"Nur noch eine Geldmaschine": Das sagt Ex-Bayern-Boss zum Fall Upamecano

AZ: Herr Reschke, Dayot Upamecano steht kurz einer Verlängerung beim FC Bayern. Haben Sie damit nach dem zähen Poker noch gerechnet?
MICHAEL RESCHKE: Upamecano spielt bei einem europäischen Top-Verein, mit einem Top-Trainer und einem Top-Umfeld. Wenn er gesagt hätte, er will eine neue internationale Erfahrung sammeln, hätte man es verstehen können. Aber wenn es nur um den wirtschaftlichen Aspekt geht, musst du als FC Bayern auch klare Haltung zeigen. Wenn du für einen Spieler als Klub nur noch eine Geldmaschine bist, ist das zu wenig. Die Bayern haben es definitiv richtig gemacht.
FC Bayern musste den Druck erhöhen
Der FC Bayern hat nun auch eine Deadline gesetzt, erst deshalb steht man kurz vor der Verlängerung. Welche Hintergründe hat das?
Wenn Upamecano am Ende nicht verlängert, hat du als Verein die Problematik, dass du auf dem freien Markt für einen vergleichbaren Spieler vermutlich eine hohe Ablöse bezahlen musst. Da die Qualität von Upamecano rar gesät ist, wird es in der Regel sogar teurer als eine kostspielige Vertragsverlängerung. Das ist ein wahnsinniges Wechselspiel von vielfältigen Emotionen und wirtschaftlichen und strategischen Betrachtungen. Als Sportverantwortlicher eines solchen Klubs drehst du da unglaubliche Pirouetten. Nehmen wir das Beispiel Jo Kimmich. Egal, was er jetzt verdient, ich bin überzeugt: Joao Palhinha war über das Jahr gerechnet, wenn man die Ablöse miteinberechnet, kostenintensiver und letztendlich hat Jo gespielt.
Ist eine Deadline auch der letzte Kniff, der einem als Verein in so einer festgefahrenen Situation bleibt?
Ja. Der FC Bayern hat diese Größe und Stärke, das zu machen. Wenn man zu lange wartet, gehen irgendwann die Alternativen verloren. Wenn Upamecano beispielsweise erst Mitte Mai erklärt, dass er das Angebot nicht annimmt, könnten den Bayern schon mögliche Optionen ausgegangen sein. Als Klub bist du in der Pflicht Druck aufzubauen. Der FCB hat Upamecano sicher ein sehr wertschätzendes Angebot unterbreitet. Wenn er dann zu lange mit einer Antwort zögert, ist eine Deadline kein Druckgebaren, sondern die Aufgabe der Vereinsführung.

Berater trieben schon Hoeneß und Rummenigge zur Weißglut
Upamecano selbst fühlt sich in München wohl. Hoeneß ließ jüngst auch verlautbaren, dass die Berater die Verlängerung gefährden würden.
Dass Berater oftmals problematisch sind, war schon immer so. Und wenn Uli Hoeneß das in diesem Fall behauptet, ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass er entsprechende Informationen von Max Eberl, Christoph Freund oder Jan-Christian Dreesen bekommen hat.
Haben Sie so einen Fall auch mal beim FC Bayern erlebt?
Auch damals haben Berater Karl-Heinz Rummenigge oder Uli Hoeneß manchmal zur Weißglut getrieben. Aber Beide haben dies nur selten nach außen getragen, sondern haben immer professionelle Antworten gefunden. Generell gilt hier: Es ist es immer gut, wenn man einen Berater am Tisch sitzen hat, der die Situation des Spielers im Auge hat, die Belange des Klubs versteht und nicht in erster Linie seinen eigenen Geldbeutel im Blick hat.
Wenn der Berater am Ende zu mächtig ist, dann besitzt der Spieler am Ende keine starke Persönlichkeit.
Berater sind entscheidend für Vertragsgespräche
Wie viel Macht haben die Berater bei so einer Verlängerung?
Bei zehn Spieler gibt es auch zehn unterschiedliche Einflüsse. Wenn ein Berater zu mächtig ist, dann besitzt der Spieler am Ende keine starke Persönlichkeit. Sollte der Berater den Spieler dominieren und für ihn entscheiden, stimmt das System nicht. Andersherum: Wenn der Spieler eine starke Persönlichkeit besitzt, ist der Berater eine wichtige Hilfe und nicht mehr. Im Idealfall bilden Spieler und der Berater eine stimmige Symbiose.
Aber es braucht auf jeden Fall einen Berater für die Gespräche.
Es ist als Spieler schwierig, dem Verantwortlichen gegenüberzusitzen und das bestmögliche Ergebnis rauszuholen. Da braucht es schon eine besondere Persönlichkeit. Mir ist im Spitzenbereich nur Joshua Kimmich bekannt, der seine Vertragsgespräche selbst führt. Und Jo hat eine besondere Persönlichkeit. Normalerweise ist es für einen Spieler schon gut, einen seriösen Berater an seiner Seite zu haben, weil der für dich in die Schlacht ziehen kann.

Gehaltsvorstellungen können Narben hinterlassen
Bei zahlreichen Fans entsteht der Eindruck, dass bei Dayot Upamecano finanzielle Aspekte stärker im Vordergrund stehen als die Liebe zum Verein. Inwiefern spielt dabei das öffentliche Image eines Spielers eine Rolle bei so einer Verlängerung?
Wenn man das Finanzthema überdreht und es öffentlich wird, bleibt am Anfang immer etwas hängen. Aber wenn man mit starken Leistungen zurückzahlt, ist die Welt auch sehr schnelllebig und alles wird gut. Sollte der FC Bayern die Champions League im Mai gewinnen und Upamecano hat verlängert, wird er abgefeiert. Das sind aktuell Momentaufnahmen, die zwar kleine Narben hinterlassen, aber am Ende ist das Tagesgeschäft entscheidend.
Wird die Macht der Berater im Profifußball immer größer und die der Vereine, wie der FC Bayern, immer geringer?
Nein. Grade die großen Klubs wie der FCB sind nach wie vor mächtig und drehen das entscheidende Rad. Wenn man als Verein eine klare Linie fährt, wird das so bleiben. Natürlich haben Berater Einfluss und eine gewisse Macht, aber es ist auch nicht jeder Spieler in so einer exklusiven Position, wie es bei Upamecano derzeit der Fall ist.
Grade die großen Klubs wie der FCB sind nach wie vor mächtig und drehen das entscheidende Rad.
Ablösefreiheit sorgt bei Spitzenspielern für Interesse von Top-Klubs
Auch bei Joshua Kimmich und Alphonso Davies haben sich die Verlängerungen gezogen. Ist damit zu rechnen, dass das ein neuer Trend wird, dass die Spieler beim FC Bayern mit der Verlängerung bis zum Schluss warten, um alles Mögliche auszuloten?
Schon in die vorletzte Saison, bevor der Spieler ablösefrei gehen kann, ist es vertragstechnisch kompliziert. Ablösefreiheit sorgt bei Spitzenspieler dafür, dass sich alle großen Vereine mit einer Verpflichtung beschäftigen. Und Alternativangebote hatte Upamecano sicher. Und wenn er erklärt hätte, einmal in England oder Spanien spielen zu wollen, hätte ich ein anderes Verständnis für den Vertragspoker besessen. Sollte es aber bei einem vorhandenen Topangebot wie das des FCB wirklich nur um das Wirtschaftliche gegangen sein, wird es absurd. Das hätten die Bayern nicht verdient und Upamecano würde seiner Rolle im und für den Klub damit nicht gerecht.