Sturm- und Drang-Verteidiger Lucio verlässt den FC Bayern

Der klassisch-filigrane Brasilianer war er nie und wird er auch nicht mehr werden: Sturm- und Drang-Verteidiger Lucio geht für etwa zehn Millionen Euro Ablöse zu Inter Mailand. Hoeneß sagt: "Man bot uns etwa 15 Spieler zum Tausch an, wir wollten aber Cash."
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Sauer auf seinen Ex-Klub: Ex-Bayer Lucio
AP Sauer auf seinen Ex-Klub: Ex-Bayer Lucio

MÜNCHEN - Der klassisch-filigrane Brasilianer war er nie und wird er auch nicht mehr werden: Sturm- und Drang-Verteidiger Lucio geht für etwa zehn Millionen Euro Ablöse zu Inter Mailand. Hoeneß sagt: "Man bot uns etwa 15 Spieler zum Tausch an, wir wollten aber Cash."

Sein letztes Tor als Angestellter des FC Bayern war ein Pokalbringendes: Im lausig kalten südafrikanischen Winter von Johannesburg traf Lucimar da Silva Ferreira in der 84. Minute für die brasilianische Nationalmannschaft zum 3:2 gegen die USA. Wenig später durfte er als Kapitän der Selecao den Siegerpokal in Empfang nehmen. Es wird eine besondere Genugtuung für den stolzen Brasilianer gewesen sein. Denn schon zu diesem Zeitpunkt, Ende Juni, hatte sich angedeutet, was nun, am ersten Tag nach dem nur 18-tägigen Sommerurlaub, Gewissheit geworden ist: Lucio, seit fünf Jahren Stammspieler beim FC Bayern, wechselt mit sofortiger Wirkung zu Inter Mailand.

Am Morgen hatte der 31-Jährige noch mit dem ebenfalls aus dem Urlaub zurückgekehrten Luca Toni sowie dem im Trainingsaufbau befindlichen Bastian Schweinsteiger eine erste lockere Trainingseinheit absolviert, doch nur wenige Minuten später trat Bayern-Manager Uli Hoeneß vor die Presse und gab den Wechsel Lucios bekannt: „Die Vereine sind sich einig, und der Spieler ist sich mit dem Verein einig“, sagte Hoeneß, „Lucio wollte einen weiteren langfristigen Vertrag bei uns. Wir wollten aber maximal zwei Jahre mit ihm verlängern. Als Inter ihm einen Dreijahresvertrag geboten hat, hat er sich entschieden, das Angebot anzunehmen. Lucios Berater Sandro Becker ist seit zehn Tagen in München und hat Angebote sondiert. Jetzt haben wir uns mit Inter geeinigt", so Hoeneß.

Der Vertrag von Lucio bei den Bayern wäre noch ein Jahr gelaufen. Lucio, der 2004 von Leverkusen nach München gewechselt war, hatte zuletzt beklagt, dass ihm beim FC Bayern unter dem neuen Coach Louis van Gaal nicht mehr die nötige Wertschätzung entgegengebracht würde. Die Bayern-Verantwortlichen hatten daraufhin Gesprächsbereitschaft signalisiert, zumal in der Innenverteidigung ein Überangebot besteht. In Martin Demichelis, Holger Badstuber, Daniel van Buyten und Breno stehen van Gaal noch vier Spieler für die Abwehrzentrale zur Verfügung. Auch Neuzugang Edson Braafheid könnte nach innen rücken.

Statt mit den Bayern ins Trainingslager nach Donaueschingen fährt Lucio nun zur ärztlichen Untersuchung nach Mailand. Sein Trainer wird künftig Jose Mourinho heißen - auch nicht gerade ein einfacher Charakter.

Über die Ablösesumme vereinbarten beide Seiten Stillschweigen; sie dürfte aber bei rund zehn Millionen Euro liegen. Laut Manager Hoeneß bot Inter Mailand, „etwa 15 Spieler zum Tausch an, wir wollten aber Cash, und als wir Cash bekommen haben, haben wir zugestimmt“. Der Markt gebe allerdings „momentan nicht viel her“, so Hoeneß.

Lucimar da Silva Ferreira, der 72-malige brasilianische Nationalspieler hat insgesamt 236 Bundesligaspiele (22 Tore) absolviert. Mit Bayern gewann er dreimal die Meisterschaft und den DFB-Pokal. Größter Erfolg in der Karriere von Lucio war aber 2002 der Triumph bei der Weltmeisterschaft durch ein 2:0 im Finale gegen Deutschland.

Mit nur drei Vereinen in bislang zwölf Profi-Jahren ist der äußerst gläubige Christ eine Ausnahmeerscheinung im schnelllebigen Fußballgeschäft. 1997 wechselte er in Brasilien für 100.000 Euro vom Clube de Regatas Guará zum Sport Club Internacional, vier Jahre später für 8,5 Millionen Euro zu Bayer Leverkusen und 2004 für zwölf Millionen Euro zum FC Bayern. Man kann nicht sagen, dass er dort ein Publikumsliebling war. Dazu hörte man viel zu wenig von ihm: Mit der deutschen Sprache wolllte er sich auch nach acht Jahren nicht wirklich anfreunden.

Mit viel Wille und Engagement, aber recht wenig Technik, ging er in der Bayern-Defensive zu Werke, wirkte mit seinen eckigen Bewegungen aber immer etwas hölzern und zuweilen auch störrisch wie ein kleines Kind, das mit dem Fuß aufstampft. Auch spektakuläre Patzer blieben nicht aus; vor allem in der vergangenen Saison ging die unter Keeper Oliver Kahn noch so stabile Defensive komplett aus dem Leim. Hinzu kam Lucios Nicht-Verhältnis zum argentinischen Nebenmann Martin Demichelis, das zeitweise sogar in Handgreiflichkeiten mündete.

Mit Lucio geht ein Vertreter der mittelprächtig erfolgreichen Bayern-Generation: National sieht seine Bilanz ordentlich aus, doch in Champions League und Uefa-Cup hat es nicht für große Titel gereicht, wie schon zuvor beim ewigen Zweiten Leverkusen. Manager Uli Hoeneß, der noch vor wenigen Tagen moniert hatte, dass es überhaupt zu den Gerüchten um Lucio gekommen war, weinte ihm noch ein halbes Tränchen hinterher: „Lucio hat hier hervorragende Arbeit geleistet. Wir sind traurig, dass er geht."

Thomas Becker

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