Es KANE nur einen geben: Warum der Ballon d'Or an niemand außer den Bayern-Star gehen darf
Ich war skeptisch. Damals, im Sommer 2023. Das Deutschlandticket kam auf den Markt, nach dem Atomausstieg gingen die letzten Kernkraftwerke vom Netz. Krisenmodus lautete das Wort des Jahres.
Apropos: Beim FC Bayern wurde Thomas Tuchel im März jenen Jahres Nachfolger von Julian Nagelsmann. Tuchel kämpfte dafür, Harry Kane nach München zu holen. "Ich musste mich gegen einige Zweifler durchsetzen, gegen einige andere Meinungen", sagte er. Die Bosse zweifelten eher am so speziellen Chefcoach selbst. Sie hatten den Mittelstürmer bereits auf dem Radar und wunderten sich über Tuchels These, da dieser am liebsten Declan Rice vom FC Arsenal als Mittelfeld-Stratege ("Holding six") verpflichten wollte.
100 Millionen für einen Spieler? Für Uli Hoeneß war das einst "völlig gaga"
In der Vereinsführung zauderte man, die Rekordablösesumme der Bundesliga - und damit natürlich auch des FC Bayern - von knapp 100 Millionen Euro plus 20 Millionen Euro erfolgsabhängiger Bonuszahlungen für Kane locker zu machen. Plus das dicke Millionengehalt eines Mannes, der sofort zu einem der Topverdiener im Starkader aufstieg. Für einen 30-Jährigen? Für einen Spieler von Tottenham Hotspur, der wegen seiner Liebe zu diesem Verein weder bei den größeren Playern wie Arsenal, Chelsea, Manchester City oder United gespielt hat? Für einen, der noch keinen Titel in seiner Karriere gewonnen hat? Hundert Millionen? So eine Summe sei "völlig gaga", meinte Vereinspatron Uli Hoeneß, im März 2023 zu Gast auf dem Roten Sofa der Abendzeitung.

Ich war skeptisch. Immerhin korrigierten die Bayern ihren Kardinalfehler vom Sommer 2022 nach dem Abschied von Robert Lewandowski. Der zweitbeste Torjäger der Geschichte des Vereins nach Legende Gerd Müller wurde nicht durch einen anderen Mittelstürmer ersetzt. Es sollte, unter Nagelsmann, auch mal ohne Neuner gehen - mit hybriden Stürmern und flexiblen Lösungen. Ging gar nicht! Also Kane, der noch nie im Ausland spielte, der bis dato nur in der Premier League funktionierte? Der Deal war Gold wert. Nix gaga, total hurra!
Drei Sommer später muss Harry Kane in meinen Augen den Ballon d’Or bekommen. Es KANE am Montag, wenn die Besten der Besten des Weltfußballs im London Palladium Theatre geehrt werden, nur eine Wahl geben.
Ballon d'Or: Kane hat viele Konkurrenten, doch er ist der kompletteste Fußballer
Warum Kane? Warum nicht Lamine Yamal, Kylian Mbappé oder Rodri? Oder Kanes Teamkollege Michael Olise? Oder gar der ewige Lionel Messi? Cristiano Ronaldo würde Cristiano Ronaldo wählen.
Maßgebend für die Wahl der Fachjournalisten - bei den Männern je einer aus den Top-100-Nationen der Fifa-Weltrangliste - war die Bewertung der Leistung in der abgelaufenen Spielzeit. Konkret vom August 2025 bis zum 19. Juli 2026, also inklusive des WM-Finales.
Spanien bezwang Messi und seine argentinischen Adjutanten. Spielmacher Rodri, zurecht zum besten Spieler des Turniers gewählt, glänzte nur in Nordamerika. Yamal holte den Weltmeistertitel, trug aber wenig dazu bei. Mbappé, WM-Torschützenkönig mit zehn Treffern, holte weder mit Frankreich noch mit Real Madrid einen Titel.
Es KANE nur einen geben. Den komplettesten Fußballer: King Kane. Im Sommer 2023 als Mittelstürmer verpflichtet, entwickelte er sich über die Monate und Jahre zur eierlegenden Wollmilchsau. Er beherrscht sein Kerngebiet, macht Tore wie kein Zweiter. 156 in 158 Pflichtspielen beim FC Bayern, 0,99 pro Spiel. Er trifft alle 82 Minuten.
Kein anderer Bayern-Stürmer der Geschichte brauchte im Durchschnitt weniger als 90 Minuten für ein Tor. Kein Müller, kein Lewandowski, kein Thomas Müller. Im Bewertungszeitraum der Saison 2025/26 kommt Kane auf 61 (!) Tore in 51 Spielen - nicht umgekehrt.

Kane überzeugt auch mit seiner bodenständigen Art
Kane hat mich überzeugt. Im Gespräch humble, bescheiden. Höflich, locker. Dass er in der vierten Saison in München nur ein paar Brocken Deutsch spricht? Geschenkt!
Er wird immer besser, immer flexibler. Der Neuner hat sich unter Trainer Vincent Kompany weiterentwickelt. Zum Teamplayer, zu Bayerns Mister Überall. Er liest ein Spiel wie kein anderer. Er ist der Spielmacher, fast ‘ne Holding Six.
Der Ideengeber, der Anführer. Doppelpack, Dreierpack, Elferkönig. Doppelpässe, Zuckerpässe, und jetzt - siehe das 2:2 gegen Arsenal - auch noch Abstöße.
Als Kind kannte ich nur einen Harry. Freitags, Krimi-Zeit im ZDF. Den Harry, der den Wagen holte und vorfuhr. Inspektor Harry Klein, der treue Assistent von Derrick, dem Oberinspektor bei der Münchner Kriminalpolizei. Sie lösten jeden Fall.
Kane knackt fast jeden Gegner. Es wäre ein Verbrechen, ihm nicht den Ballon d’Or zu geben. Ein Diebstahl.
