt Höwedes als linkem Außenverteidiger kam, hat der Bundestrainer im Laufe der Fußball-Weltmeisterschaft noch nicht verraten. Und der Schalker Umschüler staunt in Brasilien ja auch selbst immer noch über den anfangs verwegenen und inzwischen sechsmal geglückten Plan.

"Natürlich ist das für mich auch ein absoluter Wahnsinn, der da gerade passiert", gestand der 26-Jährige nach dem Einzug ins WM-Endspiel gegen Argentinien. Aber im selben Atemzug fügte er selbstbewusst hinzu: "Wenn wir im Finale stehen, dann kann auch ich nicht sehr viel falsch gemacht haben." Neben Torwart Manuel Neuer und Kapitän Philipp Lahm ist er der dritte DFB-Akteur, der die kompletten 570 Minuten in Brasilien durchspielte. "Für mich ist das unfassbar und großartig zugleich", sagte der unerwartete Dauerbrenner.

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Gegen Argentinien wird der etwas andere Linksverteidiger hin und wieder wohl auch Lionel Messi stoppen müssen, falls der Weltstar auf die Idee kommen sollte, dass Dribblings über die linke deutsche Abwehrseite besonders erfolgversprechend sein könnten. Höwedes fürchtet sich davor nicht: "Ich spiele auf einer Position, die ich nicht gelernt habe. Und trotzdem glaube ich, helfe ich der Mannschaft da schon weiter mit meiner defensiven Präsenz."

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Wie im Auftaktspiel gegen Portugal mit Cristiano Ronaldo werde das Kollektiv entscheidend sein, um auch den Ausnahmespieler Messi zu beherrschen. "Dann wird auch ein Spieler solcher Qualität nicht zum Zuge kommen. Dazu will ich meinen Beitrag leisten", sagte Höwedes. Dass er immer noch als "der Schwachpunkt" in der deutschen Abwehr angesehen werden könnte, erstaunt ihn: "Das muss mir einer erklären."

Der gelernte Innenverteidiger, der im Verein und im Nationaltrikot auch schon oft rechts aushelfen musste, ruft bei der WM das ab, was ihn auszeichnet: Er ist robust im Eins-gegen-Eins, er geht weite Wege und bringt hinten wie vorne seine Kopfballstärke ein. "Benedikt Höwedes agiert in der Defensive sehr zweikampfstark", lobte Löw.

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Seit Kapitän Philipp Lahm die linke Abwehrseite dauerhaft verlassen hat, ist Löw auf der Suche nach einem tauglichen Spezialisten als Nachfolger. Vor dem WM-Qualifikationsspiel im Oktober 2012 in Irland klagte der Bundestrainer sogar einmal drastisch sein Leid. "Ich kann mir linke Verteidiger im Moment auch nicht schnitzen", grummelte er. Es war damals eine verbale Spitze gegen den Dortmunder Marcel Schmelzer, den Löw diesmal nach dem Trainingslager in Südtirol aus dem WM-Kader strich. Zuvor hatte der Chefcoach bereits den Hamburger Marcell Jansen ausgemustert.

Auf den Dortmunder Turnier-Azubi Eric Durm wollte Löw im Ernstfall bei der WM auch nicht setzen. Also wählte der 54-Jährige das "Modell Boateng", das bei der WM 2010 in Südafrika funktioniert hatte. Damals stellte Löw mitten im Turnier Jérome Boateng, ebenfalls Rechtsfuß und am liebsten Innenverteidiger, als Notlösung auf die linke Außenbahn.

Getestet hatte Löw die Option Höwedes erstmals schon am 6. Februar 2013. Da feierte der Schalker beim 2:1-Sieg in Paris gegen Frankreich seine Länderspiel-Premiere als linker Verteidiger. In Brasilien hat der Nothelfer nun einen klaren Auftrag: hinten dichtmachen. Große Offensivaktionen erwartet Löw nicht von seiner Nummer 4. "Es ist nicht meine Aufgabe, mit meinem starken linken Huf sensationelle Flanken zu schlagen", sagte Howedes scherzhaft dazu.

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Eine großartige Umschulung zum Linksverteidiger durchlief der 1,87 Meter große Athlet nicht. "Ich habe ein bisschen gebraucht, in die Position hineinzufinden. In der Hauptsache geht es für mich darum, meine defensiven Qualitäten einzubringen", berichtete er. Zum Glück für ihn ist er rechtzeitig zum Turnier fit geworden, nachdem er in der WM-Saison gleich drei schwere Muskelverletzungen erlitten hatte. "Dafür habe ich viel investiert", sagte er am Donnerstag im Quartier.

Am Sonntag könnte es im Maracanã-Stadion zum Happy-End kommen, für Deutschland - und für den erstaunlichen Linksverteidiger Höwedes. "Es ist eine Riesensache für mich, die gerade hier stattfindet. Der Höhepunkt wird dieses Finale sein. Wir wollen unbedingt gewinnen. Wir wollen Weltmeister werden", sagte Höwedes. Dass es mit ihm als Linksverteidiger realisiert werden könnte, ahnte am Anfang der Brasilien-Expedition höchstens der Bundestrainer.

 

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