Interview

André Greipel im Interview: "Als Radsportler muss man sich selbst verarschen"

In diesem Oktober hat Deutschlands Sprint-Ass André Greipel seine illustre Karriere beendet. In der AZ spricht er über sein neues Leben, Doping, Jan Ullrichs Beine, die Krankheit ALS - und Sterbehilfe.
| Matthias Kerber
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"Ich durfte 158 Rennen gewinnen, da siegt man nicht nur, wenn man lieb ist", sagt der deutsche Topsprinter André Greipel, der im Oktober mit 39 Jahren seine Karriere beendet hat.
"Ich durfte 158 Rennen gewinnen, da siegt man nicht nur, wenn man lieb ist", sagt der deutsche Topsprinter André Greipel, der im Oktober mit 39 Jahren seine Karriere beendet hat. © imago/Mario Stiehl

AZ-Interview mit André Greipel: Der 39-Jährige war einer der besten Radsprinter seiner Generation, bei der Tour de France holte er sieben Etappensiege, bei der WM 2011 gewann er Bronze, im Oktober beendete er die Karriere. Er hat gerade seine Biografie "Aus dem Windschatten" veröffentlicht.

AZ: Herr Greipel, Sie, der Topsprinter, haben immer gesagt, ein Bürojob wäre für Sie der Horror. Wie sieht das Leben des sogenannten Gorillas nach seinem Karriereende aus?
ANDRÉ GREIPEL: Es ist sicher so, dass ich jetzt die eine oder andere Stunde mehr am Schreibtisch sitzen muss. Aber das ist nicht weiter schlimm, solange ich meine Kilometer draußen auf dem Rad abspulen kann. Klar vermisse ich die Rennen, das Adrenalin, das man gerade bei einem Sprint hat, da kommt man in einen richtigen Rausch. Aber es ist nicht so, dass ich nicht mehr Rad fahre. Ich kann mit voller Überzeugung sagen: Egal, welche Trainingsfahrt ich gemacht habe, ich habe sie immer genossen.

André Greipel: "Man spürt, wann es Zeit ist aufzuhören"

Wirklich? Egal welches Wetter, egal, wie man drauf war?
Mit Sicherheit gab es Tage, an denen es hart war, aufs Rad zu steigen. Aber wenn ich zurückgekommen bin, hatte ich immer ein Lachen im Gesicht, und daran hat sich nichts geändert. Und wissen Sie was?

Was?
Vielleicht werde ich das Rad jetzt noch mehr lieben als früher, weil es mir nicht mehr so weh tun wird. (lacht) Ich habe früher die älteren Fahrer oft gefragt, woher weiß man, dass es der richtige Zeitpunkt ist, aufzuhören. Sie sagten immer: "Du spürst es einfach." Genau so war es: Ich habe es gespürt. Ich bin froh, dass ich der Herr dieser Entscheidung war und nicht durch eine Verletzung gezwungen wurde, aufzuhören. Klar ist es nicht einfach zu wissen, dass man wahrscheinlich in seinem Leben nie wieder etwas so beherrschen wird, aber ich bin mit mir und der Karriere im Reinen. Jetzt kann ich den Menschen, die mir erlaubt haben, meinen Traum zu leben, sich selbst und ihre Bedürfnisse hinten angestellt haben, etwas zurückgeben.

André Greipel: "Die Bestätigung von außen war mir nie wichtig"

Die Ziellinie, Sie beschreiben es in Ihrem Buch "Aus dem Windschatten", hat fast etwas von Shakespeares Hamlet: Sein oder Nicht-Sein. Will man da aus dem Feld der Namen- und Gesichtslosen rauskommen?
(lacht) Sehr schön. Ich wollte immer nur Radfahren, war auf der Suche nach dem perfekten Sprint, mir ging es nie um öffentliche Wahrnehmung, Ruhm. Ich wollte eher in Ruhe gelassen werden. Klar habe ich in dem Moment, in dem ich gewonnen habe, die Bestätigung für mich selber gehabt. Aber die Bestätigung von außen war mir nie wichtig.

