Interview

Paul Breitner wird 70: "Ich habe jederzeit genau das gemacht, was ich wollte"

Paul Breitner wird am Sonntag 70. In der AZ erinnert er sich an seine Anfänge, den FC Bayern und macht klar: "Mich hat in meinem Leben noch nie interessiert, was rechts und links von mir einer meint."
| Patrick Strasser
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Am Sonntag feiert Paul Breitner, Weltmeister von 1974, seinen 70. Geburtstag.
Am Sonntag feiert Paul Breitner, Weltmeister von 1974, seinen 70. Geburtstag. © imago images / Sven Simon

AZ-Interview mit Paul Breitner: Der Mann aus Kolbermoor ist eine der prägenden Figuren im deutschen Fußball in den vergangenen Jahrzehnten. Er spielte von 1970 bis '74 für den FC Bayern, dann wechselte er zu Real Madrid, 1978 kehrte er zu den Bayern zurück und beendete dort 1983 seine Karriere. In der Nationalmannschaft bestritt er 48 Länderspiele, er wurde 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Für 17 Stunden war er 1988 auch Bundestrainer. Am Sonntag feiert der fünfmalige deutsche und zweimalige spanische Meister seinen 70. Geburtstag.

AZ: Herr Breitner, ein großer, runder Geburtstag steht an - für viele Menschen ist es eine Zäsur. Mal ganz platt gefragt: Was wünschen Sie sich zu Ihrem Siebzigsten?
PAUL BREITNER: Gar nix! Ich bin auch keiner, der sich an Silvester etwas vornimmt oder fürs neue Jahr wünscht. Der 70. ist eine Momentaufnahme wie der 69. oder der 71. Und so gut müssten Sie mich mittlerweile kennen: Für so was bin ich ein viel zu nüchterner, realistisch denkender Mensch. Gut, eine Sache wünsche ich mir unabhängig von einem Geburtstag: Ich habe vier Enkelkinder und die noch eine Zeit lang aufwachsen zu sehen, das wäre schön.

Anders gefragt: Viele Menschen im - Pardon - Rentenalter nehmen sich etwas ganz Besonderes vor, wollen sich selbst einen langersehnten Wunsch erfüllen. Ein Reiseziel, einen bestimmten Berg besteigen, ein besonderes Event.
Schauen Sie: Ich habe jederzeit genau das gemacht, was ich machen wollte. Wenn ich jetzt nach 52 Jahren meines Lebens, das ich im Grunde als Person des öffentlichen Lebens verbracht habe, nun plötzlich sagen würde: Ui, das und das hätte, würde ich noch gerne - nein, dann hätte ich etwas falsch gemacht. Ich bin sehr, sehr zufrieden. Es war alles wunderbar.

Dann lassen Sie uns auf eine Zeitreise durch die sieben bisherigen Jahrzehnte Ihres Lebens gehen. Sie sind ein Nachkriegskind, wurden am 5. September 1951 in Kolbermoor bei Rosenheim geboren. Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben?
Auf einen Nenner gebracht: Einfache Verhältnisse, aber schön. Ich fand die Zeit unheimlich schön. Da war nichts Gekünsteltes, alles ganz natürlich.

"Im Grunde hatte ich zwei Eltern"

Waren die 50er Jahre nicht vorwiegend durch Armut geprägt?
Natürlich, überall. Meine Eltern hatten keine Mark zu viel, aber es ging uns gut. Ich habe nichts vermisst, musste nicht wochenlang mit derselben Kleidung in die Schule gehen oder gar hungern wie so viele meiner Mitschüler, die dankbar waren für ein Butterbrot, das ihnen meine Tante Anni geschmiert hat. Bei ihr bin ich aufgewachsen.

Wie kam das?
Ich war ein Einzelkind, hatte im Grunde zwei Eltern: Meine Mutter Anna und meinen Vater Paul sowie Tante Anni und Onkel Schorsch, die mit uns in einem Haus gelebt haben. Mein Vater arbeitete in einer Strumpf-Fabrik in Freilassing und ist gependelt. Montagfrüh los, Freitagabend zurück. Meine Mutter hat in der Spinnerei Kolbermoor im Schichtdienst gearbeitet. Daher der intensive Bezug zu Tante und Onkel. Ich habe sehr viel Zeit mit meinen Freunden draußen verbracht. Es gab ja kaum Autos, kaum Verkehr. Für mich eine absolut erfüllte Kindheit. Verstehen Sie, was ich meine?

