Interview

Ottmar Hitzfeld im AZ-Interview über 2001: "Die intensivste und schönste Zeit"

Ottmar Hitzfeld spricht im exklusiven AZ-Interview über die dramatische Meisterschaft in Hamburg vor genau 20 Jahren, den Champions-League-Triumph und sein Siegerteam: "Eine überragende Achse".
| Maximilian Koch
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Champions-League-Sieger 2001: Der FC Bayern um (v.l.) Kahn, Kuffour, Effenberg, Lizarazu, Jancker, Wessels, Henke und Hitzfeld.
Champions-League-Sieger 2001: Der FC Bayern um (v.l.) Kahn, Kuffour, Effenberg, Lizarazu, Jancker, Wessels, Henke und Hitzfeld. © Alberto Estevez(dpa

München - AZ-Interview mit Ottmar Hitzfeld: Der 72-Jährige trainierte den FC Bayern von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2008. Er gewann fünfmal die Deutsche Meisterschaft und 2001 die Champions League.

AZ: Herr Hitzfeld, 20 Jahre ist es nun schon her, dass Sie als Trainer des FC Bayern am 19. Mai 2001 zunächst die dramatische Meisterschaft in Hamburg mit ihrer Mannschaft gewannen und vier Tage später in Mailand die Champions League. Welches Bild haben Sie zuerst im Kopf, wenn Sie an diese Tage zurückdenken?
OTTMAR HITZFELD: Zuerst kommt da der Jubel nach dem letzten gehaltenen Elfmeter von Oliver Kahn gegen Valencia in Mailand. Das war eine Gefühlsexplosion, eine riesige Erleichterung und Freude. Einfach fantastisch. Nach diesem Elfmeter ist die gesamte Spannung abgefallen, die sich bei mir vor dem Finale tagelang aufgebaut hatte.

"Unglaublich": Hitzfeld erinnert sich ans Champions-League-Finale 2001

1:1 stand es nach 90 Minuten, dann gab es Verlängerung, dann Elfmeterschießen.
Es ging hin und her. Zunächst verursacht Patrik Andersson einen Elfmeter und nach drei Minuten steht es 0:1. Das war ein Schock. Dann verschießt Mehmet Scholl nach sieben Minuten einen Elfmeter für uns.

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Haben Sie trotzdem immer an den Triumph geglaubt?
Ja, denn wir hatten das Spiel im Griff. Man muss ganz klar den Charakter dieser Mannschaft in den Vordergrund stellen, die nie aufgegeben hat. Wir hatten Siegertypen wie Kahn und Stefan Effenberg. Effe hat per Elfmeter das 1:1 erzielt - und Olli hat uns mit drei gehaltenen Elfmetern letztlich den Champions-League-Pokal gesichert. Unglaublich.

Wie war die Feier danach?
Ich bin eher ein Typ, der nach so einem Triumph zufrieden und glücklich ist, ich bin keiner, der ausflippt. Es war für mich am wichtigsten, die Erwartungen der Fans und des Vereins zu erfüllen. Deshalb war ich mit mir im Reinen. Ich bin damals in Mailand früh ins Bett gegangen, das Feiern habe ich der Mannschaft überlassen.

Darum schoss Andersson das legendäre Tor von Hamburg

Vier Tage zuvor war noch nicht abzusehen, dass es zu diesem Doppeltriumph kommen würde. Am letzten Bundesliga-Spieltag köpfte Sergej Barbarez in der 89. Minute zum 1:0 für den Hamburger SV ein, Schalke war vier Minuten Meister.
Der letzte und auch schon der vorletzte Spieltag waren verrückt. Wie so oft beim FC Bayern am Saisonende. Schalke hat wirklich eine überragende Saison gespielt, am 33. Spieltag dann aber 0:1 in Stuttgart verloren. Und wir haben fast zeitgleich mit dem Stuttgarter Siegtreffer dank Alexander Zickler 2:1 gegen Kaiserslautern gewonnen. Spannender hätte es nicht sein können.

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Ehe es in Hamburg nach dem Barbarez-Tor dramatisch wurde...
Ich habe meinen Augen nicht getraut, als das Gegentor fiel. Wir hatten keine Zeit mehr, inklusive Nachspielzeit vielleicht noch vier, fünf Minuten. Wir mussten sofort reagieren und daran glauben, eine allerletzte Chance zu bekommen. Olli Kahn hat die Mannschaft aufgerüttelt, er ist in den Hamburger Strafraum gestürmt und hat den Torhüter weggeschoben. Stefan Effenberg musste ihn beruhigen. Olli - wie er leibt und lebt, er war sensationell. Ich habe mir das aus 50 Metern Entfernung angeschaut und gehofft, dass der letzte Freistoß irgendwie reingeht.

