Interview

Experte über Corona-Zoff nach Flicks Äußerungen: "Lauterbach liegt falsch"

Professor Fritz Sörgel sieht kein Problem bei Bayerns Katar-Reise und gibt eine Prognose zur Rückkehr der Fans in die Bundesliga-Stadien ab.
| Krischan Kaufmann
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Fritz Sörgel ist Pharmakologe.
Fritz Sörgel ist Pharmakologe. © ho

Fritz Sörgel (70) ist Pharmakologe in Nürnberg, neben seiner Beschäftigung mit Dopingfragen forscht er auf dem Gebiet der Anti-SARS-CoV-2- Virusmittel.

AZ: Herr Professor Sörgel, der Streit zwischen SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Bayern-Trainer Hansi Flick um die Reise der Münchner zur Klub-WM nach Katar schlägt hohe Wellen. Kann die Wissenschaft dabei helfen, die Debatte zur versachlichen?
FRITZ SÖRGEL: Aus wissenschaftlicher Sicht ist es erstmal kein Problem, dass eine Mannschaft in ein Land wie Katar, das auch nicht mehr als viele europäische Länder mit Covid durchseucht ist, reist. Ganz vereinfacht erklärt: Wenn eine Blase in ein Flugzeug einsteigt, sich nach der Ankunft dort sofort ins Hotel begibt, das Team dann zu den Spielen ins Stadion fährt und danach wieder nach Hause fliegt - wo soll da der Unterschied zu den Geisterspielen in der Bundesliga sein, bis auf die Tatsache, dass die Anreise eben länger dauert? Außerdem dürften die Hygienemaßnahmen in Katar, wo ja Geld keine Rolle spielt, mit Sicherheit nicht schlechter sein als in der Bundesliga.

Pharmakologe Sörgel: Lauterbach lag auch bei Geisterspielen falsch

In Katar waren allerdings - wenn auch nur wenige - Fans in den Stadien zugelassen.
Das spielt für die Blase aber eigentlich keine Rolle. Dass diese Zuschauer für die Mannschaften ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellen, lässt sich wissenschaftlich nur schwer belegen. Wenn man die Gesamtsituation betrachtet, muss eben auch Herr Lauterbach - den ich übrigens nicht prinzipiell kritisieren will, denn viele Dinge, die er im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen sagt, sind absolut in Ordnung - einsehen, dass er falsch liegt. Er hat ja damals auch die Geisterspiele in der Bundesliga kritisiert und sich dann im Nachhinein dafür entschuldigt. Aber die ganze Thematik hat ja auch noch eine gesellschaftspolitische Komponente.

Welche?
Natürlich ist der Fußball nicht systemrelevant, aber er kann in diesen schweren Zeiten sehr zu einer Ablenkung der Menschen von ihrer schwierigen Situation beitragen, das darf nicht unterschätzt werden.

Wer die Partien der Bayern bei der Klub-WM verfolgt hat, konnte zumindest am Fernseher miterleben, wie wichtig Fans für die Stimmung und die Atmosphäre in den Stadien sind. Sie sprachen öfters auch mit DFL-Boss Christian Seifert. Wann können wir in Deutschland mit einer Rückkehr der Zuschauer rechnen?
Wenn die Infektionszahlen weiter sinken, das Problem mit den Virusmutationen nicht noch dramatisch wird, die Durchimpfung der Bevölkerung besser funktioniert und die Schnelltests umfassend eingesetzt werden, dann denke ich, dass man zum Ende der Saison in Regionen mit einem Inzidenzwert zwischen 10 und den ominösen 35 ein paar wenige Zuschauer - vielleicht zehn Prozent der Stadionkapazität - wieder zugelassen werden könnten.

Sörgel: Desaster durch Olympia vorprogrammiert

Am einfachsten wäre es wohl, in Zukunft nur Geimpfte in die Stadien zu lassen. . .
Ja, aber das ist wirklich eine gesellschaftspolitische Frage. Wie gehen wir damit um, dass es Geimpfte und Nichtgeimpfte gibt? Der Ethikrat hat sich dazu ja schon geäußert und betont, dass es keine Nachteile für Nicht-Geimpfte geben darf. Außerdem müssten dafür ja auch noch zahlreiche medizinische Themen geklärt werden, zum Beispiel, dass Geimpfte ja immer noch infektiös sein können. All diese Fragen werden ja auch gerade beim Thema Olympia diskutiert - wobei ich eigentlich nicht glaube, dass die Spiele in Tokio stattfinden können. Wenn man es klassisch machen will - und darauf deutet derzeit alles hin - dann heißt das 11.000 Sportler, 60.000 sogenannte Volunteers und ein Olympisches Dorf. Da muss ich kein Wissenschaftler sein, um ein Desaster vorherzusagen, wenn die tausenden Helfer und Sportler nach den Spielen in ihre Heimatländer zurückkehren. Eigentlich hätte die Weltgesundheitsorganisation WHO schon längst eingreifen müssen. Und ja, das IOC hat keinen Plan B.

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Dann müsste ja zuvor die Fußball-Europameisterschaft im kommenden Juni/Juli eigentlich auch ausfallen?
Das glaube ich eher weniger, denn so eine EM ist ja im Prinzip nichts anderes als die Champions- oder Europa League. Anders als bei Olympia, wo tausende Sportler auf engstem Raum konzentriert sind, reisen bei diesem Turnier die Teams in ihrer Blase ja über den Kontinent hin und her.

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