„Ein ganz normaler Prozess“

Stagnieren und vertrösten: Beim FC Bayern malen sie sich die Dinge nach dem 1:1 gegen Lyon rosarot. Jürgen Klinsmann wähnt sich „auf dem richtigen Weg“.
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Das Mienenspiel des Jürgen K.: Der Bayern-Trainer präsentiert sich hier ziemlich nachdenklich.
dpa Das Mienenspiel des Jürgen K.: Der Bayern-Trainer präsentiert sich hier ziemlich nachdenklich.

Stagnieren und vertrösten: Beim FC Bayern malen sie sich die Dinge nach dem 1:1 gegen Lyon rosarot. Jürgen Klinsmann wähnt sich „auf dem richtigen Weg“.

MÜNCHEN Franz Beckenbauer fand’s überhaupt nicht lustig. Er war außer sich über das Eigentor von Martin Demichelis beim 1:1 gegen Olympique Lyon. Er schimpfte: „Ich dachte, ich bin in der Sendung 'Verstehen Sie Spaß'? Er geht nur halbherzig zum Ball, das geht nicht. In einer Schülermannschaft würde man sagen: 'Spiel Klavier oder Flöte, aber spiel nicht Fußball’“.

Trainer Jürgen Klinsmann sagte dazu: „Das kann passieren. Das ist überhaupt kein Problem. Im übrigen war es phänomenal, was Martin im Mittelfeld abgearbeitet hat.“

Zwei Männer, zwei Meinungen. Klinsmann sieht es rosarot, nicht nur dieses Thema. Ob es um die aktuelle Form, die Entwicklung eines Spielsystems und das spielerische Fortkommen geht – Klinsmann hat immer einen Satz parat. „Das ist ein ganz normaler Prozess.“ Und weiter: „Wir stehen am Beginn einer neuen Saison. Es ist normal, dass die Dinge hier und da noch nicht optimal laufen. Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Wie schön. Der FC Bayern erfährt durch Klinsmann und seinen Trainerstab gerade eine der größten Umwälzungen seiner Geschichte und der Umwälzer findet alles „ganz normal“.

Macht Torhüter Michael Rensing einen Fehler, ist das „überhaupt kein Problem“. Zoffen sich Lucio und Demichelis wie gegen Lyon geschehen heftigst auf dem Platz ist das „überhaupt kein Problem, das sind Emotionen, das ist das Schöne am Fußball“. Wird Kapitän Mark van Bommel von ihm auf die Bank gesetzt und entmachtet, ist das „ein ganz normaler Prozess“. Bildet sich durch seine Maßnahmen eine neue Hierarchie, dann ist das – ja richtig – „ein ganz normaler Prozess“. Alles cool, alles easy. Alles normal. Alles noch in Ordnung?

Die Mannschaft stagniert – in den letzten vier Pflichtspielen gelang nur ein Sieg, das 2:0 über Zweitligist Nürnberg. Gegen Lyon wurde ein Rückstand aufgeholt, immerhin. Klinsmann weiß freilich, dass im Fußball langfristige Projekte mit kurzfristigen Ergebnissen einhergehen müssen. Stagnation gleich Rückschritt. Doch Klinsmann versteht es, der Öffentlichkeit eine goldene Bayern-Zukunft zu versprechen. Die Bayern sind ständig unterwegs, ständig „auf dem richtigen Weg“. Kommt irgendwann eine Kreuzung, etwa das Champions-League-Achtelfinale, muss Klinsmann ja nur die richtige Ausfahrt nehmen.

Die Bosse fahren Klinsmanns Kurs mit. „Die Mannschaft hat gut gespielt, hat reagiert“, sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, „das lässt uns hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.“ Oder Uli Hoeneß: „Wir haben einen schönen Europacup-Abend erlebt. Ich habe jetzt keine Lust über die Bundesliga zu sprechen. Aber das Spiel lässt mich hoffen, dass es auch in der Bundesliga anders ausschaut.“

Und plötzlich waren auch von Franz Beckenbauer gänzlich andere Töne zu vernehmen. Mit derselben Wortwahl wie sie Klinsmann verwendet hatte. „Jürgen ist da auf einem richtigen Weg. Aber wie er selber sagt, er braucht auch gute Ergebnisse.“ Denn wenn die Mannschaft stagniert, muss Klinsmann weiter den Vertröster spielen. Und irgendwann verstehen die Fans keinen Spaß mehr.

Patrick Strasser

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