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Ja, schon. Ab wann spürte man, dass die Nachkriegsarmut dank des Wiederaufbaus vom Wirtschaftswunder abgelöst wurde?
Die Basis des Wirtschaftswunders waren die 50er Jahre. Bis es bei den Menschen ankam, hat es bis Mitte der 60er Jahre gedauert. Die Leute konnten sich wieder etwas kaufen, etwas leisten. Meine Eltern haben 1957 eine BMW Isetta gekauft, auf Raten. Sie haben über alle Ausgaben ganz genau Buch geführt.

Mit sechs Jahren fingen Sie beim SV Kolbermoor an, Fußball zu spielen.
Im selben Alter habe ich mein erstes offizielles Spiel für die Schülermannschaft gemacht, obwohl ich mindestens zehn Jahre alt hätte sein müssen. Da wurde ich reingeschmuggelt, weil ein anderer für mich bei der Passkontrolle des Schiedsrichters "Hier!" geschrien hat. An meinem 10. Geburtstag bekam ich meinen Spielerpass für die Schülermannschaft, dadurch war ich versichert.

"Bereits mit zwölf habe ich mich für de facto erwachsen gehalten"

Woher kam die Liebe zu Fußball?
An Weihnachten oder zu Geburtstagen habe ich oft Baukästen oder sowas geschenkt bekommen, ich wollte und brauchte aber nur einen Ball. Schon als Knirps hat mich mein Vater am Wochenende auf dem Moped von Kolbermoor zu jedem Heimspiel der Bayern ins Stadion an der Grünwalder Straße mitgenommen. Bei Wind und Wetter, eine gute Stunde Fahrzeit hin und danach wieder zurück.

1961 wechselten Sie zum ESV Freilassing. Dort war Ihr Vater acht Jahre lang Ihr Jugendtrainer. Wie war das?
Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Als Trainer war er der Entwicklung des Fußballs 20, 30 Jahre voraus, weil er uns Spielern in der taktischen Verantwortung auf dem Feld völlig freie Hand gelassen hat. Ich habe damals realisiert, dass es nur zwei Maxime in Sachen Taktik gibt: Ordnung in der Abwehr herstellen, wenn der Gegner in Ballbesitz ist, und bei eigenem Ballbesitz Chaos im Angriff produzieren. All die unterschiedlichen Systeme mit den klitzekleinsten Details sind Schwachsinn hoch fünf.

Wie lief es in der Schule?
Ich hatte null Probleme in der Grundschule, das hat mich keine Mühe gekostet. Mit zehn kam ich auf das Humanistische Gymnasium in Traunstein. Bereits mit zwölf habe ich mich für de facto erwachsen gehalten, wollte mich selbst um mein Leben kümmern. Als ich von der Schule nach Hause kam, waren meine Eltern in der Arbeit. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und wenn ein Zettel auf dem Tisch lag, bin ich noch zum Einkaufen. Im Grunde habe ich für mich gesorgt.

Und ganz alleine trainiert.
Ab dem 13. Lebensjahr jede Woche drei, vier Mal: montags, dienstags, freitags. Am Mittwoch mit der Mannschaft und am Donnerstag nochmal alleine oder mit meinem Vater. Ich habe vier Jahre lang in der bayerischen Jugendauswahl gespielt, dann in der süddeutschen. Mit 16 habe ich mein erstes Jugendländerspiel gemacht, wir waren oft wochenlang unterwegs.

Wie fanden Ihre Eltern das?
Sie haben mir freie Hand gelassen und mir lediglich eine Bedingung gestellt: Nicht durchfallen! Wenn beim Zwischenzeugnis mal ein Fünfer dabei war, dann habe ich gesagt: Keine Sorge, der ist am Jahresende weg! Und zu einem Elternsprechtag braucht ihr auch niemals gehen.

Ging Ihr Weg auf?
Na ja, ich habe mein Abitur mit der Note 2,1 gemacht. Das Wichtigste für mich war: Es gab keinen Zwang. Ich konnte tun, was ich wollte. Das hat mich geprägt.

"Später einmal wollte ich mit körperlich oder geistig behinderten Menschen arbeiten"

Was wollten Sie nach der Schule machen?
Studieren. Philosophie und Psychologie, das war als Teenager mein Ziel.

