Interview

Legende Klaus Fischer: "Dass man gegen Bayern München vier Tore schießt, passiert nicht alle Tage"

Vor exakt 50 Jahren haben die Münchner mit dem 0:7 gegen Schalke die bis heute höchste Pleite kassiert. Vierfach-Torschütze Klaus Fischer erinnert sich in der AZ – und vermisst beim DFB Typen wie Harry Kane.
Patrick Strasser |
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Klaus Fischer und seihen Ehefrau Margit Fischer bei einer Veranstaltung.
Klaus Fischer und seihen Ehefrau Margit Fischer bei einer Veranstaltung. © IMAGO/Christopher Adolph

Am 9. Oktober vor 50 Jahren fügten Sie mit dem FC Schalke 04 dem FC Bayern München die bis heute höchste Niederlage zu – 7:0. S04-Präsident Günter Siebert rief danach begeistert: "Heute haben wir die Alpen verschoben."
KLAUS FISCHER: 50 Jahre, mein Gott! Da merkt man, wie alt man ist (lacht). Eine höhere Niederlage der Bayern wird es nie mehr geben.

In der Tat kaum vorstellbar. Für Statistik-Freaks: In den 50er Jahren hat der FC Bayern in der Oberliga Süd 2:9 bei den Stuttgarter Kickers verloren und 1:8 bei der SpVgg Fürth mit 1:8. Doch das 0:7 gegen S04 ist legendär. Sie haben vier Treffer für die Königsblauen erzielt.
Dass man gegen Bayern München vier Tore schießt, passiert nicht alle Tage. Auch nicht so oft, gegen irgendeine Mannschaft vier zu erzielen. Gegen Bayern war und ist das etwas Besonderes.

"Auch ein Harry Kane ist abhängig von Olise"

Der FC Bayern trat an jenem sonnigen Herbsttag 1976 im Münchner Olympiastadion als dreimaliger Sieger des Europapokals der Landesmeister an. In der Bayern-Startelf standen Torhüter Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Torjäger Gerd Müller. Wie konnte es soweit kommen?
Wir hatten auch eine gute Mannschaft und haben selbst nach der 2:0- und 3:0-Führung unseren Vorsprung nicht nur verteidigt, sondern weiter nach vorne gespielt. Das kennt man sonst nur von den Bayern. Irgendwann hatten die keine Lust mehr. Wenn der Franz damals mit einer Hand abgewunken hat, dann war klar, dass er keine Lust mehr hatte. Als Mittelstürmer musst du es gnadenlos ausnutzen, wenn der Gegner Schwächen zeigt. Uns hat es einfach Spaß gemacht, es lief fantastisch - eine sensationelle Partie von uns.

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Kein Wunder. Nach den Toren von Ihnen und Erwin Kremers stand es zur Pause 2:0, danach haben Sie die Bayern auseinandergenommen. Drei weitere Treffer haben Sie gemacht, dazu trafen Manfred Dubski und Rüdiger Abramczik, der gemeinsam mit Hannes Bongartz im Mittelfeld brillierte und Sie perfekt bediente.
Als Mittelstürmer brauchst du einfach Vorlagen von deinen Mitspielern - ob die von den Außenstürmern kommen oder aus der Mitte. Sonst geht’s nicht. Du kannst Dir ja nicht hinten den Ball holen, nach vorne stürmen und dann ein Tor schießen. Auch ein Harry Kane ist abhängig von Olise, von Díaz und den anderen Spielern. Egal, wie es steht, die Bayern spielen unter Trainer Kompany immer weiter bedingungslos nach vorne. Ob über rechts oder links, durch die Mitte – da passiert was. Wenn ich Mannschaften sehe, die so spielen, da geht mir das Herz auf. Immer nach vorne, das war auch mein Spiel.

Klaus Fischer hat nie ein Angebot vom FC Bayern bekommen

In jener Partie vor 50 Jahren musste Ihr Gegenspieler Katsche Schwarzenbeck, gehandicapt durch eine Verletzung aus dem Länderspiel in Wales (2:0) drei Tage zuvor, in der Pause angeschlagen ausgewechselt werden.
Danach hat Udo Horsmann gegen mich Manndecker gespielt. Die Duelle mit Katsche waren immer voller harter Zweikämpfe. Wir kannten uns sehr gut, weil wir gemeinsam bei der Bundeswehr unseren Grundwehrdienst gemacht haben, ich in der zweiten Kompanie, Katsche in der ersten. Aber da hat man sich immer wieder getroffen. Außerdem konnten wir uns auf dem Platz auf Bayerisch unterhalten.

