Bittere TV-Wahrheit über Beruhigungsmittel-Einnahme: "Show muss immer weitergehen"

Sie war TV-Reporterin, Künstler-Betreuerin, Pressesprecherin, Chefredakteurin und Promi-Managerin. Nike Schröder (43) kennt die Welt der großen Namen, schnellen Entscheidungen und perfekten Auftritte. Doch hinter der schillernden und scheinbar perfekten Fassade sah es oft ganz anders aus. Der AZ erzählt sie davon.
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Nike Schröders Buch "Die Kunst, stark zu bleiben, wenn alles zu viel ist" erscheint am 21. Juli.
Nike Schröders Buch "Die Kunst, stark zu bleiben, wenn alles zu viel ist" erscheint am 21. Juli. © Sabina Radtke Photography

Nike Schröder arbeitete früh mit deutschen TV-Stars, Entertainern, Moderatoren, Schauspielern und Künstlern. Sie bewegte sich viele intensive Jahre zwischen Medien, Musik und Luxus – und verlor dabei beinahe sich selbst. In ihrem neuen Buch "Die Kunst, stark zu bleiben, wenn alles zu viel ist" (Forward-Verlag, 320 Seiten, 18 Euro) schreibt die 43-jährige Autorin über Erfolg, Erschöpfung, toxische Muster und die Kraft, sich selbst wiederzufinden. Der AZ sagt sie: "Ich war nicht süchtig nach Ruhm, sondern danach, gebraucht zu werden."

Nike Schröder arbeitete mit vielen TV-Promis zusammen

AZ: Liebe Frau Schröder, wann haben Sie gemerkt, dass Ruhm, Macht und Bekanntheit nicht alles sind?
NIKE SCHRÖDER: Sehr früh, doch verstanden habe ich es erst viel später. Mit 13 saß ich zum ersten Mal im Radiostudio, mit 17 arbeitete ich bei Stefan Raab, später bei RTL mit Peter Kloeppel, Markus Lanz und Günther Jauch. Danach in der Musikbranche mit großen Stars. Von außen sieht das wahnsinnig glamourös aus. Für mich war es am Anfang auch berauschend: Tempo, Bühne, Verantwortung, Namen und Türen, die sich öffnen. 

"Bekanntheit schützt nicht vor Einsamkeit"

Aber?
Je näher man an diese Welt herankommt, desto deutlicher merkt man: Bekanntheit schützt nicht vor Einsamkeit. Ruhm macht nicht automatisch glücklich. Und Macht macht Menschen nicht unbedingt frei. Viele Menschen, die von außen bewundert werden, stehen innerlich unter einem enormen Druck. Irgendwann habe ich verstanden: Der Applaus ist laut, eine innere Leere kann er jedoch nicht füllen. 

Nike Schröder: "Ruhm macht nicht automatisch glücklich"

Mächtige und Entscheider zogen Sie an. Warum war das verlockend?
Macht ist verführerisch, weil sie Nähe zu Möglichkeiten verspricht. Ich wollte in Räumen sitzen, in denen etwas passiert. Ich wollte erleben, wie Ideen Realität werden und scheinbar Grenzen verschoben werden können. Das hatte auf mich eine unglaubliche Anziehungskraft. Bis heute faszinieren mich Menschen, die gestalten und Entscheidungen treffen: allerdings aus einer neuen Perspektive.

Wie hat sich Ihr Blick auf Macht und Einfluss verändert?
Heute sehe ich auch die Gefahr daran, Macht mit Status gleichzusetzen. Wenn man sich zu sehr von mächtigen Persönlichkeiten beeindrucken lässt, kann man den eigenen inneren Kompass verlieren. Ich habe Karrieren, Projekte und Visionen anderer mitgetragen, voller Energie, mit grenzenloser Loyalität und mit Herzblut. Aber irgendwann musste ich mir die Frage stellen: Diene ich gerade einer echten gemeinsamen Sache? Oder verliere ich mich in der Mission eines anderen?

Taffe und tückische Showbranche: "Egal, ob du müde bist, krank, traurig oder innerlich nicht mehr kannst"

Sie erlebten, wie Entertainment-Stars an Druck und Erwartungen kaputtgehen können, sich einsam fühlen und manche gar zu Beruhigungsmitteln greifen. Was ist das Tückische an der Showbranche?
Das Perfide ist: Die Show muss immer weitergehen. Egal, wie es dir geht. Egal, ob du müde bist, krank, traurig oder innerlich längst nicht mehr kannst. Der Auftritt zählt. Die Präsenz. Das Lächeln. Die Performance. Die perfekte Minute vor der Kamera.

