Ex-Boxerin Regina Halmich: Dafür kämpfe ich jetzt

Die frühere Box-Queen spricht exklusiv in der AZ über ihr Engagement im Tierschutz, Vorsorge gegen Brustkrebs – und das Dschungelcamp.
| Matthias Kerber
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"Ich musste mich dauernd rechtfertigen, wurde bewusst kleingehalten", sagt Regina Halmich über die Anfänge ihrer Boxkarriere.
Uli Deck/dpa/lsw "Ich musste mich dauernd rechtfertigen, wurde bewusst kleingehalten", sagt Regina Halmich über die Anfänge ihrer Boxkarriere.

München - Ex-Boxerin Regina Halmich war von 1995 bis zu ihrem Karriereende 2007 Weltmeisterin im Fliegengewicht. Sie ist jetzt Botschafterin für Brustkrebsfürsorge und engagiert sich im Tierschutz.

AZ: Frau Halmich, Sie engagieren sich in der Tier-Adoptionskampagne der Organisation "Vier Pfoten". Wie kam es dazu, dass sich die frühere Box-Weltmeisterin auf die Seite der Tiere schlägt?
REGINA HALMICH: Tiere haben bei mir einen besonderen Platz im Herzen. Ich habe ja selber einen Hund, die Giny, das ist mein Seelenhund. Wenn man sich immer wieder in Tierheimen aufhält, sieht man, wie schwer es manche Tiere haben, ein neues Zuhause zu kriegen. Einfach nur, weil sie vielleicht eine Behinderung haben, weil sie vielleicht ein schwarzes Fell haben. Klar, Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters, aber wirklich gut sieht man sowieso nur mit dem Herzen.

Das ist nicht die erste Initiative, die Sie unterstützen.
Ich war schon vor drei Jahren bei einer Kampagne gegen Gänsestopfleber und Lebend-rupf dabei. Es ist unglaublich, zu welchen Grausamkeiten wir Menschen fähig sind. Ich halte es für essenziell, die Fähigkeit, mitzuleiden, mitzufühlen, nie zu verlieren. Bei allem, was man tut, darf man nie seine Menschlichkeit aufgeben. Der Mensch offenbart seine Seele am deutlichsten im Umgang mit Schwächeren. Wer zu Mitmenschen, zu Tieren, zu Senioren, zur Umwelt schlecht ist, kann in meinen Augen kein guter Mensch sein. Egal, was er sonst noch alles Gutes tut.

Sind Sie Vegetarierin?
Ich bin so aufgewachsen, dass Fleischkonsum ganz normal ist. Ich schaffe es auch heute noch nicht, ganz ohne Fleisch auszukommen, esse aber nur noch sehr wenig Fleisch. Alle zehn, 14 Tage vielleicht. Ich würde aber nie in einem Supermarkt abgepackte Wurst kaufen. Wichtig ist, dass sich jeder bewusstmacht, was er tut. Was das für die Tiere, die Umwelt bedeutet. Ich bin kein Freund von Verboten, bin nicht mit missionarischem Eifer unterwegs. Letztlich muss jeder entscheiden, was er tut – und es am Ende mit seinem Gewissen vereinbaren. Wichtig ist, dass es bewusste Entscheidungen sind und nicht Sachen, die man aus Unwissen betreibt.

Halmich: Greta Thunberg "ist ein Phänomen"

Sie machen sich für behinderte Tiere stark – wie denken Sie generell über Inklusion in unserer Gesellschaft?
Ich würde es sehr begrüßen, wenn etwa in den Schulen Menschen mit Handicaps viel mehr in den Alltag integriert würden. Diese Menschen sind ja nicht "schlechter", sie sind einfach nur anders. Und Andersartigkeit ist eigentlich immer eine Bereicherung.

Sie sprachen vorher den Eifer an: Was sagen Sie zu Greta Thunberg, die mit Ihrer Aktion "Fridays for Future" das Bewusstsein für den Klimawandel extrem verändert hat?
Wer hätte sich vor Kurzem vorstellen können, dass ein kleines Mädchen mit einem Plakat so viel bewegen kann? Sie ist ein Phänomen, die ganze Welt kennt sie. Ich bin auch sicher, dass ihre Überzeugungen hundertprozentig aufrichtig sind. Aber wie fast alles im Leben, hat auch das zwei Seiten. Mir persönlich ist das langsam ein bisschen zu viel Vermarktung. Aber ich finde es toll, dass sie die Politiker, uns alle, zum Nachdenken gebracht hat. Daumen hoch! Was mich fast noch mehr bewegt, ist, welch Hass diesem Mädchen, das ja an einer Form von Autismus leidet, in den sozialen Medien entgegenschlägt. Das ist beängstigend, da gibt es keine Hemmschwellen mehr. Der Umgang wird immer brutaler. Da hat die Politik, die Gesellschaft grundlegend versagt.

Ein anderes Thema, in dem Sie engagiert sind, ist die Brustkrebsfürsorge – auch, weil Sie in Ihrem Umfeld erlebt haben, was diese Krankheit bedeutet.
Stimmt. Ich bin seit sieben Jahren bei Pink Ribbon aktiv. Ich habe bei einer guten Freundin erlebt, was diese Krankheit, sie hatte beidseitigen Brustkrebs, mit einer Frau nicht nur körperlich, sondern auch psychisch macht. Was es bedeutet, wenn die Haare ausfallen und, und, und. Die Botschaft ist einfach und sie kann Leben retten: Geht zur Vorsorge! Brustkrebs ist kein automatisches Todesurteil, er ist heilbar, wenn er rechtzeitig erkannt wird. Ich selber gehe auch stets zur Vorsorge. Niemand ist davor gefeit, dass man erkrankt. Es gibt ja viele prominente Beispiele.