Aber?
Als ich 1970 beim FC Bayern einen Zweijahresvertrag unterschrieben habe, wollte ich damit mein Studium finanzieren. Doch schon während meines ersten Profijahres kam ich zur Überzeugung: Bei knapp 100 Spielen pro Saison und rund 300 Reisetagen bleibt kaum Zeit für so ein Studium. Ich wollte später einmal mit körperlich oder geistig behinderten Menschen arbeiten, habe daher sechs Semester Sonder- und Behindertenpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in München-Pasing studiert, bis ich 1974 nach Madrid ging.

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Sie waren auch politisch interessiert und engagiert. Wie haben Sie als Schüler den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg wahrgenommen?
Das hat uns in der Schule fast tagtäglich beschäftigt. Im Grunde haben wir uns am Gymnasium gefühlt wie eine Außenstelle der 68er-Bewegung. Wir hatten in Traunstein einen kleinen politischen Zirkel, der sich damit auseinandergesetzt hat, der Aktionen geplant hat. Wir sind auf die Straße gegangen, haben demonstriert - ganz friedlich. Der Vietnamkrieg war ein Anlass der Nachkriegsgeneration, sich aus der Umklammerung zu befreien. Ein gigantischer Ausbruchsversuch gegenüber denjenigen, die von Nazi-Deutschland geprägt, erzogen und geführt wurden. Es ist zum Teil geglückt, zum Teil nicht.

Sie haben sich in den 70er-Jahren für die Ideen von Mao und Che Guevara interessiert. Sie galten als Exzentriker, Revoluzzer, Querkopf, unbequemer Rebell und ernteten viel Kritik und Gegenwind.
Mich hat in meinem Leben noch nie interessiert, was rechts und links von mir einer meint oder welche Meinung er von mir hat - auch mein Nachbar nicht. Dass ein Berufsfußballer, der viel Geld verdient, sagt: Ich bin gegen die Amis in Vietnam - das hat viele irritiert. Meine Meinung war: Ich kann beim FC Bayern spielen und mich doch trotzdem interessieren und engagieren für Themen, die einen jungen Mann eben beschäftigen und sogar beschäftigen müssen. Was für Konsequenzen das politische Geschehen im Land auch für uns Nationalspieler hatte, haben wir bei der WM 1974 in Deutschland gesehen. In der Zeit der RAF-Bedrohung sind wir in den insgesamt sieben Wochen, die wir als Nationalelf für die WM zusammen waren, keine Sekunde unbeobachtet geblieben. Überall Polizei, auf Schritt und Tritt. Auf allen Fluren der Sportschule Malente die GSG9-Beamten. Es war die Hölle, das hat mir gereicht. Im Übrigen war mein historischer Moment der 70er ein ganz anderer.

Dafür bekam Breitner viel Kritik: Der Bayern-Star posiert 1973 vor einem Porträt von Mao, Staatspräsident der Volksrepublik China.
Dafür bekam Breitner viel Kritik: Der Bayern-Star posiert 1973 vor einem Porträt von Mao, Staatspräsident der Volksrepublik China. © Imago

So? Welcher denn?
Der Kniefall von Kanzler Willy Brandt 1970 in Warschau. Diesen Mut zu besitzen, die deutsche Schuld mit dieser körperlichen Geste samt tiefster Demut so ehrlich zu bekennen - das hat mich wahnsinnig beeindruckt.

"Hilde und ich haben uns kennengelernt, da waren wir 14, 15 Jahre"

Ihr emotionalster Moment der 70er dürfte ein ganz anderer, ein romantischer gewesen sein.
(lacht) Mit Sicherheit. Hilde und ich haben uns kennengelernt, da waren wir 14, 15 Jahre alt. Mit 19 haben wir geheiratet und ja, diese vier Tage im Juni 1971 gehören zu den denkwürdigsten unseres Lebens.

Erzählen Sie bitte.
Am 19. Juni 1971, ein Samstag, habe ich mit dem FC Bayern im Neckarstadion von Stuttgart den DFB-Pokal gewonnen, mit 2:1 nach Verlängerung gegen den 1. FC Köln - mein erster Titel im Profibereich. Ich habe nur kurz darauf angestoßen, denn am Sonntag um 10 Uhr fand unsere Trauung durch den Bürgermeister von Freilassing statt. Es gab ein kleines, feierliches Mittagessen, und dann musste ich zurück nach München, um den Flieger nach Frankfurt zu nehmen. Ich hatte eine Einladung zur Nationalmannschaft erhalten. Am Montag flogen wir nach Oslo, am Dienstag habe ich beim 7:1 in Norwegen mein erstes Länderspiel gemacht. Und das alles am Ende meiner ersten Saison beim FC Bayern.