Was sieht man von außen nicht?
Die Zuschauer sehen den Glanz, aber nicht den Preis. Sie sehen nicht die Einsamkeit im Hotelzimmer, die Angst vor dem nächsten Absturz, den Druck, immer funktionieren zu müssen. Ich habe erlebt, dass Menschen, die tagsüber souverän und strahlend wirken, abends kaum zur Ruhe kommen. Manche betäuben Gefühle, weil sie anders nicht mehr dem Druck standhalten. Das ist kein Vorwurf, das ist keine Schwäche, sondern eine Tragik dieser Welt: Sie lebt davon, dass Menschen glänzen, auch dann, wenn sie innerlich längst dunkel geworden sind.

Ausstieg aus dem TV-Zirkus: "Anerkennung wurde wie eine Droge"

Sie waren ziemlich erfolgreich im Medienzirkus. Warum wollten Sie unbedingt raus?
Weil ich gemerkt habe, dass ich zwar immer besser funktionierte, mich selbst aber immer weniger spürte. Ich war schnell, zuverlässig und belastbar. Ich konnte Probleme lösen, Krisen abfangen, Dinge möglich machen, die andere für unmöglich hielten. Dafür bekam ich Anerkennung. Und diese Anerkennung wurde irgendwann wie eine Droge.

Wie hat sich dies geäußert?
Ich fragte nicht mehr: Was will ich? Was ist mir wichtig? Sondern nur noch: Was muss jetzt funktionieren? Wer braucht mich? Wo brennt es? Ich war äußerlich erfolgreich, gleichzeitig innerlich weit von mir entfernt. Irgendwann wurde mir klar: Wenn ich so weitermache, habe ich vielleicht eine beeindruckende Karriere hingelegt – lebe aber nicht mein wahres Leben.

Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie für sich entschieden haben: So kann es nicht weitergehen?
Es war weniger ein einzelner Knall als eine Summe von Warnsignalen, die ich zu lange ignoriert habe. Mein Körper meldete sich immer lauter. Schlafprobleme, Erschöpfung, Magenprobleme, innere Unruhe. Alles habe ich wegerklärt: zu viel Stress, zu viele Termine, zu viel Verantwortung. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr selbst belügen. Der Moment, in dem ich wirklich begriff, dass es so nicht weitergeht, war der Tag, an dem mein Körper nicht mehr mitgemacht hat. Mein Kopf wollte weitermachen wie immer. Mein Körper sagte: Nein. Und dieses Nein war am Ende nicht mein Scheitern, sondern meine Rettung.

Spätes Verständnis: Kluger Satz von Peter Kloeppel hallt nach

Peter Kloeppel bescherte Ihnen beim Abschied aus seiner Redaktion einst einen Schlüsselmoment. 
Als ich hochmotiviert als gerade mal 20-Jährige die Redaktion von Peter Kloeppel verließ, sagte er sinngemäß zu mir: Deine Fähigkeiten sind ein Geschenk – aber dieses Geschenk ist nicht dafür da, dass andere es ausnutzen.

War es im Nachhinein der klügste Ratschlag Ihres Arbeitslebens?
Ja, absolut. Damals hat mich dieser Satz getroffen, wirklich verstanden hatte ich ihn damals noch nicht. Ich war jung, ehrgeizig und unerschütterlich loyal. Ich dachte: Wenn ich viel gebe, ist das doch gut. Wenn ich gebraucht werde, bin ich wertvoll. Erst viel später habe ich begriffen, wie klug dieser Satz war. Er war nicht nur ein Kompliment. Er war eine Warnung. Und heute einer der wichtigsten Sätze meines beruflichen Lebens.

Nike Schröder: Klinik-Aufenthalt nach Burnout und Zusammenbruch 

Wie kam es dennoch zu Ihrem Zusammenbruch?
Über Jahre habe ich funktioniert. Ich war ständig verfügbar, ständig verantwortlich und ständig im Modus: Ich schaffe das schon. Dazu kamen beruflicher Druck, private Belastungen, Konflikte, Enttäuschungen und das Gefühl, immer stark sein zu müssen. Irgendwann war mein System überfordert. Ich konnte nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Ich musste mich ständig übergeben. Es war, als würde mein Körper all das abwehren und ausspucken, was ich emotional nicht verarbeitet hatte.

Wie haben Sie es aus dem Burnout geschafft?
Ich ging für sechs Wochen in eine Klinik. Nicht in eine Wellness-Blase, sondern in einen Rahmen, in dem ich nicht mehr ausweichen konnte. Kein Business, keine Bühne und keine Veranstaltung, die ich retten musste. Dort begann ich zu verstehen: Ich darf nicht zurück in mein altes Leben. Ich musste anders stark werden. Mit Grenzen. Mit Körperbewusstsein. Mit Selbstachtung.

