"Eine gelungene Aktion von Vinnie": Kompanys Brown-Experiment beim FC Bayern geht voll auf

Wohl dem, der aus der Not eine Tugend macht. Und bei den Notlösungen das Wort nicht verdienen. Weil sie weitere Möglichkeiten aufzeigen, eine neue Perspektive eröffnen. Die Erkrankung von Nationalspieler Jamal Musiala war das Thema rund um den FC Bayern in den letzten Tagen. Um den 23-jährigen Spielmacher zu schützen und ihm ein bisschen Ruhe zu gönnen, durfte Musiala auf die Reise nach Dortmund verzichten.
Aufgrund einer neurologischen Dysfunktion und der leicht veränderten Medikation traten bei Musiala zuletzt temporär auftretende Absencen auf. Also fehlte der Spielmacher beim Duell um den Supercup. Ein freiwilliger Verzicht zum Wohle des Patienten. Überraschenderweise übertrug Bayern-Trainer Vincent Kompany die nun vakante Zehner-Rolle nicht Neuzugang Ismael Saibari, sondern dem anderen 50-Millionen-Euro-Import Nathaniel Brown.
Eberl über Brown-Entscheidung: "Eine schlaue Lösung für heute, eine gelungene Aktion von Vinnie"
Ein Volltreffer – nicht nur wegen seines Linksschusses zum 1:0, über den Vizekapitän Joshua Kimmich anerkennend sagte: "Bei seinem Abschluss wusste ich jetzt nicht, dass er den so reinzimmern kann. Generell bewegt er sich sehr, sehr schlau und intelligent in den Räumen." Das erste Tor im ersten Pflichtspiel, der erste Titel mit den Bayern durch das 2:1 gegen den Vizemeister. "Ich selbst bin nicht so gut ins Spiel reingekommen. Das Tor hat mir ein bisschen geholfen", meinte der gebürtige Amberger Brown, "wenn man das Tor schießt, ist man wie in einem Tunnel. Das sind einfach nur Glücksgefühle."
Der von der Frankfurter Eintracht verpflichtete Linksfuß überzeugte in der zentralen offensiven Rolle, die er zuvor nur im Training und in einem der Saison-Vorbereitungsspiele für eine halbe Stunde gespielt hatte. "Nene hat sich in den letzten Tagen und Wochen durch seine Tore, durch seine Offensivaktionen in die Situation gebracht", sagte Sportvorstand Max Eberl und führte aus: "Er kann das spielen. In Frankfurt hat er sehr viel linker Verteidigung gespielt oder linker Wingback (Schienenspieler in einer Dreier- bzw. Fünferkette, d.Red.). Aber Nene ist ein so intelligenter Fußballer, dass er in jeder Rolle eine Wichtigkeit haben kann. Weil er ein guter Fußballer ist, eine gute Antizipation hat." Zudem fehlte neben Musiala auch noch Serge Gnabry (Reha nach seinem Ausriss der Adduktoren am Oberschenkel). Chance genutzt – von Brown. Und von Kompany. "Eine schlaue Lösung für heute, eine gelungene Aktion von Vinnie", meinte Eberl.
Für den Belgier ist diese Variation nichts Außergewöhnliches. Der 40-jährige Chefcoach verlangt von seinen Spielern absolute Flexibilität und Anpassung an jede Aufgabe, jede Position. Motto: Am besten kann jeder jede Rolle übernehmen. Auch Saibari sei, so Eberl, "ein Spieler, der sehr, sehr polyvalent ist". Ganz nach Kompanys Geschmack. Spezialisten werden zu Alleskönnern. Harry Kane entwickelte sich unter Kompany vom Mittelstürmer zu einem Allrounder, der auf der Sechser-Position sowie im Aufbauspiel zwischen den beiden Innenverteidigern zu finden ist. Der Gegnerdruck, die Dominanz – diese Bayern sind schon fast wieder die Alten. Und damit zu gut für die Bundesliga.
Kompany lobt "sehr gute erste Halbzeit" gegen Dortmund
"Einige Jungs haben drei-, viermal trainiert und heute 90 Minuten gespielt, das war schon beeindruckend", sagte Kompany und dachte an die spielfreudigen Kane und Michael Olise (ein Tor, eine Vorlage). Für den Bayern-Coach war es "eine sehr gute erste Halbzeit", in der sein Team "fast das perfekte Bild" abgegeben habe. Na, das kann ja heiter werden für die Konkurrenz. Am Freitag eröffnet der Meister die Bundesliga-Saison mit einem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart. Was, wenn Kompany bald wieder Musiala einsetzen kann, dazu Gnabry und den Shootingstar der letzten Saison, Lennart Karl?
Nach der Saison-Ouvertüre mit dem ersten Titelchen bekräftigte Kompany, noch "nichts gewonnen" zu haben. Seine Vorgabe lautete, alles sei wieder "auf null" gesetzt. Denn: "Heute sind wir froh und zufrieden, aber morgen sind wir wieder hungrig. Das muss bleiben." Damit der Teamtalisman, der Kakadu aus Porzellan - wie am Samstag - wieder auf Fotos mit frischen Pokalen darf.