Nur wenige Tage nach der Hochzeit bestreitet Paul Breitner in Oslo gegen Norwegen sein allererstes Länderspiel für Deutschland.
Nur wenige Tage nach der Hochzeit bestreitet Paul Breitner in Oslo gegen Norwegen sein allererstes Länderspiel für Deutschland. © imago/WEREK

Ihre Frau Hilde war nicht sauer?
Sie kannte mich so, hat miterlebt, wie meine Schulzeit mit all den Spielen und Reisen der Jugendnationalelf ablief. Und diese Ballung wunderbarer Ereignisse hat nun wirklich keiner ahnen können (lacht). Im Juni hatten wir unseren 50. Hochzeitstag.

Wir überspringen in Ihrer Vita die drei Jahre bei Real Madrid von 1974 an und die für Sie sehr spezielle Saison 1977/78 bei Eintracht Braunschweig. 1978 kehrten Sie zum FC Bayern zurück. . . .
. . in einen zutiefst kaputten Verein, der Schulden hatte wie der FC Schalke oder Borussia Dortmund in ihren schlimmsten Zeiten zusammen. Ich maße mir an zu behaupten, dass Karl-Heinz Rummenigge und ich dem Klub den Weg aus der tiefsten Jauche heraus geebnet haben zum strahlenden FC Bayern der heutigen Zeit. Uns beiden ist es gelungen, einen Verein umzudrehen und zu altem Glanz zu verhelfen. Spätestens mit Kalles Verkauf zu Inter Mailand 1983 (für eine Ablöse von 10,5 Millionen Mark, d.Red.) hatte der Verein den Kopf wieder über Wasser. Diese Leistung, diesen Erfolg hefte ich Kalle und mir an. Und keinem anderen!

"Karl-Heinz Rummenigge und ich haben dem Klub den Weg aus der tiefsten Jauche heraus geebnet", sagt Paul Breitner (l.).
"Karl-Heinz Rummenigge und ich haben dem Klub den Weg aus der tiefsten Jauche heraus geebnet", sagt Paul Breitner (l.). © picture alliance / dpa

Zurück in der Gegenwart: Freuen Sie sich wieder auf Spiele in der Allianz Arena?
Ich werde sicher mal zu einem Heimländerspiel gehen, wenn die Allianz Arena wieder voll sein kann. Hin und wieder fliege ich nach Madrid und schaue mir ein Spiel meines Ex-Vereins Real an. Oder ein Spiel in der Premier League. Das kann ich gut verbinden, ich habe einen englischen Schwiegersohn. Ich genieße Fußball zu Hause.

"In den Stadien hielten Vandalismus und Randale Einzug"

Schalten Sie daheim eigentlich immer noch den Ton auf stumm, wenn ein Spiel läuft?
Ich brauche keinen Kommentator, der mir die Spieler, irgendwelche Statistiken oder Systeme erzählt. Ich lege mir dann klassische Musik auf - mal Mozart, mal Bach. Je nach Stimmung können es aber auch die Beatles oder Queen sein.

Und Ihre Frau Hilde schaut manchmal mit?
Hilde hat sich noch nie für Fußball interessiert.

Mit 19 Jahren heiratet Paul Breitner im Juni 1971 seine Hildegard. "Sie hat sich nie für Fußball interessiert", sagt Breitner.
Mit 19 Jahren heiratet Paul Breitner im Juni 1971 seine Hildegard. "Sie hat sich nie für Fußball interessiert", sagt Breitner. © imago sportfotodienst

Reisen wir zurück in die 80er Jahre. 1983 haben Sie Ihre Karriere beendet.
Ich hatte schon 1980/81 gespürt, dass es bald vorbei sein würde. In den Stadien hielten Vandalismus und Randale Einzug. Acht-, neun-, zehnjährige Kinder haben uns Spieler beleidigt und angespuckt, mit Tomaten und Steinen beworfen. Und die Eltern auch noch mitgemacht, ihre Rotzlöffel nicht zurückgehalten. Ich hatte damit Riesenprobleme und daher 1981 meinen Vertrag nur um zwei Jahre verlängert. Das hat man beim FC Bayern ganz und gar nicht verstanden.

