Müller-Wohlfahrt sicher: Hoeneß hätte Streit beim FC Bayern mit Guardiola lösen können

Ohne die Hände von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wären viele Triumphe und Rekorde kaum denkbar. In der AZ spricht der berühmte Sportmediziner über seine einmalige Karriere, den Umgang mit Stars – und wie ihn Uli Hoeneß selbst auf Antigua erwischte.
von  Patrick Strasser, Kilian Kreitmair, Krischan Kaufmann
So kannte man ihn: Sobald ein Spieler verletzt auf dem Boden lag, eilte Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt mit wehendem Haar aufs Feld.
So kannte man ihn: Sobald ein Spieler verletzt auf dem Boden lag, eilte Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt mit wehendem Haar aufs Feld. © Imago

AZ: Herr Doktor, wie lange sind Sie heute in der Praxis?
HANS-WILHELM MÜLLER-WOHLFAHRT: Um 9 Uhr geht’s los, um 20 Uhr muss ich zu Hause sein. Das hat meine Frau irgendwann durchgesetzt. Früher hatte ich immer Open End. Wenn sich nachmittags ein Sportler verletzt hat und anrief, "kann ich noch kommen?", dann hieß es: "Immer reinspaziert." Das ging oft bis 23 Uhr. Dann sagte meine Frau: "So, jetzt reicht’s, um acht Uhr bist du zu Hause oder mit der Arbeit fertig." Das musste ich ihr versprechen, und ich habe es gehalten.

Müller-Wohlfahrt ist meiste Zeit seines Lebens in der Praxis 

Also ist die Praxis Ihr zweites Zuhause?
Ja, so kann man es sehen. Ich bin die meiste Zeit meines Lebens hier drin, und hier fühle ich mich richtig gut. Aber ich habe auch ein wunderschönes Zuhause, das meine Frau geschaffen hat und auf das ich mich abends sehr freue.

Ihre Familie musste viel auf Sie verzichten.
Das habe ich mir nie so klargemacht. Vielleicht habe ich es auch verdrängt. Ich war besessen von der Betreuung meiner Patienten, beim FC Bayern, bei der Nationalmannschaft, ich hatte so viele Leistungssportler, für die ich mich total engagiert habe. Bei Boris Becker ist manche Freizeit draufgegangen. Mein Leben spielt sich weitgehend hier in der Praxis ab, das Privatvergnügen musste oft zurückstehen. Die beste Entspannung finde ich abends in Gesellschaft meiner Frau und manchmal mit Freunden oder auch wenn möglich, beim Joggen im Englischen Garten. Da bin ich allein und kann den Tag Revue passieren lassen.

Tennis-Legende Boris Becker ist nur einer von vielen Weltstars, die Müller-Wohlfahrt vertrauen.
Tennis-Legende Boris Becker ist nur einer von vielen Weltstars, die Müller-Wohlfahrt vertrauen. © Imago

Müller-Wohlfahrt sollte eigentlich kein Arzt werden, setzte sich aber durch

In der großen Sky-Doku "Müller-Wohlfahrt - Der Arzt der Champions" erfährt man auch, dass Sie eigentlich nie Mediziner werden sollten.
Mein Vater war streng und hat es mir verboten. Er sagte: "Wenn du das machst, bekommst du von uns keinen Pfennig." Schlechtes Abi, dann keine Unterstützung. Ich wollte trotzdem, und mein Ziel war von Anfang an die Sportmedizin.

Woher kam die Abneigung Ihres Vaters?
Er war herzkrank und hatte ganz schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht. Einer sagte ihm sinngemäß: Über Ihr Leben entscheide ich. Das sagt man einem Pastor! Für meinen Vater waren Ärzte angreifbare Charaktere, und er wollte nicht, dass sein Sohn auch so wird. Aber ich fühlte mich zu nichts anderem berufen als zur Sportmedizin. Mein Vater hat meinen Weg leider nicht mehr erlebt, er ist früh gestorben. Er war selbst guter Sportler und sehr sportinteressiert. Wenn ein Fußballspiel im Fernsehen übertragen wurde, haben wir es beim Nachbarn geschaut, der einen Fernseher hatte. Wir sind manchmal auch samstags nach Hamburg oder Hannover ins Stadion gefahren, sonntags musste er ja predigen. Ich wollte auch um jeden Preis Sport treiben. Bei uns im Dorf gab es aber keinen Verein und keinen Trainingsplatz, also wurde ich Leichtathlet: Läufe zwischen den Feldern oder auf der Allee zum Pfarrhaus und Training auf selbstgebauten Sportanlagen im Garten, ganz einfach, aber erfolgreich.

