"Nebensache": Was Hoeneß über Goretzkas Tor-Rekord denkt

Leon Goretzka schreibt mit dem Rekordtor zur historischen Bayern-Bestmarke Bundesliga-Geschichte – und bleibt doch Randfigur: Bayern-Patron Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge dämpfen die Euphorie.
Patrick Strasser |
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Rekordtor-Schütze Leon Goretzka (mit erhobener Faust) jubelt mit seinen Münchner Mitspielern über den historischen Treffer zur neuen Bundesliga-Bestmarke.
Rekordtor-Schütze Leon Goretzka (mit erhobener Faust) jubelt mit seinen Münchner Mitspielern über den historischen Treffer zur neuen Bundesliga-Bestmarke. © IMAGO/nordphoto GmbH/ Witke

Harry Kane hat 31 Tore in dieser Bundesliga-Saison für den FC Bayern erzielt, führt die Torschützenliste mit Abstand an. Am Samstag wurde der Mittelstürmer für das Viertelfinal-Rückspiel der Champions League am Mittwoch gegen Real Madrid geschont, wie sieben andere Spieler der Startelf des 2:1-Erfolgs vom Hinspiel in Spanien.

Humor beim Rekordtor und lockerer Sieg in Hamburg

Kane war mitgereist beim Wochenend-Ausflug nach Hamburg, kam aber nicht zum Einsatz. Kein Bedarf. Nach Spielschluss des lockeren 5:0 beim FC St. Pauli gab der Engländer Leon Goretzka einen anerkennenden Klaps. Dass nicht er es war, der Toptorjäger der Mannschaft, der das Rekordtor des Rekordmeisters erzielte, sondern Mittelfeldspieler Goretzka mit seinem erst dritten Saisontreffer "hat Harry mit Humor genommen", wie Kapitän Manuel Neuer schmunzelnd erzählte.
Es stimmt in dieser Mannschaft, die nicht nur kurz vor der Überquerung der Ziellinie zur nächsten Meisterschaft ist, sondern am Millerntor Historisches schaffte: Die fast 54 Jahre alte Bestmarke von 101 Saisontreffern aus der Spielzeit 1971/72 überboten die Bayern nach lediglich 29 Spieltagen und stehen bereits bei 105 Toren. Goretzka erzielte mit dem 2:0 das 102. Saison-Tor und tat hinterher gänzlich unwissend. "Ich musste mir erstmal erklären lassen, welcher Rekord", meinte der 31-jährige Nationalspieler, dem die Teamkollegen nach Abpfiff einen Spielball als Souvenir in die Hand drückten.

Historische Parallelen zu Beckenbauer und Gerd Müller

1971/72 war es nicht der legendäre Torjäger Gerd Müller (40 Saisontore), der den Rekord-Treffer Nummer 101 erzielte, sondern der Kaiser persönlich: Franz Beckenbauer per elegantem Freistoßschlenzer. Goretzka traf per Volleyschuss ins kurze Eck. Dass dem Unwissenden dieser Eintrag in die Bundesliga- und Vereins-Annalen glückte, freute ihn umso mehr, weil er für einen eher zweifelhaften Rekord steht. "Mit dem schnellsten Eigentor der Bundesliga-Geschichte", spielte Goretzka auf sein unrühmliches Missgeschick am 15. Februar 2019 an, als er in Augsburg nach 13 Sekunden ein Eigentor erzielte. "Ganz nett und umso schöner, dass jetzt noch ein anderer Moment dazukommt, mit dem man sich verewigt", sagte er lachend.

Bayerns Angreifer wirbeln im Strafraum des FC St. Pauli, während Torhüter Nikola Vasilj vergeblich den Überblick sucht – am Millerntor fällt das historische Rekordtor auf dem Weg zur neuen Bestmarke.
Bayerns Angreifer wirbeln im Strafraum des FC St. Pauli, während Torhüter Nikola Vasilj vergeblich den Überblick sucht – am Millerntor fällt das historische Rekordtor auf dem Weg zur neuen Bestmarke. © IMAGO/Heiko Blatterspiel


Ausgerechnet Goretzka, dessen Vertrag in München nach acht Jahren nicht verlängert wird. "Ich habe der Mannschaft gesagt: Wenn ein Spieler an seine Momente glaubt, dann ist das Leon", erzählte Trainer Vincent Kompany und sagte: "Dass er jetzt unseren Stürmern den Tor-Rekord wegnimmt, nachdem sie so viele Tore gemacht haben, das ist typisch Leon." Kein Stammspieler mehr, aber weiter wichtig. Ein Kämpfer, ein Vorbild und am Mittwoch auf der Bank.

Hoeneß würdigt Rekord, Fokus bleibt auf Titeln

Ehrenpräsident Uli Hoeneß (74) adelte die Rekordballerbayern mit den Worten: "Im Fußball geht es um Titel, Rekorde sind Nebensache. Aber dass diese Mannschaft jetzt unsere Marke von 101 Treffern nach so vielen Jahrzehnten geknackt hat, sagt viel aus." Hoeneß, der in der Saison 1971/72 selbst 13 Tore erzielte, lobte: "Was mir am besten gefällt: Diese Spieler hören nicht auf, die machen auch nach dem vierten oder fünften Tor noch immer weiter. So bricht man Rekorde - und am wichtigsten: So macht man den Fans Freude, Spiel für Spiel." Auch am Mittwoch gegen Real?

Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß bremst nach dem historischen Tor-Rekord von Leon Goretzka die Euphorie und erinnert daran, dass für den FC Bayern am Ende nur Titel zählen.
Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß bremst nach dem historischen Tor-Rekord von Leon Goretzka die Euphorie und erinnert daran, dass für den FC Bayern am Ende nur Titel zählen. © IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON


"Wie eine Lokomotive, die ins Rollen kommt", beschrieb Goretzka die Dynamik der Bayern und sagte: "Wir wollen sie einfach weiterrollen lassen. Gegen Real wird es eine riesige Herausforderung. Durch das Hinspiel haben wir uns eine gute Ausgangssituation erarbeitet, aber es ist noch Arbeit zu tun", mahnte er, betonte jedoch: "Wir spielen zu Hause, da fühlen wir uns sehr wohl, und der Gegner in der Regel eher nicht."

Zwischen Euphorie und Warnungen vor dem Real-Duell

Ex-Boss Karl-Heinz Rummenigge, weiterhin Aufsichtsratsmitglied, warnte bei DAZN, man dürfe "jetzt nicht den Fehler machen, zu viel Euphorie aufkommen zu lassen. Ich nehme im Moment einen kleinen Hype wahr, und der gefällt mir ehrlich gesagt nicht." Kapitän Neuer bekräftigte im ZDF: "Wir wollen auch dieses Spiel gegen Real gewinnen. Wir wissen, was wir draufhaben und ich glaube, Real freut sich auch nicht unbedingt auf München." Harry Kane geht dann übrigens wieder höchstselbst auf Torejagd.

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