Mit erst 31 haben Sie aufgehört.
Es war der perfekte Entschluss, ich hatte die Schnauze voll vom Fußball, war müde. Ich hätte mich noch drei, vier Jahre locker durchmogeln können, hatte zig Angebote aus Italien, England oder der Türkei, aus halb Europa. Das aber hätte meinen Anspruch an mich, immer 100 Prozent Leistungsbereitschaft zeigen zu wollen, mit Füßen getreten.

Nach Ende Ihrer Karriere haben Sie "die Seiten gewechselt", wie man so sagt. Als Zeitungskolumnist oder TV-Experte gearbeitet, unter anderem für die Abendzeitung.
Zu Beginn des Privatfernsehens hatte ich schon zwei Sendungen pro Woche. Für mich war das eine super Übung, um zu lernen, sich vor der Kamera zu verhalten. Und die Kolumnen, die ich immer mit offenem Visier verfasst habe, waren alle von mir, da durfte kein Komma reinredigiert werden, nichts.

Nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM 1998 in Frankreich und dem Rücktritt von Berti Vogts waren Sie plötzlich für 17 Stunden Bundestrainer. . .
DFB-Präsident Egidius Braun und ich kannten uns schon lange, wir hatten ein herzliches Verhältnis. Ich sollte die Nationalelf als Konkursverwalter übernehmen, als Übergangslösung den Karren aus dem Dreck ziehen - für neun bis zwölf Monate maximal. Ich sagte: "Ich will kein Geld - und wenn doch: Spenden Sie es. Und keinen Vertrag, weil ich möchte im Fall der Fälle von heute auf morgen aufhören können."

Was nicht viele wissen: Sie hatten Erfahrung als Trainer, haben in Ihrem Wohnort von 1986 an beim TSV Brunnthal 14 Jahre lang die Dorfjugend trainiert, von der F-Jugend bis zur A-Jugend.
Meine Bedingung für den Job des Bundestrainers an den DFB lautete: Das Kinder- und Jugendtraining hierzulande völlig umkrempeln! Wir haben damals Fußballarbeiter ausgebildet, keine Fußballspieler. Die mussten im Training nur Runden laufen und durften kaum einen Ball berühren. Unabhängig davon sagte ich zu Egidius Braun: "Herr Braun, ich wäre der Beste dafür, keine Frage, aber Sie werden das niemals bei Ihren Präsidiumskollegen durchsetzen können." So kam es dann auch. Weil zu viele Leute beim DFB, zum Teil aus Kriegs- und Vorkriegsgenerationen, vor einem wie mir Angst hatten.

"Ich bin kein Umfaller, kein Fähnchen im Wind"

2007 haben Sie Ihre Expertenjobs gekündigt und sind als Berater, Scout und Markenbotschafter zum FC Bayern zurückgekehrt. Trotz all der Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen in den Jahrzehnten zuvor.
Ich bin kein Umfaller, kein Fähnchen im Wind. Es ging darum: Die drei Herren in der Führung haben mich gefragt, ob ich den Verein national und international vertreten könnte, da Bayern weiter expandierte. Ich hatte Zeit, kann reden und ein paar Sprachen. Die zehn Jahre waren eine schöne Zeit. Ich war autark, habe mir meine Termine gemacht, war 50 bis 60 Tage im Jahr unterwegs, von Asien bis Südamerika.

Gemeinsam mit Ihrer Frau engagieren Sie sich auch seit 15 Jahren für die Münchner Tafel, verteilen jeden Montag in Haidhausen Lebensmittel an Bedürftige. Sie haben drei Kinder, vier Enkel. Wie denken Sie über deren Zukunft auf dieser Welt?
Dieses 21. Jahrhundert wurde und wird bestimmt von den Terroranschlägen des 11. September 2001 mit all den weitreichenden Folgen - bis heute, wie man aktuell sieht. Dazu von früheren Umweltverbrechen der Menschen ab Beginn der Industrialisierung, die nun zu Naturkatastrophen und zum Klimawandel führen, und nun von der Corona-Pandemie. Wenn ich in dem Zusammenhang an meine Kinder und Enkel denke, versuche ich, das alles wegzudrücken, weil mir sonst schlecht wird. Ich fühle mich bei der Unfähigkeit und Postenaussitzerei der jetzt Verantwortlichen machtlos.

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