Schwarzenbeck ist Münchner, Sie stammen aus Niederbayern. War es daher für Sie, der von 1968 an zwei Jahre für den Stadtrivalen TSV 1860 gespielt hat, etwas Besonderes im Olympiastadion gegen die Roten zu treffen?
Ich wurde in meinem Leben immer wieder auf dieses Ergebnis angesprochen. Nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1965 hatte Bayern München eine richtige gute, junge Mannschaft. Die Generation Maier, Müller, Beckenbauer – das war Extraklasse.

Haben Sie jemals ein Angebot des FC Bayern bekommen?
Nein.

"Kane ist ein Vollstrecker wie er im Buch steht"

Wegen Gerd Müller.
Genau. Wo hätte ich als Mittelstürmer dann spielen sollen? Ich denke nicht, dass ich bei einem Angebot nach München gegangen wäre. Ich war schnell, kopfballstark, beidfüßig. Der Gerd hatte nicht die Schnelligkeit, hat aber viel mehr Tore als ich erzielt. Die Qualität, die er im Strafraum hatte, kann man nicht lernen. Das hast du oder du hast es nicht. Der Gerd hatte es. Nach dem Karriereende haben wir einige Male in der Uwe-Seeler-Traditionself miteinandergespielt, das war toll.

Zur Aktualität: Ist Harry Kane für Sie der aktuell beste Mittelstürmer der Welt?
Auf jeden Fall. Kane ist ein Vollstrecker wie er im Buch steht. Er trifft mit beiden Beinen, mit dem Kopf, fackelt nicht lange. Diese Qualität, diese Extraklasse haben nicht viele. Kane aber braucht ebenfalls Vorlagen seiner Mitspieler. Er ist kein Typ wie Kylian Mbappé, der auch mal etwas alleine machen kann, den Gegenspielern weglaufen kann.

Steht beim FC Bayern vor einer Vertragsverlängerung.
Steht beim FC Bayern vor einer Vertragsverlängerung. © IMAGO/Michael Nibel

Hätte Kane es verdient, als Weltfußballer mit dem Ballon d'Or ausgezeichnet zu werden?
Wenn du so viele Tore machst – logisch. Ich würde es ihm gönnen, er hätte es verdient, weil er seit Jahren auf diesem Niveau spielt. Lamine Yamal vom FC Barcelona ist auch ein Klassespieler - auf seine Art, rechts draußen auf dem Flügel. Und Yamal ist mit Spanien Weltmeister geworden. Das zählt wahrscheinlich.

Fischer ist enttäuscht von den deutschen Stürmern

Was halten Sie denn von den deutschen Mittelstürmern?
Es tut mir leid, wenn ich das sagen muss, aber wir haben in der Beziehung überhaupt nichts. Wir haben ganz große Probleme, weil wir auch keine Außenstürmer haben. Und wenn wir gegen eine tiefstehende Mannschaft spielen, und über die Außen kommt nichts, dann wird es ganz, ganz schwer. Egal gegen wen. Durch die Mitte geht es kaum, da stehen mittlerweile nahezu alle Gegner gut, weil kompakt. Und die deutsche Nationalelf ist eben nicht der FC Bayern München, die haben eben Olise und Díaz.

In den zwei Aufgeboten von Bundestrainer Jürgen Klopp standen zuletzt mit Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Burkardt drei Mittelstürmer. Getroffen hat keiner in vier Nations-League-Partien.
Havertz ist kein klassischer Mittelstürmer wie Gerd Müller, Horst Hrubesch, Rudi Völler oder ich. Havertz rochiert, lässt sich ins Mittelfeld fallen. Woltemade hatte Probleme, sich bei Newcastle durchzusetzen, nun bei Juventus. Dank seiner Größe ist er kopfballstark. Aber es hilft ja nichts, wenn pro Spiel nur zwei, drei Flanken kommen. Da muss mehr kommen.

Was halten Sie von Schalkes unermüdlichem Mittelstürmer Edin Dzeko, der nach dem Aufstieg mit 40 Jahren noch eine Saison in der Bundesliga dranhängt?
Dzeko ist ein Strafraumspieler, hat seine Qualitäten im Abschluss. Er ist keiner, der einem Gegner weglaufen kann. Deshalb müssen wir unser Spiel so gestalten, dass wir oft in den Strafraum kommen. Wenn wir allerdings eher defensiv stehen, spielt er auch mal nicht. Dzeko ist für Schalke unheimlich wichtig, hat viel zum Aufstieg beigetragen.

Schaffen Ihre Schalker den Klassenerhalt?
Ich hoffe es. Schalke gehört in die Bundesliga. Mein Herz hängt an Schalke. Ich lebe hier, habe elf Jahre für Königsblau gespielt. Ich war Co-Trainer, Interimstrainer, bin Repräsentant des Vereins. Ich glaube, dass wir eine Mannschaft haben, die bis zu Platz zehn erreichen kann. Die Qualität ist da, natürlich muss man im Laufe einer Saison auch ein bisschen Glück haben.

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