Atlético hätte ihn sofort geholt: Darum entschied sich Goretzka gegen einen Winter-Wechsel
Wenn eine Entscheidung gefallen ist, wenn man seinen Frieden damit gefunden hat, dann spürt man die Erleichterung in einem emporsteigen. Die tausend Gedanken, die Abwägungen, die Zweifel – Vergangenheit. Ob die Entscheidung richtig war, Atlético Madrid kurzfristig für einen Wintertransfer abzusagen und beim FC Bayern bis Saisonende zu bleiben, wird Leon Goretzka im Sommer beurteilen können.
"Turbulenter als gedacht" sei es in den letzten Tagen zugegangen, gab der 30-Jährige am Freitag zu. Der Mittelfeldspieler blieb ohne Einsatz beim Champions-League-Spiel in Eindhoven (2:1). Wer in sein Gesicht sah, konnte ablesen, dass Goretzka in diesen Momenten überall war: Zwischen Wehmut und Neugier. Zwischen Abschiedsblues und Aufbruchstimmung. Er entschied sich für: das Bewährte. Gegen das Risiko eines Engagements im Ausland. Gegen die Ungewissheit. Atlético hatte ihm, dessen Vertrag bei Bayern zum 30. Juni ausläuft und definitiv nicht verlängert wird, mit einem Arbeitspapier bis 2028 gelockt.
Goretzka will mit dem FC Bayern noch Titel sammeln
"Es hat einige Gespräche gegeben mit Leon, von allen Beteiligten", erklärte Bayerns Sportdirektor Christoph Freund am Freitagvormittag an der Säbener Straße und verriet einen der Beweggründe für Goretzkas Entscheidung. Er spüre, "dass noch einiges möglich ist in diesem Jahr, da will er dabei sein". Er selbst formulierte auf Instagram, dass er einmal noch "im Mai mit vollen Händen am Marienplatz stehen" und mit den Fans "die ganz großen Titel feiern" wolle.
Die Chance auf das Triple ist da, sein siebter Meistertitel am Ende seiner achten Saison in München beinahe eingetütet, das Double schimmert am Horizont. Als Krönung der Bayern-Zeit könnte er erneut den Henkelpott in seinen muskulösen Armen halten. Wie 2020 als er ein – im Vergleich zu heute - noch wichtigerer Bestandteil der Mannschaft war, damals unter Trainer Hansi Flick.
Das Geld spielte bei Goretzkas Entscheidung keine Rolle
Atlético war bereit, das üppige Gehalt von Goretzka, einer der Topverdiener des Kaders, für die verbleibenden fünf Monate der Saison zu matchen, sprich dieselbe Summe wie die Bayern zu bezahlen. Daher spielte bei seiner Entscheidungsfindung der finanzielle Aspekt keine Rolle. Es waren eher die weichen Faktoren, nicht die harte Währung des Business, die ihn von einem überstürzten Wechsel abhielten. Leon, der Profi.
Da ist zu einem seine Position in der Mannschaft, in der Kabine. Die Rolle, die er unter Trainer Vincent Kompany spielt, obwohl er längst nicht immer (von Beginn an) spielt. Goretzka weiß, dass Vizekapitän Joshua Kimmich (30) und Aleksandar Pavlovic (21) auf den beiden Sechser-Positionen gesetzt sind. Und dass Tom Bischof (20) die Zukunft gehört.
Die Verantwortlichen hatten Goretzka klar gemacht, dass seine Zeit bei Bayern mit Ablauf dieser Saison beendet ist, dass er – anders als der gleichaltrige Serge Gnabry – keinen neuen Vertrag erhalten wird. Er fühle sich diesem Team "verpflichtet", mit dem es "auf und neben dem Rasen unglaublich viel Spaß macht und einem Trainer, der unsere Mannschaft wieder zu einer echten Einheit geformt hat".

Goretzka war schon ausgebootet - und blieb doch bei Bayern
Wäre Kompany nicht im Sommer 2024 gekommen, Goretzka hätte längst, zuvor traumati- und tuchelisiert, die Flucht ergriffen. In jenem Sommer, nachdem er die Heim-EM ausgebootet voller Pein nur am TV verfolgen durfte, legten ihm die Bosse nahe, den Verein zu verlassen. Kompany eröffnete ihm, dass er nicht auf ihn setzen werde.
Goretzka blieb stur – und blieb. Er kämpfte sich zurück und wurde zu einem Vorbild für alle im Team, die zwischenzeitlich außen vor sind und Frust schieben. Der Meistertitel 2025 trug auch das Goretzka-aus-der-Asche-Label. Diese fußballerische Auferstehungsgeschichte schweißte Spieler und Trainer zusammen. "Diese Phase hat unsere Beziehung gestärkt", bekräftigte Kompany.
Goretzka hatte bei seiner Entscheidung auch die WM im Hinterkopf
Was ebenso eine Rolle spielte: die WM in Nordamerika. Nach seinem gelungenen Comeback bei Bayern holte Bundestrainer Julian Nagelsmann Goretzka im März 2025 zurück in den DFB-Kader. Die Sorge, bei einem unwägbaren Vereins- und Ligawechsel nun das WM-Ticket zu verspielen, dominierte seine Gedanken. Bloß nicht noch ein großes Turnier, für ihn womöglich das letzte, verpassen.
Am Samstag, beim Hamburger SV (18.30 Uhr, Sky), könnte Kompany Goretzka von Beginn an bringen. Der hat jetzt den Kopf frei. Und will allen beweisen, auch sich, dass die Entscheidung richtig war.
