"Fußballer sind keine Ersatzpolitiker": Özdemir findet klare Worte für Kompany

AZ: Herr Özdemir, der VfB Stuttgart eröffnet beim FC Bayern die Bundesligasaison. Hätte es für Sie als Fan und Mitglied des VfB einen schöneren Start geben können?
CEM ÖZDEMIR: Ehrlich gesagt nicht. Dass die größten Vereine unserer Südschiene die neue Saison eröffnen, ist einfach toll. Beide Klubs atmen Tradition. Mein erstes Fußballspiel, das ich außerhalb von Stuttgart gesehen habe, war übrigens 1978 im Olympiastadion, mit Legenden wie Sepp Maier und Gerd Müller. Natürlich schickt der FC Bayern auch in diesem Jahr wieder eine absolute Top-Mannschaft ins Rennen. Aber nach der Niederlage im Pokalfinale hat der VfB noch eine Rechnung offen.
Özdemir hofft auf starken Saisonstart für Musiala
Lassen Sie uns auf den FC Bayern schauen: Vincent Kompany überzeugt in seiner Menschenführung. Zusätzlich findet er auch für Themen abseits des Platzes die richtigen Worte, wie in seiner Anti-Rassismus-Rede. Wäre er nicht auch ein perfekter Politiker, wie sein Vater?
Fußballprofis und -trainer sind eben auch Vorbilder. Wenn jemand wie Vincent Kompany auf einer Pressekonferenz klare Kante gegen Rassismus zeigt, dann hört man ihm zu – auch außerhalb der Fußballwelt. Der Fußball hat eine verbindende Kraft. Trotzdem sind Fußballer keine Ersatzpolitiker. Ich würde mir auch nie anmaßen, einen guten Fußballtrainer abzugeben.

Ein Schwabe beim FC Bayern ist Jamal Musiala, sein Lieblingsgericht ist Maultaschen. Wäre er nicht der perfekte Markenbotschafter für Baden-Württemberg und trauen Sie ihm trotz der jüngsten Vorfälle einen Aufschwung direkt zu Saisonbeginn zu?
Mit den Maultaschen hat er jedenfalls beste Startvoraussetzungen. Aber im Ernst: Für den gebürtigen Stuttgarter Jamal Musiala hoffe ich, dass er die verkorkste WM abschütteln kann. Außergewöhnliche Spieler wie er können auf dem Platz immer den Unterschied machen. Wir müssen aber gar nicht nach München schauen: Beim VfB haben wir mit Deniz Undav auch einen Kandidaten – unbekümmert, torgefährlich und dabei immer sympathisch und bodenständig geblieben. Das passt hervorragend zu Baden-Württemberg.
Uli Hoeneß hat eine einzigartige Karriere hingelegt und den FC Bayern mit großer Weitsicht zu dem gemacht, was der Verein heute ist.
Özdemir versöhnte sich mit Hoeneß bei ihm zu Hause
Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß warf Ihnen als Landwirtschaftsminister einmal vor, Sie wollten ihm den Zucker im Kaffee verbieten. Inzwischen pflegen Sie ein gutes persönliches Verhältnis. Wie kam es zu diesem Sinneswandel – und was schätzen Sie an ihm besonders?
Uli Hoeneß hat eine einzigartige Karriere hingelegt und den FC Bayern mit großer Weitsicht zu dem gemacht, was der Verein heute ist. Dabei kann man natürlich auch mal über das Ziel hinausschießen. Dies haben wir bei ihm zuhause am Tegernsee mit ihm und seiner sehr liebenswürdigen Frau Susanne geklärt. Seitdem haben wir ein tolles Verhältnis. In meinem WG-Zimmer in Stuttgart hing übrigens lange Zeit als einziges Poster das Bild der legendären Fußball-Weltmeistermannschaft von 1974, auf dem auch Uli Hoeneß abgebildet ist. Solange er uns unseren Hoeneß nicht abwirbt, ist also alles okay (lacht).

Sie sind seit langer Zeit Fan des VfB Stuttgart. Wie wichtig ist eine erfolgreiche Saison des VfB für das Bundesland Baden-Württemberg?
Ich bin seit Kindheitstagen glühender VfB-Fan, Dauerkartenbesitzer und auch in der VfB-Stiftung engagiert. Ein erfolgreicher VfB freut natürlich viele Menschen im Land, der Verein ist in der Region tief verwurzelt. Fußball kann zu einer gewissen positiven Grundstimmung beitragen. Überschätzt wird er aber, wenn man glaubt, er könne politische Probleme lösen – das kann er nicht. Unterschätzt wird er dagegen im Kleinen: In den vielen Vereinen und auf den Sportplätzen im Land engagieren sich unzählige Menschen ehrenamtlich als Trainer, Betreuer oder am Grill nach dem Spiel. Das hält unsere Gesellschaft zusammen, oft mehr als jede große Rede.
Fußball kann zu einer gewissen positiven Grundstimmung beitragen.
Özdemir und Söder fordern Extra-Ausbau von Windrädern im Süden
Sie haben Markus Söder kurz nach Ihrem Antritt als Ministerpräsident eine Kampfansage gemacht, dass Baden-Württemberg an Bayern vorbeiziehen wolle. Sehen Sie das Duell zwischen dem FC Bayern und dem VfB Stuttgart auch so ein bisschen als ein Duell der Ministerpräsidenten?
Nein, politisch sitzen Bayern und Baden-Württemberg oft im selben Boot. Markus Söder und ich fordern ja gerade eine Extra-Förderung für den Bau von Windrädern bei uns im Süden. Beim Rückenwind nach dem Bundesliga-Auftaktsieg hört die Gemeinsamkeit aber auf – den gönne ich nur Stuttgart.