Müller-Wohlfahrt hat im Laufe der Jahre von seinen Patienten zahlreiche einmalige Geschenke bekommen.
Müller-Wohlfahrt hat im Laufe der Jahre von seinen Patienten zahlreiche einmalige Geschenke bekommen. © AZ

Müller-Wohlfahrt wollte zunächst nur drei Jahre beim FC Bayern bleiben

Im April 1977 kamen Sie von Hertha BSC zum FC Bayern. Wer hat Sie damals kontaktiert?
Robert Schwan (ehemaliger Manager von Franz Beckenbauer, d. Red.). Warum, das habe ich nie erfahren. Hertha war damals Vizemeister, es gab Nationalspieler, die wohl mit Bayern-Spielern über mich gesprochen haben: "Da ist ein Verrückter, der ist jeden Tag beim Training und immer für uns da, und wenn in der Familie jemand erkrankt ist, kommt er zu uns nach Hause." Das war mein Einsatz. Ich wollte es schaffen.

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Sie haben sich anfangs nur drei Jahre in München gegeben.
Das hatte ich mit meiner Frau so ausgemacht, als ich ihr beichtete, dass ich mit Bayern einen Vertrag ausgemacht hätte und wir nach München ziehen. Ich versprach ihr: "Wir machen das drei Jahre, dann setzen wir uns zusammen und reden." Nach drei Jahren habe ich nicht geredet, und sie auch nicht. Ich wäre Gefahr gelaufen, dass sie sagt: "Jetzt reicht’s." Sie hat aber gespürt, dass sie mir den FC Bayern nicht mehr nehmen kann.

Müller-Wohlfahrt hat enges Verhältnis zu Hoeneß 

Sie waren damals jung, hatten noch nicht den Ruf von heute. Wie haben Sie sich an der Säbener Straße durchgesetzt?
Da war der Fall Branko Oblak mit dem gebrochenen Zeh. Ich legte eine Gipsschiene an, dann klopfte Trainer Lorant sie weg. Er sagte: "Mit einem gebrochenen Zeh kann man laufen." So war das früher angeblich in Ungarn. Da habe man sich den Meniskus mit der Eckfahnenstange wieder reingekloppt. So Lorant (lacht). Die Kiebitze riefen mich an, ich bin ins Auto gesprungen, auf den Platz gerannt und habe den Oblak runtergeholt. Danach gab es eine Präsidiumssitzung, und Präsident Wilhelm Neudecker sagte: "Bei uns wird gemacht, was der Doktor sagt." Die Mannschaft stand auch hinter mir.

Nach Schwan übernahm zum 1. Mai 1979 Uli Hoeneß. Für den FC Bayern der Start in eine neue Ära - und für Sie beide der Beginn einer ganz besonderen Beziehung, oder?
Uli ist mir sehr nah, da ist Vertrauen und eine Freundschaft entstanden. Er ist von meiner Zeit fast der Einzige, der heute noch beim FC Bayern ist. Mit den meisten anderen im Vorstand und im erweiterten Aufsichtsrat ist wenig Kontakt geblieben.

Müller-Wohlfahrt musste Reisen wegen FC Bayern beenden

Diese Freundschaft wurde allerdings hin und wieder auf eine harte Probe gestellt. Denn der häufigste Satz, den Sie von Uli Hoeneß gehört haben, war wohl: "Mull, du musst kommen!" Ganz egal, wo Sie gerade waren. . .
Ja, bei Uli war das immer so. Einmal war ich drei Tage in den USA bei meinem Freund Dr. Richard Steadman (berühmter Kniespezialist, der viele Bayern-Stars operierte, d. Red.) in Vail, Colorado. Am ersten Tag habe ich bei Operationen zugeschaut, am zweiten wollte ich Snowboard fahren, und abends hatte seine Frau ein großes Essen organisiert, mir zu Ehren. Ich hatte schon die Snowboard Kleidung an, mein Sohn war dabei. Da klingelt das Hoteltelefon. Man denkt doch nicht, dass es Uli aus der Heimat ist. Er sagte: "Du musst sofort kommen!" Ich sagte: "Uli, ich komme doch morgen." Aber er entgegnete: "Nein Mull, du musst jetzt kommen, blas alles ab!"

