Harold Faltermeyers "Oktoberfest"-Ärger mit der Stadt: "Standen kurz vor einem Prozess"
Auf der Bühne im Bayerischen Hof wird noch gehämmert und geschraubt. Harold Faltermeyer, der schon mit Giorgio Moroder und Donna Summer zusammenarbeitete und die Titelmelodie von "Beverly Hills Cop" und "Top Gun" komponierte, hat "Oktoberfest a Musical" nach München gebracht. Für das Foto mit der Abendzeitung stellt er sich in die Varietékulisse, als Regisseur Guntbert Warns auftaucht und verkündet, das Foyer sei zu klein für die "Anzapfaktion" nach der Premiere. Faltermeyer müsse daher das Hofbräufass vorne auf der Bühne anzapfen. Faltermeyer lacht, meint, das passe schon alles.
Harold Faltermayer hat Anzapferfahrung: "Seit meiner Jugend"
AZ: Herr Faltermeyer, haben Sie beim Anzapfen Lampenfieber wie der neue Münchner Oberbürgermeister?
HAROLD FALTERMEYER: Nein, weil wir alle Bierdimpfl sind. Schon mein Großvater hatte– woher auch immer – das Familienrecht, beim Augustiner in der Landsberger Straße private Fässer zu haben. Die wurden dort gepflegt, gelagert und geeicht. Da sind wir alle vierzehn Tage hin und hatten frisches Bier. Drum habe ich seit meiner Jugend Erfahrung mit der Anzapferei. Später, als der alte Kellermeister, Herr Alt, zu alt wurde und in Rente ging, hat die Brauerei solche Sonderrechte eingestellt.
Nehmen Sie beim Anzapfen Maß an den Münchner Oberbürgermeistern, die mit nur zwei Schlägen angezapft haben?
Na, ich mach das ganz normal. Und was die Schlagzahl betrifft: It takes what it takes! Einmal hat meine Frau Birgitt Wolff angezapft – wirklich mit nur einem Schlag. Sie geht weg, und ich sehe aus dem Augenwinkel, dass der locker ist, und wieder kommt. Bis ich da war, hat's den Wechsel schon rausgehaun. Ich hab nachgehaun, aber bis dahin waren wir schon alle nass. Was natürlich auch lustig ist.

Was das Bühnenbild anbelangt, scheint hier aber alles schon einigermaßen perfekt.
Ja, das ging jetzt blitzartig. Am Sonntag wurde noch alles in Berlin verladen und jetzt hier aufgebaut. Was logistisch schwieriger ist, als man denkt. Die Bühne in München ist weniger hoch, aber breiter. Als Kulisse gibt es auch einen Turm, der den Münchner Rathausturm darstellt. Den haben wir oben absägen müssen.
Namens-Fehde mit Stadt München: "Standen kurz vor einem Prozess"
Das wird Ihnen emotional nicht so schwergefallen sein, nachdem die Stadt München Ihrem Projekt immer Steine in den Weg gelegt hat.
Ja, wir standen kurz vor einem Prozess, weil man uns verbieten wollte, das Wort "Oktoberfest" überhaupt zu benutzen. Ursprünglich hieß unser Werk "Oktoberfest – The Musical", was der Stadt wohl zu auftrumpfend und anmaßend vorkam. Jetzt heißt es "A Musical", was uns völlig wurscht ist. Wir haben immer mit offenen Karten gespielt.
Wie meinen Sie das?
Wir hatten die Stadt auch zur Premiere vor zwei Jahren nach Berlin eingeladen, ich glaube auch das Deutsche Theater. Und wenn ich da ein Direktor wäre, hätte ich mich zumindest inkognito reingesetzt. Aber von der Stadt hat überhaupt niemand reagiert, was schade war. Erst nach der Premiere ging's dann los, als ich in München auf der Wiesn etwas flapsig gefragt habe, warum das Musical denn nicht nach München kommt, nur weil wir hier schon ein Oktoberfest haben? Aber dann ist die Geschichte eskaliert.
Mit welchem Ergebnis?
Man wollte uns sogar verbieten, das Stück im Umkreis von München zu spielen und verpflichten, immer eine Rechte-Nutzungsabgabe zu zahlen, eine Art "Oktoberfeststeuer". Da war ich dann doch herausgefordert und habe mir gesagt, dass wir erst recht in München spielen sollten. Aber wir haben uns dann außergerichtlich im letzten Jahr in einem netten Gespräch geeinigt. Der damalige Hofbräu-Chef, Michael Möller, unser Unterstützer von Anfang an, hat das zusammen mit meiner Frau eingefädelt.
Und dann?
Dann hat die Agentur, die die Stadt in diesen Fragen vertritt, zum Abschluss gesagt, sie glaubten ja letztlich ohnehin nicht, dass wir uns mit irgendetwas so schnell in die Quere kommen würden. Und ich: "Naja, wir spielen jetzt im September in der Komödie im Bayerischen Hof – zur Wiesnzeit." Da ist denen erstmal die Kinnlade runtergefallen. Und wir haben dann auch erst erfahren, dass das Deutsche Theater selbst ein Oktoberfest-Stück machen will. Was überraschend ist, weil die ja selbst eigentlich gar nichts produzieren, sondern Stücke, die auf Tournee sind, einkaufen.
Faltermeyers Wiesn-Musical: "Songs original englisch und die Dialoge auf Deutsch"
Sie selbst hatten ja schon vor über zehn Jahren in Los Angeles versucht, Ihr Musical zum Laufen zu bringen.