Viele bewundern Karrieren wie Ihre. Doch welchen Preis mussten Sie dafür möglicherweise zahlen?
Der Preis war hoch. Lange habe ich meine Energie, meine Zeit und manchmal auch meine Gesundheit in Systeme gegeben, die sehr viel genommen und selten entsprechend viel zurückgegeben haben. Ich habe zu oft Ja gesagt, obwohl mein Körper längst Nein sagte. Ich habe mich über Leistung definiert und meine eigenen Bedürfnisse zu lange hintenangestellt.

Nike Schröder: "Ich bereue meinen Weg nicht"

War es das alles wert?
Ich würde sagen: Die Erfahrungen, ja. Der Selbstverlust, nein. Ich bereue meinen Weg nicht, weil er mich zu der Frau gemacht hat, die ich heute bin. Und ich würde ihn heute bewusster gehen. Nicht mehr um jeden Preis. Erfolg ist wunderschön, wenn man sich dabei nicht verliert und dich stärkt. Wenn Erfolg dich von dir selbst trennt, ist es kein Erfolg mehr.

Warum wollen Sie hauptsächlich Frauen mit Ihrem Buch ansprechen? 
Weil ich glaube, dass viele Frauen genau an diesem Punkt stehen: Sie haben viel erreicht, funktionieren hervorragend, halten Familien, Beziehungen, Teams und Projekte zusammen – und fragen sich innerlich: Wo bleibe eigentlich ich?

Buch "Die Kunst, stark zu bleiben, wenn alles zu viel ist" erscheint am 21. Juli

Warum ist das Buch als Weckruf zu verstehen?
Frauen sind oft Meisterinnen darin, Verantwortung zu übernehmen. Für Kinder, Partner, Eltern, Kollegen und Freunde. Sie spüren, wenn etwas kippt. Sie halten Räume, beruhigen, organisieren und retten. Das ist eine unglaubliche Stärke. Doch wenn diese Stärke dazu führt, dass wir uns selbst vergessen, wird sie gefährlich. Mein Buch ist ein Weckruf, weil ich sagen möchte: Stärke bedeutet nicht, alles auszuhalten. Stärke bedeutet, rechtzeitig zu spüren, was nicht mehr stimmt – und dann den Mut zu haben, etwas zu verändern.

Was versteht man besser, wenn man Ihr Buch gelesen hat?
Die Vorstellung, Burnout sei ein Zeichen von Schwäche, greift zu kurz. Häufig sind es gerade die engagierten und belastbaren Menschen, die ausbrennen – weil sie ihre eigenen Bedürfnisse zu lange hinten anstellen. Es sind oft die Starken, die daran zerbrechen – weil sie zu lange funktioniert haben, ohne auf sich selbst zu hören.

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Welche Missverständnisse über Belastbarkeit möchten Sie aufbrechen?
Man versteht auch, warum viele Frauen im Außen souverän wirken und innerlich kämpfen. Warum toxische Beziehungsmuster, falsche Loyalität und permanenter Erfolgsdruck so eng miteinander verbunden sind. Und man versteht hoffentlich: Dein Körper ist kein Gegner. Er ist der ehrlichste Teil von uns. Wenn er streikt, will er uns nicht zerstören. Er will uns wachrütteln und retten.

Heute drehen sich Ihre "Missions Impossible" um ein Thema, das den meisten tatsächlich als unmöglich erscheint: das eigene Leben sinnvoll zu verlängern. Was lernt man in Ihren Coachings zu Longevity? 
Longevity bedeutet für mich nicht, krampfhaft Jahre ans Leben zu hängen. Es bedeutet, dem Leben wieder Qualität zu geben. Es geht um Healthspan: Wie bleiben wir wirklich gesund, klar, kraftvoll, beweglich – körperlich und mental? Im Zentrum steht dabei das Verständnis unseres Nervensystems als innerer Regulator – denn all diese Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden. In meinen Coachings arbeite ich bewusst nicht mit dem Ansatz der Selbstoptimierung, sondern der Selbstführung. Dazu gehört ein ganzheitlicher Blick. Das bedeutet, den eigenen Körper und das Nervensystem wirklich zu verstehen: wie Schlaf, Ernährung, Regeneration, emotionale Muster und Beziehungen zusammenspielen – wie wir daraus innere Balance entwickeln können und wo wir unsere Grenzen setzen. All das hängt zusammen. Genau dort setze ich an.

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Warum sehen Sie sich selbst als Vorreiterin auf diesem Gebiet?
Weil ich Longevity nicht nur medizinisch oder ästhetisch denke, sondern ganzheitlich. Wahre Langlebigkeit beginnt nicht im Labor oder im Spa. Sie beginnt mit der Frage: Lebe ich so, dass mein Körper bei mir bleiben? Für mich ist positive Lebensenergie das neue Statussymbol. Nicht der nächste Titel, nicht der nächste Applaus. Sondern morgens aufzuwachen und zu spüren: Ich bin in meinem Leben wirklich anwesend. Das ist für mich der größte Luxus.

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