Wie ging das aus?
Es gab einen Schneesturm. Ich habe dem Taxifahrer gesagt: "Fahr wie der Teufel!" Ich muss den Flieger in Denver schaffen. Wir haben es geschafft. Der Schalter war schon dicht, aber da war noch eine Mitarbeiterin, und ich habe gebettelt. In letzter Sekunde kam ich noch auf die Maschine. Das sind die aufregenden Momente in meinem Leben, die haben einen gewissen Reiz.

Müller-Wohlfahrt kümmerte sich auch um Becker

Selbst in ihrem Geheimurlaub auf Antigua hat Hoeneß Sie einst aufgespürt.
Ja, meine Frau und ich dachten, wir fliegen mal da hin, wo uns keiner kennt. Tauchlehrgang, viel Sport, das war der Plan. Am zweiten Urlaubstag rief Boris an: "U.S. Open, du musst kommen, sonst kann ich nicht spielen." Also flog ich schnell nach New York und kam am nächsten Tag zurück. Zwei Tage später raschelte nachts ein Fax unter der Tür: Es war Uli - "Mull, du musst kommen!" Wie er das rausbekommen hat mit Antigua, weiß ich bis heute nicht. Aber Uli kriegt alles raus. Der kann jeden umstimmen.

Uli Hoeneß spielte auch eine Rolle, als Sie den FC Bayern 2015 nach einem Streit mit Pep Guardiola verlassen haben. Wie kam es zum Konflikt mit dem Startrainer?
Paul Breitner sagte mir kürzlich: Hat dir denn keiner gesagt, wie das in Spanien läuft? Der Trainer ist der Mister, und der Mister steht über allem, auch über der Medizin. Das hätte man dir sagen müssen, dann hätte man sich anders arrangieren können. Uli war zu der Zeit nicht im Verein, ich war allein. Pep und ich haben mehrfach gestritten, und dann kam dieses unselige Spiel in Porto.

Zu Pep Guardiola hatte Müller-Wohlfahrt ein äußerst angespanntes Verhältnis.
Zu Pep Guardiola hatte Müller-Wohlfahrt ein äußerst angespanntes Verhältnis. © Imago

Müller-Wohlfahrt kritisiert Guardiola

Worum ging es im Kern?
Dass er alles besser wusste. Ich hatte schon große Erfolge vorzuweisen, er war Ende dreißig, so viele Jahre alt, wie ich Berufsjahre hatte. Und dann wollte er mir erklären, wie alles besser zu machen wäre.

Es hieß, er wollte die Spieler früher einsetzen, als Sie es medizinisch für richtig hielten.
Bei ihm zählte Schmerzfreiheit, nicht Gesundung. Wenn der Schmerz abgeklungen ist, kann der Spieler wieder spielen. Ich war anderer Meinung. Dann drohen nämlich Rezidive (Rückfälle, d. Red.). Die Rezidiv Quote ist übrigens auch heute erschreckend hoch. Warum? Weil die Spieler zu früh wieder ins Mannschaftstraining gehen.

In Porto kam es zum großen Kabinen-Krach

Nach einem 1:3 beim FC Porto im April 2015 hieß es, Sie hätten zu viele Spieler nicht freigegeben. Direkt nach dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League soll es in der Kabine gekracht haben.
Ja, der Vorwurf an mich war: zu viele Verletzungen und zu lange Behandlungszeiten.

Da trafen zwei impulsive Menschen aufeinander.
Das kann man so sagen. Ich habe damals aber für mich entschieden, eine Nacht drüber zu schlafen, ich wollte keinen Eklat am Bankettabend. Ich habe den Mund gehalten und bin aufs Zimmer gegangen. Am nächsten Tag habe ich mich in München mit meinen Kollegen und meiner Familie beraten. Ich war fest entschlossen aufzuhören, das konnte ich mir nicht gefallen lassen.

Hoeneß hätte Streit mit Guardiola schlichten können

Hätte Uli Hoeneß das verhindern können?
Uli sagt, man hätte das moderieren können, er ist überzeugt, dass es dann nicht passiert wäre. Aber es ist so gekommen. Es war meine Entscheidung, nur meine.

Es gab auch Streit um die Reha-Abteilung.
Wir hatten eine wunderbare Abteilung entwickelt, in der die Spieler sich vor dem Training aufwärmen konnten, Spinning, Rad, leichtes Krafttraining, dazu ein durchdachtes, individuelles Dehnprogramm. Pep spannte eine Banderole davor: Betreten verboten. Ohne Rücksprache mit mir. Unter Guardiola mussten die Spieler rausgehen und sprinten, sprinten, sprinten. Wir hatten über 30 Muskelverletzungen in der Saison. Pep mag vom Fußball sehr viel verstehen, aber was vor dem Training und danach sinnvoll ist und hilft, Verletzungen vorzubeugen, interessiert ihn nicht.

