Nach Fällen wie Andrew und Marius: Wars das mit der Monarchie? Das sagt eine Königshaus-Expertin
Eine norwegische Kronprinzessin, die vertraut mit einem Sexualstraftäter chattet, ihr Sohn, der unter anderem wegen Vergewaltigung vor Gericht steht - und ein britischer Ex-Prinz, der im Zuge der Epstein-Akten festgenommen wurde: Die Fälle Andrew Mountbatten-Windsor, Marius Borg Høiby und Mette-Marit stürzen die Monarchie weltweit aktuell in eine schwere Krise.
Steht sie vielleicht sogar vor ihrem Ende? Die AZ hat bei ZDF-Königshausexpertin Julia Melchior nachgefragt.
AZ: Frau Melchior, kurz nach der Festnahme von Ex-Prinz Andrew hat König Charles III. seine "uneingeschränkte Unterstützung" bei den Ermittlungen angekündigt. Ihre Einschätzung zum Statement des Königs?
JULIA MELCHIOR: Charles hat das einzig Richtige getan, indem er sich mit klaren Worten eindeutig positioniert hat. Niemand steht über dem Gesetz, da war der König sehr deutlich. Ich sehe diese neue Eskalationsstufe, die Aufnahme der Ermittlungen und die vorübergehende Festnahme im Fall Andrew, eher als Befreiungsschlag für die Krone. Endlich wird Transparenz geschaffen. Der Fall und der Mann liegen in den Händen der Justiz - mit allen Konsequenzen. Mit seiner Stellungnahme hat der König klargemacht, dass auch die familiären Bande zerschlagen sind, nachdem Andrew bereits aus dem Königshaus ausgeschlossen worden war.
König Charles und Andrew: Zwei "krasse Gegensätze"
Das Verhältnis zwischen Charles und Andrew ist offensichtlich zerrüttet. Wie haben sich die Brüder früher verstanden?
Einerseits trennt die beiden ein sehr großer Altersunterschied, andererseits handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Charaktere. Charles ist ein eher zurückhaltender und feinsinniger Mensch, der gerne klassische Musik hört, liest und politisch interessiert ist. Andrew war immer der extrovertierte, abgehobene Lebemann. Anders als der kleine Bruder war Charles nie dekadent. Natürlich führte auch er als Thronfolger ein unfassbar privilegiertes Leben, aber Charles war immer pflichtbewusst und fleißig. Die Brüder sind krasse Gegensätze.

Andrews Fall: Vom "Sonnyboy" der Königsfamilie zur "persona non grata"
War Andrew immer schon das schwarze Schaf der Familie?
Nicht immer. In den Jahren, als er beim Militär diente, hatte er an Ernsthaftigkeit gewonnen. Nach seinem Einsatz als Hubschrauberpilot der Royal Navy im Falklandkrieg 1982 galt er zeitweise sogar als Kriegsheld. Er war nach außen hin gewissermaßen der "Sonnyboy" der Königsfamilie: Die Öffentlichkeit mochte ihn, weil er witzig war, nicht so ernst und schwermütig, wie man Charles damals wahrnahm. Diese Sympathie der Öffentlichkeit ist aber durch seinen ausschweifenden Lebenswandel in den 1980er- und 1990er-Jahren ins Gegenteil umgeschwenkt.
Missbrauchsvorwürfe und minderjährige Opfer: Wie geht es Andrews Töchtern jetzt?
Leidtragende des ganzen Skandals sind vor allem auch Andrews Töchter, Prinzessin Beatrice und Eugenie. Wie geht es ihnen mit der Situation rund um ihren Vater?
Man kann nur ahnen, wie schrecklich es für die Töchter sein muss, was sie über den eigenen Vater erfahren müssen. Amtsmissbrauch ist das eine Thema, aber der Missbrauch Minderjähriger, Opfer, die damals so alt waren wie sie selbst... Hinzukommt die Schande, die ihr Vater über die Familie bringt. Die beiden haben sich total zurückgezogen. Aber sie haben einen engen Freundeskreis, der zu ihnen hält, und inzwischen ja auch selbst eine kleine Familie, die ihnen Kraft gibt. Es wäre nicht fair, die beiden Frauen aufgrund der Machenschaften des Vaters - und ja auch der Mutter, Sarah Ferguson - zu verurteilen. Auch die Königsfamilie zeigt sich loyal zu Beatrice und Eugenie. Sie werden weiter Teil der Familie bleiben, an Feierlichkeiten teilnehmen. Aber sie sind keine aktiven Familienmitglieder, die irgendeine Funktion wahrnehmen. Das waren und werden sie nicht.
"Erheblich eingebüßt": So blickt das britische Volk jetzt auf seine Royals
Was hat der "Andrew-Skandal" mit dem Ansehen der Monarchie im britischen Volk gemacht?
