Es spukt in der Traumwelt

Der FC Bayern ist sich wieder einmal seiner Sache (zu) sicher. Trotz des 1:2 in Berlin, der zweiten Pleite im dritten Ligaspiel 2009, beharren sie darauf, dass nur sie als Meister in Frage kommen
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Es ist seine erste Saison als Vereinstrainer, seine erste als Bayern-Trainer: Egal was er macht, Jürgen Klinsmann wird immer mit Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld verglichen werden.
dpa Es ist seine erste Saison als Vereinstrainer, seine erste als Bayern-Trainer: Egal was er macht, Jürgen Klinsmann wird immer mit Erfolgstrainer Ottmar Hitzfeld verglichen werden.

Der FC Bayern ist sich wieder einmal seiner Sache (zu) sicher. Trotz des 1:2 in Berlin, der zweiten Pleite im dritten Ligaspiel 2009, beharren sie darauf, dass nur sie als Meister in Frage kommen

MÜNCHEN Janz lang war der Ball in der Berliner Luft, wa. Und in der Szene, in jener 38. Minute, spiegelte sich der gesamte Habitus des FC Bayern 2009 wieder. Eine weite, beinahe zeitlupenartig hereinsegelnde Flanke von Herthas Ebert senkte sich an den Fünfmeterraum der Bayern.

Ah ja, das wird schon. Kriegen wir schon. Klären wir, die Situation. Kein Problem. Und gewinnen, ja, gewinnen werden wir das Spiel sowieso. Also erlitt Christian Lell eine plötzliche Sorglosigkeitsattacke und flüchtet vor seinem Gegenspieler Andrej Woronin. Unterdessen machte Michael Rensing, der Torhüter, zwei Schritte aus seinem Kasten raus auf Lell zu, dann zurück. Er verließ sich auf Lell. Der verließ sich auf ihn. Alle guten Geister waren auch schon weg – das 0:1. Das Urteil: Der Angeklagte Lell ist schuldig zu sprechen, der Mitangeklagte Rensing ist zumindest Mittäter. Am Ende musste das ganze Team auf die Anklagebank, es setzte ein 1:2.

Was die Bayern fassungslos machte. Trainer Jürgen Klinsmann berichtete von seinen Spielern, als hätten die auf dem Rasen eine seltsame Erscheinung gehabt. „Die Jungs sitzen in der Kabine und sagen: ,Mensch, das gibt es doch nicht.’“ Gibt’s nicht? Gibt’s doch. Bei Bayern. Mehr Ballbesitz, mehr Ecken, mehr Torchancen – ein überlegen geführtes Spiel. Und eine erneute Niederlage, wie schon beim 0:1 in Hamburg. Als wäre es ein Virus. Sie sind die bessere Mannschaft. Das Schicksal, so glauben sie, bestraft die Bayern nach dem Motte: Möge der Bessere verlieren. „Ich begreife das nicht“, sagte Manager Uli Hoeneß, und kurz, nur ganz kurz ließ er den Eindruck zu, nach der vierten Saisonpleite resigniert zu wirken. Er sprach: „Wenn man so eine Steilvorlage wie von Hoffenheim nicht nutzt, dann ist man selber schuld. Das verstehe ich nicht, dass unsere daraus nicht mehr machen.“ Ein kurzer, ehrlicher Moment. Hoeneß war ganz bei sich. Dann schaltete er wieder um auf Klinsmann, auf dessen Denke.

„Wenn wir mal drei Spiele gewinnen, dann ist der Spuk vorbei. Und das muss ja irgendwann kommen“, sagte Hoeneß, der ein stichhaltiges Argument für die Titelverteidigung hatte: „Anders als die Konkurrenten haben wir noch acht Heimspiele und nur sechs Auswärtspartien.“

Und Klinsmann glaubt wirklich: „Jetzt müssen wir es eben nochmals etwas aufschieben, um ein paar Tage, bis wir Tabellenführer sind.“ Ein paar Tage? In 96 Tagen ist Meisterschaft – so lange können sie noch vom Titel träumen bis es ein anderer geworden ist. In Gedanken halten sie längst die Schale hoch. Mark van Bommel, der Kapitän sagte: „Wir werden Meister, weil wir die besten sind“. Und Philipp Lahm erklärt stets: „Uns kann keiner das Wasser reichen.“

Superoptimismus in der Traumwelt – nur ein Verdrängungsmechanismus? Argumente für die Niederlage in Berlin hatten sie auch. „Der Platz war schlimm, fast schon kriminell", schimpfte Hoeneß, „eine Eislaufbahn“. Und hatte ein Bonmot parat: „Der Ball hat ja mit Ribéry gemacht, was er wollte.“ Unerhört. Bruder Dieter Hoeneß entgegnete trocken: „Es ist halt Winter in Berlin, da sind wir nicht verwöhnt.“ Frostig. Witzig.

Bayern verliert und wird Meister? Ja, laut Uli H.: „Am 34. Spieltag – und nur darauf kommt es an – sind wir ganz oben.“ Dieter pflichtete ihm bei: „Am Ende werden sie Meister sein.“ Steht das etwa gar schon fest, weil die Bayern sich gar so sicher sind? DFL, bitte melden!

Patrick Strasser

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