Müller-Wohlfahrt lobt Kompany

Mit Trainer Jürgen Klinsmann gab es in der Saison 2008/09 auch Streit.
Da sagte Uli: "Mach keinen Blödsinn, hör bloß nicht auf, du bleibst!" Es gab Meinungsverschiedenheiten. Vielleicht ist es ja manchmal schwierig mit mir. Aber mit den meisten Trainern hat es super funktioniert: Dettmar Cramer hat mit mir viel Zeit verbracht, wir haben ausserdem jeden Abend telefoniert. Mit Udo Lattek lief es so gut, dass er sagte: "Die Aufstellung macht der Doktor." Jupp Heynckes war anfangs skeptisch. Ich konnte ihn aber durch Fachwissen überzeugen, daraus wurde eine Freundschaft. Und Louis van Gaal stellte sich vor die Mannschaft: "Wisst ihr eigentlich, was ihr für einen Doktor habt?"

Und Vincent Kompany?
Angenehm. Ach Mensch, das tut so gut. Ich bin ja weiterhin Bayern-Fan. Wie er menschlich mit den Spielern umgeht und Ruhe reinbringt, das ist für mich ein ganz wichtiger Faktor.

Bekam Lob vom "Mull": Bayern-Trainer Vincent Kompany.
Bekam Lob vom "Mull": Bayern-Trainer Vincent Kompany. © IMAGO

Müller-Wohlfahrt geht nicht mehr ins Stadion

Gehen Sie noch ins Stadion?
Nein. Wegen der Diskussionen, die dann zu erwarten sind. Ich werde immer noch auf der Straße angesprochen: "Wann kommst du zurück?" Manche haben gar nicht mitbekommen, dass ich nicht mehr dabei bin, z. B. heißt es "wir sehen uns Samstag im Stadion".

Hören Stars wie Boris Becker auf ihren Arzt?
Ich habe nie erlebt, dass jemand sagte: "Den Müller-Wohlfahrt lasse ich links liegen, ich hole mir eine zweite Meinung. " Man könnte vor Ehrfurcht klein werden, wenn man die Sportlernamen sieht, die ich behandle, aber die nehmen mich auf Augenhöhe. Natürlich muss meine Leistung stimmen. Niemand kommt aus Langeweile zu mir. Die Patienten haben gesundheitliche Probleme, nehmen oft große Mühen und weite Wege auf sich – und kommen mit der Hoffnung und der einen Frage: "Kannst du mir helfen?"

Manche Stars fliegen nur für einen Tag ein.
Ja, die kommen mit dem Nachtflug aus den USA nach München, dann vormittags in die Praxis, nachmittags zurück, am nächsten Tag sind sie wieder im Training.

Wurde von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt behandelt: Usain Bolt.
Wurde von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt behandelt: Usain Bolt. © IMAGO

Diese Weltstars ließen sich bereits von Müller-Wohlfahrt behandeln

Usain Bolt war so ein Fall.
Er war 16 oder 17, hatte eine schwierige Wirbelsäule und war andauernd verletzt, obwohl er der Jugendbeste der Welt war. Sein Trainer Glen Mills, der beste Sprinttrainer der Welt, sagte: "Geh nach München, hören wir, was Müller-Wohlfahrt sagt." Ich habe mir viel Zeit genommen und ihm dann gesagt: "Wenn du alle Vierteljahre zur Untersuchung und gegebenenfalls zur Behandlung kommst, übernehme ich die Verantwortung." Aus Kingston/Jamaika über Miami und London nach München, das ist ein Wahnsinnsaufwand. Aber er hat es gemacht, und ich konnte immer rechtzeitig behandeln und Verletzungen abwenden. Er war zehn Jahre nicht verletzt und ungeschlagen. Es ist wohl auf seine emotionale Intelligenz zurückzuführen, zu spüren: Hier wird mir geholfen.

Und die Musik? Wer saß da plötzlich vor der Tür?
Offiziell Bono von U2 und Eric Clapton, Herbert Grönemeyer und Peter Maffay. Das ist kein Geheimnis mehr. Bei Schauspielern darf ich keine Namen sagen, die wollen alle als kerngesund dastehen. Dass Veronica Ferres zu meinen Patientinnen zählt, weiß man.

