FC Barcelona: Wie ein Vorzeigeklub seine Ideale verkauft

Der FC Bayern trifft im Viertelfinale der Champions League auf den FC Barcelona. Die Katalanen verfolgen über Jahrzehnte eine ganz eigene Philosophie und gelten lange als Vorzeigeklub. Doch in den letzten Jahren hat der Verein diesen Status verspielt.
| Julian Huter
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Lionel Messi vom FC Barcelona
picture alliance/Joan Monfort/AP/dpa 3 Lionel Messi vom FC Barcelona
Die Methoden von Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu werden in der Clubführung des FC Barcelona hart kritisiert.
--/gtres/dpa/dpa 3 Die Methoden von Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu werden in der Clubführung des FC Barcelona hart kritisiert.
Wurde weder in Barcelona noch in München richtig glücklich: Philippe Coutinho
Guido Kirchner/dpa 3 Wurde weder in Barcelona noch in München richtig glücklich: Philippe Coutinho

München - Was beim FC Bayern "Mia san mia" heißt, ist beim FC Barcelona "Mes que un club", übersetzt: "Mehr als ein Klub". Das Vereinsmotto von Bayerns nächstem Champions-League-Gegner rührt vor allem aus Zeiten der Franco-Diktatur, als der Verein und das Stadion zu Symbolen des katalanischen Widerstandes wurden.

Wie auch bei den Münchnern ist diese Motto viel mehr als eine leere Worthülse. Es definiert eine klare Identität. Barca will sich im schnelllelbigen und profitgesteuerten Fußball-Geschäft von anderen Mega-Klubs abheben. Der Verein hat eine eigene Philosophie und beansprucht mit seinem Slogan auch eine gewisse Vorbildfunktion für sich.

FC Barcelona wehrt sich lange gegen Trikotsponsor

Lange wurden die Katalanen diesem Credo gerecht. Während die Konkurrenz schon jahrelang mit Trikotsponsoren auflief und damit viel Geld einnahm, wehrte sich Barcelona 111 Jahre gegen diesen Trend. Als der Verein 2006 schließlich doch einlenkte, kassierte der Klub dabei nicht ab. Im Gegenteil: Barca lief mit dem Schriftzug des Kinderhilfswerks "Unicef" auf und spendete jährlich 1,5 Millionen Euro an die Organisation. Sicher auch eine Investition in das eigene Image, aber dennoch ein Modell mit Vorbild-Charakter. Mehr als ein Klub eben, vor allem in der Außendarstellung.

Auch in der Transferpolitik verfolgte Barcelona jahrelang eine eigene Strategie. Zwar gab es immer wieder mal einen großen Transfer, das Hauptaugenmerk war allerdings darauf gerichtet, eigene Nachwuchsspieler an den Profikader heranzuführen und diese zu hausgemachten Stars zu Formen.

Grund dafür war auch eine eigene Spielidee, die in allen Jugendmannschaften praktiziert wird: Attraktiver Offensivfußball, schnelles und technisch anspruchsvolles Kurzpassspiel, viel Finesse statt brachiale Gewalt. Geprägt wurde diese Idee vom legendären Johan Cruyff. Unter Pep Guardiola wuchs die Idee zum Mantra.

FC Barcelona unter Pep das Nonplusultra

Peps Barcelona zelebrierte Fußball und spielte die Konkurrenz dabei in Grund und Boden. 2009 und 2011 gewannen sie die Champions League, die Hauptakteure dieser Übermannschaft wurden in der eigenen Jugend ausgebildet, darunter Weltstars wie Lionel Messi, Xavi und Andrés Iniesta. Barcelonas spezielle Philosophie machte sie damals zum Nonplusultra im Vereinsfußball. 2015 folgte noch ein weiterer Titel in der Königsklasse. 

Die Methoden von Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu werden in der Clubführung des FC Barcelona hart kritisiert.
Die Methoden von Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu werden in der Clubführung des FC Barcelona hart kritisiert. © --/gtres/dpa/dpa

Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Der begehrte Henkelpott war für Messi und Co. seitdem unerreichbar. Das 0:4 im Halbfinale der vergangenen Saison gegen den FC Liverpool nach einem 3:0-Hinspielsieg ging als eine der größten Blamagen in die Vereinsgeschichte ein.

Da der Erfolg im prestigeträchtigsten Wettbewerb des europäischen Klubfußballs ausblieb, änderte die Vereinsführung um Barca-Präsident Josep Maria Bartomeu den Kurs. Statt weiterhin auf die Jugend zu setzen und diese geduldig aufzubauen, wurde immer mehr Geld in teure Stars investiert. In den letzten Jahren verging kaum ein Sommer, in dem Barcelona keinen neuen Topstar präsentierte. Eigene Talente bekommen nur noch selten eine Chance.

Bayern-Leihspieler Coutinho floppt in Barcelona

Die meisten großen Namen enttäuschten, bestes Beispiel ist der aktuelle Bayern-Leihspieler Philippe Coutinho, der 2018 für die aberwitzige Summe von 145 Millionen Euro von Liverpool nach Katalonien wechselte. Insgesamt hat Barca in den letzten sechs Jahren mehr als eine Milliarde Euro für Ablösesummen ausgegeben.

Wurde weder in Barcelona noch in München richtig glücklich: Philippe Coutinho
Wurde weder in Barcelona noch in München richtig glücklich: Philippe Coutinho © Guido Kirchner/dpa

Zudem verliefen diese Transfers nur selten geräuschlos. Ousmane Dembélé sorgte 2017 für einen Skandal, als er seinen Wechsel von Borussia Dortmund nach Barcelona mit einem Streik erzwingen wollte. Die Barca-Führung bestritt jegliche Beteiligung, doch laut übereinstimmenden spanischen Medienberichten soll auch Coutinho vor seinem Wechsel mit Streik gedroht haben. Es ist nur ein Beispiel von vielen, bei dem der Verein in der Öffentlichkeit ein schlechtes Bild abgibt.

FC Barcelona plötzlich ohne Alleinstellungsmerkmale

Das Geld für die Transfers musste an anderer Stelle wieder eingenommen werden. Das "Unicef"-Logo wurde auf die Rückseite des Trikots verbannt. Stattdessen machen die Barca-Stars auf ihrer Brust jetzt Werbung für einen japanischen Online-Händler, der in der Kritik steht, weil er massenhaft Walfleisch- und Elfenbeinprodukte vertreibt.

Der Klub, der sich 111 Jahre gegen einen Trikotsponsor gewehrt hat, verkauft jetzt auch seine Ärmel als Werbefläche. Plötzlich wirkt der Verein, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, mehr als ein Klub zu sein, doch sehr wie viele andere. 

Lesen Sie auch: Flick fordert Transfers - Rummenigge macht wenig Hoffnung

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