Interview

Ex-Real-Star erklärt: So kann der FC Bayern im Bernabéu bestehen

Uli Stielike spricht im AZ-Interview über den Viertelfinal-Kracher zwischen seinem Ex-Klub Real Madrid und dem FC Bayern, den Mythos Bernabéu und die "Wundertütensturmreihe" der Königlichen.
von  Kilian Kreitmair
Am Dienstag sind die Bayern mal wieder im legendären Bernabéu bei Real Madrid gefordert.
Am Dienstag sind die Bayern mal wieder im legendären Bernabéu bei Real Madrid gefordert. © IMAGO/Jose Breton

AZ: Herr Stielike, am Dienstag trifft der FC Bayern in der Champions League auf Real Madrid. Ist das schon das vorgezogene Finale? 
ULRICH STIELIKE: Das ist schwer zu sagen. (lacht) Aber ein wirkliches Finale ist es schonmal nicht, weil Europapokalviertelfinals ein Hin- und ein Rückspiel haben. Allerdings sind das zwei Spiele, auf die sich Mannschaften, die nicht in Topform sind, fokussieren können und am Ende eine Runde weiterkommen können. So eine Mannschaft ist Real Madrid.

Wenn man sich die Offensivreihen anschaut, ist es das Duell Luis Díaz, Michael Olise und Harry Kane gegen Vinicius Junior, Brahim Díaz und Kylian Mbappé. 
Es geht eigentlich nicht besser im europäischen Fußball. Da trifft eine sehr disziplinierte bayerische Sturmreihe auf eine Wundertütensturmreihe. 

Inwiefern Wundertütensturmreihe? 
Sie sind sehr schnell aus dem Rhythmus zu bringen, gerade Vinicius. Mbappé war zuletzt lange verletzt, da weiß man auch nicht, ob er die vollen 90 Minuten durchhalten kann. Deshalb ist das schon eine Wundertüte.

Zwei launische Superstars: Kylian Mbappé und Vinicius
Zwei launische Superstars: Kylian Mbappé und Vinicius © IMAGO/Federico Titone

Einen klaren Favoriten gibt es aber Ihrer Meinung nach aber trotzdem nicht? 
Wenn man vom Ligawettbewerb ausgeht, gehen die Bayern aufgrund ihrer Statistik und Spielweise als absoluter Favorit ins Rennen. Aber es wird am Ende auf die Tagesform ankommen, wer ins Halbfinale einzieht. 

So ist der Mythos Real Madrid entstanden

Für Real Madrid spricht, dass sie auf europäischem Terrain oft da sind, wenn es darauf ankommt. Im Achtelfinale haben Sie Manchester City souverän ausgeschaltet. Sie selbst haben zwischen 1977 und 1985 beim Klub gespielt: Woher kommt dieses Selbstverständnis in den Kracherspielen?
Die Basis waren die 50er-Jahre. In dieser Zeit entstand der Mythos Real Madrid. Alfredo di Stéfano, Paco Gento, Ferenc Puskás und José Emilio Santamaria haben das Fundament gelegt. Später hat die Generation Luis Figo, Zinedine Zidane und Roberto Carlos das Stockwerk erhöht. So hat sich dieser Mythos immer weiterentwickelt.

Uli Stielike hat zwischen 1977 und 1985 für Real Madrid gespielt.
Uli Stielike hat zwischen 1977 und 1985 für Real Madrid gespielt. © IMAGO/Christoph Hardt

Urvater des Mythos war Präsident Santiago Bernabéu. Sie waren sein letzter großer Transfer. Was war das für ein Mensch? 
Weil er ein Jahr nach meiner Ankunft verstarb, habe ich ihn nicht mehr so intensiv erlebt wie viele meiner Mitspieler. Aber wenn er auf die Geschäftsstelle kam, sind die Leute aufgestanden. Da ist keiner sitzen geblieben. Alle haben ihm diese Hochachtung gezeigt. 

Kann man ihn mit einem Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge beim FC Bayern vergleichen? 
Bei den Bayern sehe ich trotz der ganzen Persönlichkeiten immer noch eine gewisse Harmonie in der Abstimmung. In Madrid war und ist der Präsident ganz klar der Alleinherrscher. 

Wie spürt man als Spieler den Mythos des Vereins?
Man bekommt Superkräfte, wenn man im ausverkauften Bernabéu aufläuft. Wenn dich da 80.000 Zuschauer auffordern, ein gutes Spiel zu machen, spornt das an. Überhaupt ist das Madrider Publikum ein Theaterpublikum – mehr als in allen anderen Stadien auf dieser Welt. In Madrid wird sehr selektiv auf die Leistung der Spieler geschaut. Es gibt nicht, wie zum Beispiel in Deutschland, diese bedingungslose Unterstützung. 

"Ich sehe nicht die Gefahr, dass das Bernabéu die Bayern erschrecken würde"

Also macht das Stadion etwas mit einem als Spieler? 
Es ist nicht nur das Stadion. Auch wenn man die blütenweißen Trikots anziehen darf, bei mir war damals keine Werbung oder ein Ausrüstername drauf, ist das schon besonders. Das macht etwas mit dir, wenn du die gleichen Farben wie diese Legenden aus den 50er-Jahren vertreten darfst. Das pusht dich als Spieler ungemein. 

Wenn man so will, trifft auf den Mythos Madrid die Bestia Negra, so der spanische Spitzname der Bayern. Was braucht die Bestia Negra, um den Mythos Madrid im Bernabéu verpuffen zu lassen?
Ich sehe nicht die Gefahr, dass das Bernabéu die Bayern erschrecken würde. Sie sind unter Vincent Kompany so sattelfest und konstant. Auch ruhen sie sich nicht aus, obwohl sie die Meisterschaft schon so gut wie sicher in der Tasche haben. Wenn sie diese Leistung an den Tag legen, können sie den Mythos Madrid verpuffen lassen.

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