Ex-Bayern-Arzt hätte gerne Graf behandelt 

Gab es auch Stars, die Sie gerne behandelt hätten, die aber nie zu Ihnen kamen?
Steffi Graf war nie hier, ich denke wegen meiner engen Beziehung zu Boris. Ich hätte ihr helfen können, davon bin ich überzeugt. Ich meine, dass sie am Ende die Karriere zu früh beenden musste.

Bei Boris Becker haben Sie im Rückblick einen Fehler gesehen.
Er wollte nur hören: "Boris, alles in Ordnung, du kannst dich nicht verletzen". Dafür hat er mich gerufen, nach London, New York, Melbourne, Paris, Mailand. Er wollte das Gefühl: Müller-Wohlfahrt hat sein Okay gegeben. Das kann man machen, aber es geht eigentlich zu weit. Da habe ich nicht aufgepasst.

Müller-Wohlfahrt wollte al-Gaddafi nicht behandeln

Haben Sie auch Patienten abgelehnt?
Einen schon: Muammar al-Gaddafi (ehemaliger Diktator von Libyen, d. Red.) Als die Anfrage kam, habe ich zuerst gesagt: Das schaffe ich nicht, ich kann hier nicht raus, Sprechstunde voll. Es war aber eine innere Ablehnung. Dann wurde es brisant. Gesundheitsminister, Innenminister aus Libyen rufen an. Ich holte mir Rat bei der hohen Politik in München und Berlin. Es hieß: "Mach das, du tust uns einen Gefallen." Man wollte die wirtschaftlichen Beziehungen verbessern. Da habe ich umgedacht.

Wie lief das ab?
Ich musste alles selbst organisieren, auch den Flieger, und es musste am selben Tag sein, denn zwei Tage später sollte in Sirte eine große Afrika-Konferenz beginnen. Ich habe den Saal dort gesehen, die Flaggen aller afrikanischen Länder aufgestellt. Und Gaddafi lag flach und hätte den Kongress nicht leiten können. Vom Flugzeug ging es direkt in ein Militärfahrzeug mit Maschinengewehren. Danach in eine Polizeistation bei seiner Residenz, in die ich mich mitten hineinsetzen musste, überall Kameras. Im Klinikbus warteten dann Professoren aus Tripolis, die mich ausfragten, was ich plane. Er nahm von seinen eigenen Leuten ja aus Misstrauen keine Tablette.

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wollte ihn eigentlich nicht behandeln: Muammar Al-Gaddhafi.
Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wollte ihn eigentlich nicht behandeln: Muammar Al-Gaddhafi. © IMAGO

Müller-Wohlfahrt heilte Ex-Diktator von Libyen

Wie ging es ihm?
Er wurde von zwei Männern hereingetragen und auf die Liege gelegt, er konnte nicht gehen. Ich war auf alles gefasst und dachte, vielleicht ist alles umsonst. Ich habe ihn untersucht und herauszufinden versucht, wo die Schmerzen herkommen. Dann dreht er sich zu mir: "Doktor, können Sie mir helfen?" Ich sagte:" Ich glaube schon." Er sagte: "Dann machen Sie!" Ich habe mit zehn, zwölf, vierzehn Nadeln behandelt. Kein Widerspruch, er war ganz ruhig. Die Professoren haben jede verwendete Ampulle sofort konfisziert, um sie zu kontrollieren.

Und dann?
Ich sagte: "Jetzt mal ganz vorsichtig aufstehen." Er stand auf, ging die drei Stufen aus dem Klinikbus hinunter, zu seinem Haus, fertig. Zwei Tage später habe ich Nachrichten geschaut, und er leitete die Konferenz, wie gewohnt.

Für Olympia 2024 hat Müller-Wohlfahrt seine Praxis nach Paris verlegt

Gab es ein Dankeschön?
Nein. Ich hatte ziemlichen Aufwand betrieben, war aber am nächsten Morgen um sechs wieder in München, ich wollte meine Patienten nicht enttäuschen. Das Honorar und die Auslagen kamen nach einem Jahr, und wir mussten schon nachfragen.

Genießen Sie Ihr weltweit anerkanntes Standing?
Ich habe einen Zuspruch wie noch nie, international. Das beflügelt mich und gibt mir die Energie, jeden Tag mein Know-how anzuwenden und weiterzugeben. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris waren fünf von acht 100-Meter-Finalisten Patienten. Ich habe damals die ganze Praxis nach Paris verlegt und konnte abends nicht einmal ins Stadion, die Medaillengewinner saßen nebeneinander vor dem Sprechzimmer.