Viele Sportler sprechen davon, dass man in so einem Moment - wie dem perfekten Sprint - von etwas Größerem geleitet wird. Fühlten Sie das auch?
Das ist einfach so, ich weiß auch nicht, wie man das erklären soll. Dieser Moment, wenn man eigentlich superkaputt ist und sich denkt, man kann nicht mehr, und dann sieht man diesen Teufelslappen...

Der die letzten 1.000 Meter anzeigt...
Genau. Und dann kann man aus irgendeinem Grund noch die Kraft mobilisieren. Das ist etwas, was mir mit Sicherheit Mutter Natur mitgegeben hat, diesen Kampfeswillen, dieses Über-sich-Hinauswachsen.

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André Greipel: "Radsport ist lebensgefährlich"

Die Schmerzen im Radsport sind gewaltig. Wie überwindet man dabei den inneren Schweinehund?
Man muss sehr gut darin sein, sich selbst zu verarschen. Man redet sich viele Dinge schön.

Wie muss man sich einen Zielsprint vorstellen? Von außen sieht das sehr chaotisch aus.
Es ist wie Tetris-Spielen. Wir fahren alle mit der gleichen Geschwindigkeit, müssen Lücken finden. Da muss man viel Risiko gehen, um eben diese Lücken zu finden.

Thema Risiko: Es kommt im Radsport immer wieder zu Massenstürzen, schweren Verletzungen, gar Todesfällen.
Radfahren ist ein lebensgefährlicher Sport. Meist passiert etwas, wenn man sich auf der Piste nicht genügend Respekt gegenseitig zollt. Ich habe viele Stürze gehabt und oft genug erlebt, wie ich danach mental an mir arbeiten musste, um mich wieder mit vollem Risiko in die Sprints stürzen zu können.

André Greipel: "Peter Sagan ist ein Jahrhunderttalent"

Es hieß oft: Greipel ist zu lieb.
Ich empfinde dies nicht als Kritik, sondern auch als Kompliment. Aber: Ich durfte 158 Rennen gewinnen, da siegt man nicht nur, wenn man lieb ist. Wenn es sein musste, konnte ich auch die Ellenbogen ausfahren - wie alle anderen.

Ausnahmesprinter Peter Sagan war immer für seine mentale Härte berüchtigt.
Er ist der König des Psychokampfes, aber auch ein Jahrhunderttalent. Ich bin nur ein Mensch, er ein Kerl, der mit allen Waffen gekämpft hat. Ich hätte das so nicht mir vereinbaren können, weil ich vielleicht ein zu feiner Mensch bin.

Wer ist für Sie eigentlich der perfekte Sprinter?
Mit Sicherheit ist Mark Cavendish der beste Sprinter unserer Generation. Mit ganz viele Respekt kann ich nur immer wieder sein unglaubliches Talent betonen. Und wie er mit seinen Depressionen fertig geworden ist! Für mich hat er das Comeback des Jahrhunderts hingelegt.

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André Greipel: "Jan Ullrich war Teil eines Systems"

Wie kam es zu Ihrem Spitznamen Gorilla?
Das war 2008, da hat ein Sportler gesagt, als ich im Australien alles gewonnen habe, dass ich dabei aussehe wie ein Gorilla. Der Gorilla ist ein Familienmensch, ein Tier, das sehr lieb sein kann - das beschreibt mich als Privatperson sehr gut.

In Ihrem Buch sprechen Sie über Jan Ullrichs Beine. Man könnte glauben, Sie hätten in Ihrem Leben kaum etwas Schöneres gesehen.
Definitiv, es gibt nicht viele Fahrer, die so ein Bein haben. Das ist fest wie gelebter Biologieunterricht. Man kann wirklich jeden Muskel erkennen.

Er war Ihr Teamkollege, Deutschlands Rad-Idol und dann war klar: Auch er hat gedopt. Wie war das für Sie?
Ein Schock! Was dies für unseren Sport bedeutet, war sofort jedem klar. Er war Teil eines Systems. Ich bin mir aber sicher, dass er - so naiv, wie er eben ist - viele Dinge nicht richtig wusste. Sein Absturz in den letzten Jahren hat mich sehr betroffen gemacht.