Für ein Musical muss man Langstreckenläufer sein. Es war ein holpriger Start. Und wir haben dann in L.A. auch wirklich zammpackt und gespürt, wir müssen noch einmal alles überarbeiten. Ich neige dazu, etwas, das nicht funktioniert, auch loszulassen: "Kill your darlings", sagt man beim Drehbuchschreiben. Meine Frau aber hat nicht aufgegeben. Und dann kam die Königsidee mit Guntbert Warns vom Renaissance-Theater in Berlin, der das Stück supercool fand und sagte: "Ich möchte das inszenieren, aber anders – mit einer multikulti Gurkentruppe." Und seine Ideen waren einfach richtig.
Aber Ihre Basis blieb ja.
Klar: Der Amerikaner Philip LaZebnik hatte das Buch zum Stück geschrieben. Philip hatte schon für Disney "Pocahontas" oder "Mulan" geschrieben. Ich habe die Musik beigesteuert. Aber jetzt kamen die Geschwister Pfister ins Boot, die ich zuvor – muss ich zu meiner Schande gestehen – gar nicht kannte. Obwohl die als schweizerisch-deutsche Musikkabarettisten eine große Nummer sind und schon ganz Berlin aufgemischt hatten. Ich habe die dann auch im Volkstheater gesehen und gemerkt, was die für ein buntes Volk sind und was die für einen wilden Zug haben. Deren Kopf, Christoph Marti, hat eine extreme Bühnenpräsenz.
Dem haben Sie dann eine tragende Rolle übertragen?
Der hat mir in Berlin sehr schweizerisch gesagt: "Ich liebe dieses Stück!" Und er hat mir gleich "Almost True" daraus vorgesungen. Guntbert Warns hat dann ja auch eine phänomenale Übersetzung des Buchs ins Deutsche geliefert und eingekürzt. Und: Statt dramatisch wie "Phantom der Oper" oder tragisch wie "Les Misérables" ist es viel lustiger geworden, was viel besser passt. Aber es gibt natürlich auch Herzzerreißendes, wie ein Liebeslied zwischen König Ludwig I. und seiner Frau Therese, deren Hochzeit 1810 das Oktoberfest begründet hat. So sind jetzt die Songs original englisch und die Dialoge auf Deutsch – jeweils mit Untertiteln in der anderen Sprache, denn es sollen ja auch Touristen reinkommen. Das Oktoberfest ist ja global ein Anziehungspunkt.
Neuer Sound für Oktoberfest-Musical: "Bin aus meinem Gefängnis ausgebrochen"
Aber wenn das Stück schon so gut in Berlin gelaufen ist, was erwarten Sie von München? Die Berliner haben ja ein bekannt ironisches Verhältnis zu Bayern. Aber vielleicht lachen die Münchner ja gar nicht so gern über sich.
Das ist die Gretchenfrage.
Aber Spaß über das Königshaus funktioniert hier ja auch. Dem König Ludwig III. haben die Bürger auf seinem Hofgartenspaziergang im November 1918 gesagt: "Geh'n'S Heim, Majestät, Revolution is!" Oder der Franz Xaver Krenkl hat mit seiner Kutsche einfach den Kronprinzen Ludwig im Englischen Garten überholt und gesagt: "Wer ko, der ko!"
Und bei uns kommt auch Lola Montez vor, irische Tänzerin, die sich als Spanierin ausgibt – und letztlich zur Abdankung von König Ludwig I. 1848 führt. Und wir haben das Stück für München noch ein bisschen umgeschrieben, aber alle Knaller dringelassen.
Musikalisch ist doch so ein Musical weit weg von Filmmusiken, die Sie geschrieben haben.
Stimmt. Bei einem Musical nützt der Faltermeyer-Sound erstmal gar nichts. Ich bin dazu also aus meinem genetischen und musikalischen Gefängnis ausgebrochen.
Weil Sie auch Blasmusik brauchten?
Man braucht aber auch Dramatisches und Action – und da ist dann doch wieder Faltermeyer drin. Und wenn es um die Schönheitengalerie in Schloss Nymphenburg geht, wo ich als allererstes mit Philip LaZebnik hingegangen bin, braucht man wiederum mehr Puccini-Stil oder Strauß mit seinen Walzern. Daraus ist das allererste Stück für das Musical überhaupt entstanden. Lola Montez wiederum braucht natürlich eine jazzige Burleske. Wobei die historische Geschichte von 1810 bis zur Bierrevolution von 1844 alles als große Gaudi zusammenhält.
Um doch nochmal auf die Blasmusik zurückzukommen…
Da bin ich gar nicht so weit weg, wie man meinen könnte. Ich hab da etliches geschrieben – wie zum Beispiel einen Jägermarsch. Den hatte ich dem Dorf Brandenberg in Tirol versprochen, wenn wir die Zuteilung der damaligen Jagd bekommen würden. Der "Brandenberger Jägermarsch" ist auch mit der dortigen Blaskapelle aufgeführt worden und wird heute noch gespielt – hochkarätig im Arrangement von Thomas Rebensburg.
Harold Faltermeyer privat auf der Wiesn: "Charmantes Volksfest"
Gehen Sie zur Entspannung nach "Oktoberfest – A Musical" noch selbst auf die Wiesn?
Ich bin ein Teilweise-Wiesnfan. Ich geh mittags, kauf mir a Hendl und a Maß Bier oder auch zwei und genieße die Atmosphäre. Wenn dann der Altweibersommer in der Luft liegt, alles leuchtet, der Geruch der gebrannten Mandeln… Da ist man in Hochstimmung. Aber ich vermeide den Wildlederfasching ab Abend. Und das dauernde Sich-selbst-Fotografieren macht auch die ganze Atmosphäre kaputt. Ich erinnere mich an die Wiesn als charmantes Volksfest, natürlich immer auch mit Sauferei.


