Kerstin Schreyer über ihre Krebserkrankung: "Lieber dick und lebend als schlank und tot"

Kerstin Schreyer (CSU) erkrankt vor drei Jahren an Brustkrebs – heute ist sie tumorfrei, aber noch nicht offiziell geheilt. Jetzt setzt sich die Landtagsabgeordnete für eine besondere Petition ein und spricht offen über ihre Krebserkrankung – und ihr Gewicht.
Leute-Reporterin Franziska Hofmann
Franziska Hofmann
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Kerstin Schreyer geht es nach ihrer Krebserkrankung heute "besser denn je", sagt die CSU-Landtagsabgeordnete der AZ.
Kerstin Schreyer geht es nach ihrer Krebserkrankung heute "besser denn je", sagt die CSU-Landtagsabgeordnete der AZ. © IMAGO/APress

Drei Jahre sind seit der Schock-Diagnose vergangen, die CSU-Politikerin Kerstin Schreyer damals mitten im Landtagswahlkampf völlig unvermittelt trifft: Die ehemalige bayerische Staatsministerin hat Brustkrebs, muss sich einer OP, einer Bestrahlung und einer Hormontherapie unterziehen.

Kerstin Schreyer: "Lieber dick und lebend als schlank und tot" 

Wenige Monate später dann die gute Nachricht: Die Landtagsabgeordnete gilt inzwischen als tumorfrei - nicht als geheilt. Das betont Schreyer im Gespräch mit der AZ. Offiziell als geheilt gilt erst, wer fünf Jahre nach Abschluss der Behandlungen krebsfrei bleibt.

Drei Jahre nach der Diagnose: Kerstin Schreyer geht es "besser denn je"

Doch wie fühlt sich die 55-Jährige heute? "Mir geht es besser denn je", zeigt sich Schreyer im Gespräch mit der AZ dankbar. "Ich bin nach wie vor tumorfrei und hatte zum Glück auch nie Metastasen. Alle Ärzte, denen ich begegne, sagen zu mir, sie können sich nicht vorstellen, dass es bei mir nochmal kommt."

Dennoch weiß die CSU-Politikerin, wie schwer der Weg mit einer Krebserkrankung ist - selbst für diejenigen, die schon offiziell als geheilt gelten. Denn viele Krebsüberlebende erfahren auch Jahre nach ihrer Genesung noch Benachteiligungen - etwa beim Abschluss von Versicherungen, bei der Aufnahme von Krediten oder in anderen Lebensbereichen, wie etwa dem Wunsch nach Adoption eines Kindes. Davon berichten zahlreiche Krebsüberlebende laut der Petition "Recht auf Vergessen".

Erst im Juli erhält die ehemalige bayerische Staatsministerin sogar den Bayerischen Verdienstorden von Ministerpräsident Markus Söder.
Erst im Juli erhält die ehemalige bayerische Staatsministerin sogar den Bayerischen Verdienstorden von Ministerpräsident Markus Söder. © IMAGO/Frank Hoermann

Darum setzt sich die CSU-Landtagsabgeordnete für die Petition "Recht auf Vergessen" ein

Für diese Petition an den Bundestag und die Bundesregierung setzt sich auch Kerstin Schreyer ein: "Gerade Kinder und Jugendliche, die eine Krebserkrankung überstanden haben, haben aktuell ein Leben lang Nachteile. Diese Stigmatisierung muss enden", sagt die Staatsministerin a. D. Besagtes "Recht auf Vergessen" meint, dass spätestens fünf Jahre nach Ende der Behandlung ohne Rückfall eine frühere Krebserkrankung nicht mehr abgefragt oder gegen Betroffene verwendet werden darf.

In anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Belgien oder Spanien wird das bereits so praktiziert - in Deutschland in dieser Form noch nicht.

Auch Politiker wie Lars Klingbeil unterstützen die Petition

Kerstin Schreyer stößt auf die Problematik vor knapp vier Wochen in den Sozialen Medien - und "beißt sich fest", wie sie sagt. Auf Bundesebene setzen sich bereits SPD-Chef Lars Klingbeil und die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig (SPD) für ein solches "Recht auf Vergessen" ein.

Beide haben, ebenso wie Kerstin Schreyer, selbst eine Krebserkrankung überstanden. In ihrer Partei ist CSU-Politikerin Kerstin Schreyer die Erste, die sich für die Thematik stark macht: "Ich bin 55, ich habe meine Familienplanung abgeschlossen, ich werde kein Kind mehr adoptieren. Aber was ist mit einer Frau, die mit 25 Brustkrebs kriegt? Sagt man ihr: ,Glückwunsch, du bist zwar geheilt, aber ein Kind adoptieren darfst du trotzdem nicht’?"

Kerstin Schreyer über ihre Zeit nach der Krebs-Behandlung: "Ich bin stärker herausgekommen"

Bislang haben fast 60.000 Menschen die Petition unterschrieben. Geht es nach Kerstin Schreyer, sollen noch viele Unterschriften mehr dazukommen.

Dass Betroffene mit einer Krebserkrankung oft anders behandelt werden, kann auch sie aus eigener Erfahrung berichten: "Ich gehe davon aus, dass der ein oder andere sicher schon kritisch hinterfragt hat, wie leistungsfähig ich zurückgekommen bin", sagt die 55-Jährige im AZ-Gespräch - und stellt im gleichen Atemzug klar: "Ich bin heute wieder voll leistungsfähig. Der Unterschied ist, dass ich stärker herausgekommen bin."

Kerstin Schreyer und Tochter Corinna beim diesjährigen Filmfest in München: Mit ihrer Tochter hat die geschiedene Politikerin ein sehr enges Verhältnis.
Kerstin Schreyer und Tochter Corinna beim diesjährigen Filmfest in München: Mit ihrer Tochter hat die geschiedene Politikerin ein sehr enges Verhältnis. © IMAGO

Kerstin Schreyer nimmt bis heute Tabletten - mit einer Nebenwirkung

Bis heute nimmt Kerstin Schreyer Tabletten, sogenannte Aromatase-Hemmer, die die Bildung des Hormons Östrogen im Körper unterdrücken. "Ich habe das Glück, dass bei mir fast keine Nebenwirkungen vorhanden sind - mit Ausnahme der Gewichtszunahme", erzählt Schreyer offen. Eine Nebenwirkung, die die Politikerin angesichts der Umstände gerne in Kauf nimmt: "Lieber dick und lebend als schlank und tot", bringt es die ehemalige Ministerin auf den Punkt.

Ihre Erkrankung hat Kerstin Schreyer auch persönlich nachhaltig verändert: "Man wägt genauer ab, welche Menschen einem guttun. Und man lernt, es noch mehr wertzuschätzen, wenn man, so wie ich, das Glück hat, eine tolle Familie und einen tollen Freundeskreis zu haben."

Alle Infos zur Petition gibt es auch hier.

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