Müller-Wohlfahrt reist mit komplettem Team nach LA

Wie verlegt man eine komplette Praxis nach Paris?
Ich hatte mich dort eigentlich um ein Airbnb bemüht, nur die Kosten waren ungeheuerlich. Björn Gulden (Adidas-CEO, d. Red.) saß mir zufällig gegenüber, er fragte nach, und dann hat Adidas die Behandlungsräume und das Hotel zur Verfügung gestellt. Behandelt habe ich trotzdem alle, Sportler von Nike, Puma, Adidas, egal. Das war die Grundvoraussetzung. Ich bin frei.

Auch die Sommerspiele Los Angeles 2028 planen Sie schon?
Ja, da bin ich wieder vor Ort und wieder mit meinem ganzen Team.

Champions-League-Sieg 2013 gehört zu den schönsten Ereignissen von Müller-Wohlfahrt

Was war Ihr schönstes Großereignis?
Beim FC Bayern der Champions-League-Sieg 2013 mit Jupp Heynckes. Dazu mit dem DFB die Europameisterschaft 1996 in England. Wir hatten nur Verletzte, Hans Montag (einer der bekanntesten deutschen Sportphysiotherapeuten und Taping-Pioniere, d.Red.), Klaus Eder und ich haben eigentlich immer, auch nachts gearbeitet. Nach dem Sieg haben wir im Hotel toll gefeiert, Boris war auch dabei. Und natürlich der WM-Sieg 2014 in Rio, damit verbinde ich ganz besondere Erlebnisse.

Als Teil des "Teams hinter dem Team" wurde auch Müller-Wohlfahrt 2014 Weltmeister.
Als Teil des "Teams hinter dem Team" wurde auch Müller-Wohlfahrt 2014 Weltmeister. © Imago

Inwiefern?
Am Tag der Kadernominierung rief mich Bundestrainer Jogi Löw an: "Ich muss heute den Kader benennen, was ist mit Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger?" Sie waren verletzt, konnten im Verein nicht spielen. Ich sagte: "Nimm sie alle mit, ich glaube, ich kriege es hin." Dann ging ein Schrecken durch Deutschland: Der Müller-Wohlfahrt muss verrückt geworden sein, der nimmt ein Lazarett mit. Schweinsteiger hatte die Patellasehnenreizung, heikel, sie wird leicht chronisch. Er durfte die ersten Spiele nicht machen, aber dann spielte er auf höchstem Niveau. Da geht es nur noch um Erfahrung. Mit den amerikanischen Fitnesstrainern hatte ich damals in Südtirol einen heftigen Streit, weil sie ihn zu schnell aufbauen wollten.

Müller-Wohlfahrt arbeitet an KI 

Wie lange wollen Sie noch arbeiten?
Ein Alterslimit habe ich nicht vor Augen, ganz ehrlich. Ich denke, es werden Zeichen kommen, die mir sagen, es ist genug. Die sehe ich jetzt nicht. Ich werde gebraucht. Die Energie bekomme ich von den Patienten. Es ist eben kein Routinejob. Manchmal laufe ich abends zu viel und denke morgens, meine Beine sind nicht fit. Dann bin ich in der Praxis, sehe Patienten und Mitarbeiterinnen, und alles ist vergessen. Freude auf den Nächsten, Wiedersehensfreude, die Dankbarkeit. Da ist kein negativer Gedanke.

Wer führt Ihr Wissen fort?
Meine Kollegen arbeiten ganz in meinem Sinne. Die von mir über Jahrzehnte erfolgsbasiert entwickelten Therapien wurden von Ihnen 1:1 übernommen. Ich bin glücklich solche Kollegen an meiner Seite zu haben. Mein Sohn Kilian lernt seit seinem 16. Lebensjahr von mir Er ist mit meiner medizinischen Denk- und Arbeitsweise aufgewachsen und hat sie über viele Jahre verinnerlicht. Er ist fachlich auf Augenhöhe mit mir. Und mit dem Uniklinikum Rechts der Isar arbeiten wir an einer KI, die mein Know-how speichern soll. Dafür fehlt mir gerade die Zeit, ich habe zu viele Patienten, die ich nicht verlieren will. Außerdem planen wir im Februar probeweise für eine Woche eine Praxis auf den Bahamas, damit die amerikanischen Patienten nicht über den Atlantik fliegen müssen.

Letzte Frage, Doc: Die Bayern-Profis von heute behandeln Sie nicht?
Nein.

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