Etwa Sylvie Meis, Anastacia – aber auch Miriam Pielhau, die letztlich an Brustkrebs gestorben ist.
Es war sehr beklemmend, weil ich Miriam etwa acht Monate vorher bei einem Event getroffen habe und wir noch gemeinsame Fotos gemacht haben. Es ist nicht immer leicht, über solche Themen zu reden. Ich merke auch, dass das mediale Interesse bei solchen Themen oft nicht umgehend präsent ist. Bei vielen zieht es eben mehr, wenn es heißt: schön, sexy und schlank in zehn Minuten.

Das sehen wir anders.
Das stimmt und freut mich auch sehr.

Haben Sie sich mal überlegt, sich selber politisch zu engagieren?
Ich habe mal gesagt, dass ich es bewundernswert finde, wie sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in dieser Männerdomäne durchgesetzt hat. Aber ich muss auch klipp und klar sagen, dass die CDU nicht mehr meine Partei ist. Das hat viel mit Julia Klöckner zu tun, der ich vor einem Dreivierteljahr einen Brief geschrieben habe.

Was haben Sie denn der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft genau geschrieben?
Das war, als Klöckner die Tieraktivisten kritisiert hat, die die Vorkommnisse in dem Horrorstall für Schweine aufgedeckt haben. Danach habe ich ihr gesagt, dass ich das unmöglich finde, auch die Entscheidungen zu Glyphosat. Dieser Posten ist für mich mit Frau Klöckner aber so was von fehlbesetzt.

"Ich musste mich dauernd rechtfertigen, wurde bewusst kleingehalten", sagt Regina Halmich über die Anfänge ihrer Boxkarriere.
"Ich musste mich dauernd rechtfertigen, wurde bewusst kleingehalten", sagt Regina Halmich über die Anfänge ihrer Boxkarriere. © Uli Deck/dpa/lsw

Hat Sie Ihnen geantwortet?
Da kam so eine Standardantwort zurück. Ich denke, die hat irgendein Sekretär verfasst, der sich hinter lauter Paragrafen versteckt hat. Für mich war das sehr unbefriedigend, und man hat gemerkt, dass es egal war.

Zu einem anderen Thema: Ex-Boxweltmeister Sven Ottke, mit dem Sie gut befreundet sind, geht ins Dschungelcamp. Was war Ihr erster Gedanke?
(lacht) Warum nur? Ich habe den Kopf geschüttelt, weil ich glaube, dass er es nicht nötig hat. Aber ich verurteile ihn nicht. Er muss das selber wissen. Man bringt sich natürlich gleich ins Gespräch, erhält eine Wahnsinnsaufmerksamkeit und verdient gutes Geld. Ich habe mich sehr gewundert, dass Sven es macht – oder Sonja Kirchberger. Der Dschungel kriegt sie alle – früher oder später. Klar ist es Trash-TV, aber zumindest der König des Trash-TVs.

Halmich: "Ich wurde bewusst klein gehalten"

Kriegt der Dschungel Sie auch?
Nein. Ich habe vor Jahren ein Angebot gehabt, das ich klar abgelehnt habe. Für mich kommt das nicht in Frage.

Zum Abschluss noch ein Rückblick auf Ihre Box-Karriere: Sie haben das Frauenboxen in Deutschland groß gemacht – Ihre Anfänge waren aber alles andere als glamourös... .
Absolut, da ist nicht nur eine Träne über mein Gesicht gelaufen. Das können sich die Mädels heute gar nicht vorstellen. Die sehen, dass es mir sehr gut geht. Dass ich aber am Anfang im Universum-Gym über Jahre in einem kleinen Zimmer mit Doppelstockbett und ohne Fernseher gelebt habe, weiß fast keiner. Ich musste mich dauernd rechtfertigen, wurde bewusst klein gehalten. Damals wurde jeder Boxer zum Frauenboxen befragt – und alles, was geäußert wurde, war negativ. Wenn man selber um Verträge und Sponsoren kämpft, ist es sehr hart, wenn andauernd negative Kommentare um die Ecke kommen. Viele Boxer haben sich später persönlich bei mir entschuldigt für das, was sie alles abgelassen haben. Es war wirklich hart und frustrierend, jedes Mal ein Tiefschlag. Aber ich würde nicht mit den Boxern und Boxerinnen jetzt tauschen wollen. So beschissen es anfangs war, ich habe auch die Glanzzeiten des Boxens in Deutschland erleben dürfen. Die Boxer heute trainieren genauso jeden Tag, lassen sich genauso jeden Tag auf den Kopf hauen und bekommen Gagen, da treibt es einem die Tränen in die Augen. Boxen in Deutschland ist am Boden.

Woran krankt das Boxen in Ihren Augen in Deutschland?
Hauptproblem ist diese Sintflut an Titeln und Verbänden, da blickt keiner durch – ich selber zum Teil auch nicht. Außerdem gab es viele krasse Fehlurteile und schreckliche Kampfansetzungen. Manchmal hat man beim Einmarsch schon gesehen, dass der Gegner spätestens in der dritten Runde umfällt. Die Leute wurden teils für dumm verkauft. Was wir brauchen, sind nicht immer Titelkämpfe, sondern spannende Fights. Vielleicht muss das Boxen das erleben, damit man irgendwann wieder nach oben kommt. Wenn man am Boden liegt, ist man eher bereit, zu lernen, etwas zu ändern.

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