André Greipel: "Wir haben uns von der Vergangenheit des Radsports gelöst"

Alkohol, Drogen ..
Es war verstörend, die Bilder von ihm zu sehen. Ich habe richtig mitgelitten. Das Verstecken einer Lebenslüge, wie er es gemacht hat, war sicher nicht die beste Lösung. Ich bin froh, dass er wieder den Weg aus diesem tiefen persönlichen Loch gefunden hat. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst.

Aber Jan Ullrich war dafür mitverantwortlich, dass der Radsport dem Generalverdacht des Dopings ausgesetzt war.
Es war eine sehr schwere Zeit. Ich stand plötzlich für etwas, was zutiefst verlogen war. Man wurde auf der Straße beleidigt. Ich werde nie vergessen, als ich am Frühstückstisch saß und meine eigene Frau Fragen stellte wegen der Vitaminpräparate, die ich zu mir nahm. Trotzdem bin ich froh, dass ich dem Sport treu geblieben bin, auch, wenn man sicher manchmal anders gedacht hat. Unserer Generation ist auch irgendwo anzurechnen, dass wir uns von dieser Vergangenheit des Radsports gelöst, uns davon klar distanziert haben.

André Greipel: "Meine Mutter musste viel zu lange leiden"

Der Sport hat Ihnen Höhen und Tiefen beschert, doch das Privatleben hatte den härtesten Tiefschlag parat. Die Worte Ihrer Schwester "es geht los" haben sich sicher in Ihr Hirn, Ihr Herz eingebrannt.
Definitiv, das waren die Worte, die sie verwendete, als klar war, dass meine Mutter, die an der Krankheit ALS litt, ihre letzten Tage vor sich hatte. Meine Eltern hatten für sich den Weg gewählt, dass sie die Kinder nicht groß in dieses Leid eingeschlossen haben. Das war nicht leicht zu akzeptieren, denn als Sohn will man helfen. Aber es war die Entscheidung unserer Eltern. Meine Mutter war schwer krank, aber sie konnte - sie durfte - bis zum Schluss alles selber entscheiden. Ich bin der Meinung, dass in Situationen, in denen es nur noch Leid und Leiden und keine Aussicht gibt, dass es anders wird, eine Sterbehilfe nicht verkehrt ist. Kein Mensch von außen kann dies so gut entscheiden, wie der Patient selbst. Ich halte es für einen Fehler im System, dass es für einen Patienten, der sein Leid verkürzen will, weil er weiß, dass die Leiden nur noch schlimmer werden können - und werden, keine Chance gibt, dies zu tun. Leiden musste meine Mutter leider viel zu lange.

Passt es ins Bild eines liebenden Gottes, dass es für manche Patienten nur noch Leid um des Leidens willen gibt?
In meiner Vorstellung nein.

"Aus dem Windschatten" von André Greipel (Riva-Verlag, 224 Seiten, 18 Euro).
"Aus dem Windschatten" von André Greipel (Riva-Verlag, 224 Seiten, 18 Euro). © Riva-Verlag

André Greipel: "Ich kann nur mich und meine Familie schützen"

Sie setzen sich jetzt für die ALS-Forschung ein.
Ja, das ist mir extrem wichtig, ich hoffe, dass die Forschung eines Tages ein Medikament entwickelt, das die Krankheit aufhalten kann, damit das Leben noch lebenswert ist, damit keiner leiden muss, wie meine Mutter es musste.

Mit Ihren Erfahrungen von Leid und Intensivstationen: Verstehen Sie Menschen, die in Corona-Zeiten nicht sich und andere schützen?
Viel zu viele denken, dass es sie nicht treffen wird - und viel zu oft kommt es eben anders. Ich verstehe nicht, dass man nicht alles dafür tut, dass das Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen stößt, denn darunter leiden alle Patienten, die Intensivbetten brauchen. Aber ich kann nicht für andere sprechen. Ich kann nur schauen, dass ich meine Familie und mich bestmöglich schütze.

Wie ein Gorilla.
(lacht) Sozusagen.

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