110 Jahre FC Bayern - mehr als Fußball: „Holz, Holz, Holz!“

Die 46 Kegler des FC Bayern sind in der Säbenerstraße direkt neben den Kickern daheim – und doch Lichtjahre entfernt.
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Kegler Bernd Oberländer im Einsatz. Im Hintergrund sein Vereinskamerad Bernd Fiebig.
Petra Schramek Kegler Bernd Oberländer im Einsatz. Im Hintergrund sein Vereinskamerad Bernd Fiebig.

Die 46 Kegler des FC Bayern sind in der Säbenerstraße direkt neben den Kickern daheim – und doch Lichtjahre entfernt.

Uli Hoeneß wird es hier gefallen, wenn er demnächst vorbeischaut . Bodenständig geht es zu, ehrlich und vor allem ordentlich. So mag Hoeneß das. Einfache Holztische, Neonlicht, kein Gedudel aus dem Lautsprecher. Abgesehen von der Bronze-Büste des Erbauers Ernst Bergmanns, die im Treppenhaus steht, ein paar Urkunden an der Wand und dem Osterschmuck in der Gaststätte ist weit und breit keine Ornamentik zu sehen. Willkommen bei der Kegelabteilung des FC Bayern München!

Wenn der FC Bayern den 110. Geburtstag feiert, sieht man die Bilder schon vor sich: Beckenbauermaiermüllereffekahnmatthäusklinsmann, und ständig wird irgendein Pokal gereckt. Vom Danner Adi, dem Schmalhofer Peter, dem „Zwerg“ Klaus Adler oder von Pietro Cicchi mit dem grauen Rauschebart wird nicht die Rede sein, was schade ist. Denn auch sie gehören zu den 153000 Vereinsmitgliedern, auch wenn sie in der Abteilung nur 46 Mann sind.

Seit mehr als 25 Jahren sind sie an der Säbener Straße 49 zuhause, nur eine Hausnummer neben dem Paralleluniversum FC Bayern München AG - und doch Lichtjahre entfernt. Über den Parkplatz an der Klausener Straße geht es hinein ins Sportkegelzentrum. 47 Vereine mit 155 Mannschaften und rund 1500 Mitgliedern gehören zu dieser Dachorganisation, 500 Bowler kommen noch dazu.

Auf 18 ziemlich löwen-blauen Bahnen werden Wettkämpfe von Kreisklasse bis Bundesliga ausgetragen. Die Bayern-Kegler gehen mit vier Mannschaften bei der Münchner Mannschaftsmeisterschaft an den Start. Prunkstück ist die erste Mannschaft in der Bezirksliga. In den vergangenen drei Jahren war man zwei Mal Münchner Vizemeister und verpasste den Aufstieg in die Regionalliga nur knapp.

Wettkampf der ersten Mannschaft gegen den SKC Germanen München: Klaus Adler hat seine Runde gerade hinter sich, das Trikot des kleingewachsenen Kraftpakets ist klatschnass. Sechs Mann bilden eine Mannschaft, jeder schiebt die Kugel 200 Mal, eineinhalb Stunden lang, ohne Pause. Ein kompletter Wettkampf dauert viereinhalb Stunden, mindestens.

Sportwart Josef Windele ist schon ewig dabei, seit 47 Jahren. Bei Abteilungsvorstand Jakob Fröhler sind es schon 56 Jahre. Doch gegen den Piehlmeier Ludwig sind sie Jungspunde. Der spielt mit seinen 86 noch in der vierten Mannschaft, „und wenn’s sein muss, hilft er auch in der dritten aus“, sagt der Sportwart.

Kegeln ist kein Trendsport, war es nie, wird es wohl auch nicht mehr. „Unsere Jüngsten sind Anfang 30“, sagt Windele, „auf dem Land sieht das anders aus, aber in der Stadt gibt es zu viele andere Freizeitangebote.“ Gegen das Image vom Wirtshaussport wehrt man sich. „Das ist Leistungssport“, sagt Windele, „22 Spiele von September bis März. Plus Training! Plus interne Meisterschaften in der spielfreien Zeit!“

Zu den strikten Regeln gehören Alkohol- und Rauchverbot. Dass beim Spiel gegen die Germanen plötzlich doch ein paar Maß Bier auf dem Tisch stehen, wundert Windele: „Wer hat denn da Geburtstag?“ Es war ein sehr runder Geburtstag, und geprostet haben auch nur Zuschauer, keine Spieler. Es ist eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Volltreffer werden mit Schlachtrufen bedacht, mit einem knappen „Holz, Holz, Holz!“ oder mit „Vier, sechs, acht, jetzt hat’s kracht!“

Um die Jugendlichen für den Kegelsport zu begeistern, wurden extra dickere Kegel eingeführt. „Früher konnte es passieren, dass eine Kinderkugel durch die neun Kegel durchrauschte, ohne dass ein einziger fiel. Heute sind die Kegel bauchiger. Man will schließlich die Kegel fallen sehen.“ Raffiniert, diese Kegler. Aber auch Fußballer debattierten schon über größere Tore.