Was dann auch klappte, durch eine winzige Lücke in der HSV-Mauer. Waren Sie überrascht, dass Patrik Andersson geschossen hat?
Ja, sehr. Patrik hat sonst nie Freistöße geschossen. Ich dachte, dass Effe schießen würde, aber er hat sehr klug gehandelt und unseren Spieler mit der größten Wucht ausgewählt: Patrik Andersson.

Grenzenloser Jubel: Der FC Bayern wird am 19. Mai 2001 dank eines Treffers von Patrik Andersson zum 1:1 beim HSV in letzter Sekunde doch noch Meister. Vier Tage später folgt der Champions-League-Sieg.
Grenzenloser Jubel: Der FC Bayern wird am 19. Mai 2001 dank eines Treffers von Patrik Andersson zum 1:1 beim HSV in letzter Sekunde doch noch Meister. Vier Tage später folgt der Champions-League-Sieg. © GES/Au'klick

Hitzfeld: "Hamburg war überlebensnotwendig"

Dank dieses Treffers zum 1:1 war die Meisterschaft in letzter Sekunde perfekt. Ganz ehrlich: Wäre der Triumph in Mailand ohne diesen Erfolg überhaupt möglich gewesen?
Hamburg war überlebensnotwendig. Wenn wir die Meisterschaft in der letzten Minute der Saison verspielt hätten, weiß ich nicht, ob wir uns davon erholt hätten. So war es aber die perfekte Motivation für Mailand und ein wunderschöner Titel. Schöner als 1999, als wir mit 15 Punkten Vorsprung Meister geworden sind und dann leider das Champions-League-Endspiel gegen Manchester United verloren haben.

Schuss in die Geschichtsbücher: Patrick Andersson schießt den FC Bayern 2001 zur legendären Last-Minute-Meisterschaft
Schuss in die Geschichtsbücher: Patrick Andersson schießt den FC Bayern 2001 zur legendären Last-Minute-Meisterschaft © GES

2001 hat ihre Mannschaft diese Pleite vergessen gemacht. Ein Zeichen der besonderen Willensstärke?
Wir hatten viele charakterstarke Spieler mit ausgeprägter Mentalität. Sonst wären diese Erfolge gar nicht möglich gewesen. Olli Kahn war ein absolutes Vorbild, Andersson ein ruhiger Leader in der Abwehr. Dazu Effe als Kapitän im Mittelfeld und im Sturm Giovane Elber. Eine überragende Achse, die durch weitere Topspieler ergänzt wurde.

Bixente Lizarazu, Willy Sagnol, Jens Jeremies, Mehmet Scholl und den jungen Owen Hargreaves...
Genau. Lizarazu war sehr wichtig, ein geradliniger Spieler und Siegertyp. Sagnol war der Philosoph, der gerne diskutiert und Ratschläge gegeben hat. Aber natürlich auch ein sehr guter Fußballer. Die verschiedenen Charaktere haben perfekt zusammengepasst in dieser Mannschaft. Jeremies war ein Phänomen. Er hat sich total für die Mannschaft eingesetzt und sich zu einhundert Prozent mit dem Klub identifiziert. Es war ein Riesenglück, dass Owen Hargreaves nach der Verletzung von Jeremies so gut ins Team hereingefunden hat. Den konnte man ins kalte Wasser werfen, er war laufstark und hat die Löcher hinter Effe gestopft.

Hitzfeld: Effenberg? "Eine große Persönlichkeit - und der ideale Kapitän"

Apropos Effenberg. Er hat damals gesagt, dass die Champions League nach dem Aus in der Nationalmannschaft seine Weltmeisterschaft sei. Haben Sie das besonders gespürt?
Effe war genial mit seiner Mentalität. Er hatte ein sehr überzeugendes Auftreten, auch der Presse gegenüber. Er war ein absoluter Leader, der regelmäßig vor der Mannschaft stand und in der Halbzeit Ansprachen gehalten hat.

Auch im Champions-League-Finale?
Ja, es war üblich, dass Effe in der Halbzeit zur Mannschaft spricht. Das war für mich eine große Hilfe, weil es noch mal eine andere Wirkung hatte, wenn es von einem Spieler, von unserem Kapitän kam. Effe war eine große Persönlichkeit - und der ideale Kapitän.

Waren diese Tage die schönsten in Ihrer Trainerkarriere?
Es waren meine druckvollsten Tage beim FC Bayern - und gleichzeitig die intensivsten und schönsten Tage meiner Karriere.

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