Es ist ein Schlag ins Mark des Königshauses. Viele stellen die Integrität der Familie und den Sinn der Monarchie infrage. Gegner gibt es immer, aber durch die Causa Andrew hat die Monarchie noch einmal erheblich an Rückhalt in der Bevölkerung eingebüßt. Aber: Ich halte den Skandal dennoch nicht für existenzgefährdend für den Fortbestand des Königshauses. Andrew spielt in der Monarchie keine Rolle. Er hat keine Funktion. Den Platz in der Thronfolge ist er auch bald los. Die Hauptfigur ist das Staatsoberhaupt - und das ist Charles, ein respektierter König. Die aktiven Familienmitglieder, die ihn in seiner Arbeit unterstützen, machen allesamt einen anständigen Job, egal, ob William und Kate oder Anne und Edward, die anderen beiden Geschwister des Königs. Das wird gesehen. Vor allem auch bei Camilla, die so lange abgelehnt wurde. Sie ist eine Säule des Königshauses. Sie ist schon lange die große Unterstützerin im Kampf gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch. Schon vor Monaten haben sich Charles und Camilla im Zuge der Enthüllungen um Andrew mit den Opfern von Missbrauch solidarisiert. Also: Ich glaube nicht an das Ende der britischen Monarchie, aber die aktuelle Situation erfordert definitiv grundsätzliche Veränderungen.
Image-Rettung: So müsste sich das britische Königshaus ändern
Die da wären?
Mehr Transparenz zum Beispiel. Wie konnte es dazu kommen? Wie viel wusste die Königsfamilie? Warum wurden erst so spät Maßnahmen ergriffen? Das Königshaus steht unter Druck, in Zukunft offener zu operieren und Rechenschaft abzulegen. Ich will dem Königshaus keine Vertuschungsstrategie unterstellen, aber Diskretion und das Aussitzen von Problemen waren immer Teil der Philosophie. Ich finde, da ist Charles jetzt einen entscheidenden Schritt gegangen, indem er zur Aufklärung beitragen möchte. Für die nächste Generation Königskinder sind Andrew und Harry absolute Lehrstücke. Beide waren die "Reserve-Thronfolger", wie es so schön heißt, die - böse gesagt - keine Verwendung im Königshaus hatten. Für die Geschwister von Prinz George (Sohn von Prinz William und künftiger Thronfolger, d. Red.) wird das jetzt sicherlich Konsequenzen haben. Sie müssen frühzeitig ermutigt werden, einen eigenen Weg zu gehen und nicht ihr Leben auf Kosten der Staatsspitze auf der Reservebank zu fristen und dabei auf blöde Gedanken zu kommen.
Ex-Prinz Andrew und die Königsfamilie: Gibt es noch ein Zurück?
Würden Sie sagen, der Bruch zwischen Andrew und seiner Familie ist irreparabel?
Definitiv. Ausgeschlossen, dass noch einmal eine Annäherung passiert - Andrew ist eine persona non grata in der Familie. Er wird zu keinen Familienfeiern mehr eingeladen, keine Aufgaben mehr bekommen. Alles, was man jetzt noch von ihm erwarten kann, ist, dass er sich endlich kooperativ zeigt. Das ist er den Opfern schuldig - und auch seiner Familie.
ZDF-Königshaus-Expertin: "Glaube nicht, dass der Fall Marius die Monarchie in Norwegen gefährdet"
International gesehen wirft auch der Prozess rund um Marius Borg Høiby und die Verwicklung seiner Mutter Mette-Marit in die Epstein-Akten einen dunklen Schatten auf die Institution Monarchie...
Es ist erschütternd, was der Prozess gegen Marius zutage bringt. Und das wirft gewiss kein gutes Licht auf die Kronprinzenfamilie, weil man sich auch hier die Frage stellt: Wie kann das passieren? Aber ich glaube nicht, dass der Fall Marius die Monarchie in Norwegen gefährdet. Im Gegensatz zu Andrew war Marius auch nie Mitglied des Königshauses. In Norwegen sehe ich das institutionell größere Problem bei Mette-Marit. Sie ist die Frau des Kronprinzen, die zukünftige Königin. Wie kann es sein, dass sie ein so vertrautes Verhältnis mit einem damals schon verurteilten Sexualstraftäter hat? Wie kann es sein, dass sie sich in einer Korrespondenz mit diesem Mann abfällig über ihr königliches Umfeld äußert? Das ist eine große Enttäuschung, die das norwegische Königshaus in eine Vertrauenskrise stürzt.

Fazit: Die Monarchie muss beginnen, sich selbst zu überdenken und zu reformieren?
Das muss die Monarchie immer, sonst würde sie nicht so lange bestehen. Aber mancherorts ist es dringender als anderswo. Wir reden gerade alle nur über England und Norwegen. Niemand spricht über eine Königin Silvia von Schweden, die dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen schon in den 90er-Jahren den Kampf angesagt hat, in einer Zeit, als das noch ein absolutes Tabu-Thema war. Sie gibt den Opfern weltweit eine Stimme, klärt auf, schafft Schutzräume. Wir reden auch nicht über Camilla und ihren Einsatz gegen häusliche Gewalt oder Königin Mathilde von Belgien, die auch eine wichtige Akteurin für den Schutz von Kindern und Jugendlichen ist. Man muss auch diese Positivbeispiele sehen. Denn sie haben eine Reichweite, mit der sie auf der Welt viel bewegen.
Julia Melchiors aktuelle Dokumentation "Die Queen und ich" ist am 9. April um 20.15 Uhr auf Arte und am 14. April im ZDF zu sehen (im Stream ist der Film bereits ab dem 10. April im ZDF erhältlich).
