Ärzte-Zoff: Das Ende der heilen Bayern-Welt

Der ewige Vereinsarzt Müller-Wohlfahrt schmeißt hin und bringt seinen kriselnden Klub damit nur noch mehr in die Bredouille.
| Thomas Becker
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Zwischen Pep Guardiola (l.) und dem langjährigen Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist das Tischtuch offenbar endgültig zerschnitten.
imago/az Zwischen Pep Guardiola (l.) und dem langjährigen Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist das Tischtuch offenbar endgültig zerschnitten.

München - Erst Pleiten, Pech und Pannen in Porto, und jetzt schmeißt auch noch der Über-Doc hin: Da kommt selbst ein erfahrener Pressesprecher wie Markus Hörwick außer Atem. Vernehmbar schnaufend eröffnet er die Fragerunde mit Pep Guardiola zum Spiel in Hoffenheim. Darüber wollte an diesem Tag – Tag eins; nachdem Müller-Wohlfahrt wütend, entrüstet, verärgert hingeschmissen hat – jedoch kein Mensch reden. Nur mit Mühe kann Hörwick die Fragen nach dem Vereinsarzt a.D. abbiegen („Soll, müssen tut der Trainer gar nichts“), er findet „irgendwas nachkarten“ gerade unpassend und genehmigt dann genau eine Frage zum Rücktritt der medizinischen Abteilung. Guardiola sagt: „Es war seine Entscheidung. Ich habe großen, großen Respekt. Ich kann diese Entscheidung nur respektieren.“ Und nun zum Sport? Von wegen!

Was ist bloß los bei den Bayern? Kürzlich noch die Überflieger, jetzt Chaos pur. Wie ulkte Thomas Müller neulich noch: „Ich bin der Müller ohne Wohlfahrt.“ Wie wahr. Die heile Welt der Bayern – sie war einmal. Am Tag nach dem 1:3 in Porto erklärte Klub-Ikone Müller-Wohlfahrt (72) nach 38 Jahren seinen Rücktritt und begründete dies mit Vorkommnissen nach dem Spiel in Porto. „Aus uns unerklärlichen Gründen“ sei die medizinische Abteilung „für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht“ worden, hieß es in einer Mitteilung. Das Vertrauensverhältnis sei „nachhaltig beschädigt“.

Mit Müller-Wohlfahrt tritt sein gesamter Stab zurück, auch Sohn Kilian, der erst kürzlich die Betreuung der Spieler an der Säbener Straße übernommen hatte, um dem Wunsch Guardiolas nach einem Klubarzt auf dem Trainingsgelände zu entsprechen. Auch Jürgen Klinsmann hatte in seiner Bayern-Amtszeit 2008/09 einen Arzt am Vereinsgelände gefordert. Müller-Wohlfahrt ließ sich damals von seinen Aufgaben entbinden, kehrte aber am Tag nach der Trennung von Klinsmann zurück. Damals übernahm Uli Hoeneß eine führende Rolle. Aber der kümmert sich ja jetzt um die Jugend.

Sein FC Bayern nimmt den Rücktritt des Docs am Morgen danach in einer sehr nüchternen, fast lapidaren Neun-Zeilen-Erklärung „mit Bedauern“ zur Kenntnis – beinahe unwürdig für eine fast 38 Jahre dauernde Zusammenarbeit – und kündigt „zeitnah“ eine Entscheidung über die Nachfolge an. Vorerst werde der Orthopäde und Unfallchirurg Volker Braun das Team betreuen. Er arbeitete zuletzt bei der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. Nach AZ-Informationen gilt Knie-Spezialist Erich Rembeck als Favorit auf die „Mull“-Nachfolge.

Aber kann ein anderer Arzt so kurzfristig das aktuelle Lazarett beherrschen? Guardiola sagt: „Nein...“ Weiter kommt er nicht, weil PR-Mann Hörwick dazwischen grätscht: „Wir werden eine Lösung finden.“ Das Verhältnis zwischen Guardiola und dem „Mull“ war schon lange nicht mehr gut. Vor allem bei der Behandlung des mehr als ein Jahr verletzten Spaniers Thiago gab es Ärger. Sportvorstand Matthias Sammer und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge beteuerten zwar, es gebe keine Probleme, doch mit Rummenigge, der dem Doc nie so nahe stand wie Hoeneß, soll es noch in der Kabine von Porto zu einer Diskussion über die Verletzten gekommen sein. Beim Bankett saß man zwar am selben Tisch, hatte sich aber wenig zu sagen.

Pep und

Bei einem Treffen am Donnerstag in München, bei dem es um die Knöchelblessur von Franck Ribéry gegangen sein soll, sei der Streit eskaliert. Der Franzose konnte letztmals am 11. März spielen; aus wenigen Tagen Pause, wie zunächst verkündet, sind Wochen geworden. Auch gegen Hoffenheim fehlt Ribéry. Guardiola sagt, er habe „keine Zeit zum Jammern“, tut es aber doch: „Gegen Donezk hatten wir den besten Ribéry! Alle waren fit, und ich dachte: ‘Jetzt können wir gegen die Besten kämpfen.’“ Will sagen: Real und Barca können kommen!

„Drei Tage später hatten wir vier Verletzte“, fährt Guardiola fort, „das ist Fußball, das ist das Leben.“ Er sagt zwar: „Wenn ein Spieler verletzt ist, ist nicht der Doktor schuld. Verletzt ist verletzt“, spricht aber auch von „13 Operationen in zwei Jahren“. Bei Nachfragen zur Gesundheit seiner Invaliden hatte er zuletzt oft geblafft: „Frag’ den Doc!“ Dieser hielt sich mit öffentlichen Einschätzungen zurück. Die Bayern-Stars vertrauen ihm und werden wohl auch künftig seine Praxis aufsuchen. Es gilt das Recht der freien Arztwahl. Und Müller-Wohlfahrt? Kam wie jeden Morgen zur Arbeit und sagte den Reportern: „Ich will noch nichts sagen. Es ist noch zu früh. Ich werde mich äußern, aber nicht heute.“ Gut möglich, dass einige nach Luft schnappen werden, wenn der Doc Tacheles redet.

 

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