Von den Profi-Kickern verirrt sich keiner hierher. Nur Mehmet Scholl: Schon mit 14 schob er für den KV Karlsruhe 800 Kugeln pro Woche. Nach dem Karriereende als Fußballer vor drei Jahren spielte er eine Weile bei den Bayern-Keglern mit. „Er gehörte zu den besten Drei“, erzählt Abteilungsleiter Fröhler, „da war was los, wie der hier gespielt hat! Jeder wollte ein Autogramm.“ Ein sehr starker Spieler wechselte von einem anderen Klub zum FC Bayern – nur um mit Scholl zu spielen.

Fußballfans sind sie fast alle. „Mehr als die Hälfte hat eine Jahreskarte und fährt auch zu Auswärtsspielen“, erzählt Windele.

Ansonsten kam vom Hauptverein manchmal Ex-Präsident Fritz Scherer vorbei. Der andere Ex-Präsident, der die Schachabteilung mal als „Klötzchenschieber“ schalt, ließ sich nie blicken: Franz Beckenbauer. „Mit dem Franz hatten wir wenig zu tun“, sagt Fröhler trocken, „aber Uli Hoeneß hat bei der Hauptversammlung versprochen, sich alle Abteilungen anzuschauen“. Es wird ihm gefallen, da unten im Keller. „Senioren-Schweinebraten“ für sechsfünfzig, die Halbe für zweisechzig, und vielleicht geben sie ihm dann ein paar Kegelschuhe, stellen ihn auf die Bahn und Hoeneß lässt es mal wieder ordentlich krachen. Thomas Becker
Und auch das ist der FC Bayern:

Handball

Gegründet: 1945
Mitglieder: 330
Erfolge: Süddeutscher Vizemeister (Herren), 2 x süddeutscher Meister (Frauen).
„Wir sind nicht so erfolgsabhängig und -versessen wie die Fußballer“, sagt Handball-Abteilungsleiter Eugen Fuchs. Es reicht zwar nur zur Bezirksoberliga, aber das macht nichts. Denn, wie es auf der Homepage heißt, stehen bei den Handballern „besonders die Aspekte Sportskameradschaft, Körperertüchtigung und Teamgeist imVordergrund“.

Kunstturnen

Gegründet: 1974
Mitglieder: 35
Erfolge: 4 x dt. Meister
Miro Kloses Salto-Jubel sieht Uli Hager als einzige sportliche Parallele seiner Kunstturner zu den Profikickern. Seit der Gründung der Abteilung 1974 ist er Vorsitzender. Alle Höhen und Tiefen der Turner hat er seither miterlebt: Aufstieg zur nationalen Macht, Abstieg und Wiederaufstieg in die Bundesliga im vergangenen Jahr. Schon bald könnte die Rückkehr an Deutschlands Spitze gelingen.

Basketball

Gegründet: 1946
Mitglieder: 378
Erfolge: Dt. Meister 1954 und 1955, Pokalsieger 1968
Im Verein sind sie die Größten. Neuzugang Robert Maras misst 2,15 Meter. „Ihn könnten die Fußballer im gegnerischen Strafraum brauchen“, sagt Thomas Oehler von den Basketballern. Klinsmann war einst Dauerkartenbesitzer. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit mit den Kickern: „Die Marke FC Bayern polarisiert. Bei uns läuft in vielen Hallen das Tote-Hosen-Lied.“

Schach

Gegründet: 1908
Mitglieder: 104
Erfolge: 9 x Deutscher Meister, Europacupsieg 1992
Der FC Bayern ist erstklassig – auch im Schach. Sieben Teams umfasst die Abteilung. Neben fünf Herrenmannschaften, die in allen Ligen spielen, gibt es eine Frauen- und eine Nachwuchsmannschaft. Die Mittel sind mit denen der Fußballer natürlich nicht zu vergleichen: Wenn die Teams für die Bundesliga das ganze Wochenende unterwegs sind, wird mit der Bahn gereist.

Tischtennis

Gegründet: 1946
Mitglieder: 220
Erfolge: Regionalliga (Herren), Bayernliga (Jugend)
„Wir treffen im Gegensatz zu den Fußballern eben auch den kleinen Ball“, frotzelt Herbert Erhardt, Vorsitzender der Tischtennisabteilung. Doch ein Talent an der Platte haben auch die Bayernkicker: Philipp Lahm bewies gerade erst bei einem Show-Match auf der Ispo sein Können. Erhardt: „Der könnte bestimmt bei uns in der dritten Mannschaft zum Einsatz kommen.“

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