Deutsche Disney-Serie mit großem Star-Aufgebot: Ist "City of Blood" das neue "Babylon Berlin"?

Während das ARD-Serien-Großprojekt "Babylon Berlin" zu Ende geht, startet bei Disney+ sozusagen die Fortsetzung: "City of Blood" schickt nicht nur ein vergleichbares Star-Aufgebot ins Rennen, sondern weidet sich mit den Mitteln des Sci-Fi- und Horrorgenres ebenso am deutschen Untergang.
von  Eric Leimann
Die Schwestern Phoebe (Soma Pysall, rechts) und Bea (Lea Drinda) haben sich entfremdet. Sie führen in einem dystopischen Berlin der nahen Zukunft zwei völlig unterschiedliche Leben. Die Disney-Serie "City of Blood" entstand nach einer gefeierten Graphic Novel-Reihe und ist ein neues Serien-Großprojekt, made in Germany.
Die Schwestern Phoebe (Soma Pysall, rechts) und Bea (Lea Drinda) haben sich entfremdet. Sie führen in einem dystopischen Berlin der nahen Zukunft zwei völlig unterschiedliche Leben. Die Disney-Serie "City of Blood" entstand nach einer gefeierten Graphic Novel-Reihe und ist ein neues Serien-Großprojekt, made in Germany. © © 2026 The Walt Disney Company

Deutschland, deine Dystopien - so könnte man dieser Tage das ein oder andere zeitgeschichtliche Ereignis beschreiben. Dass die Deutschen sich teils entsetzt, mitunter aber fast schon lustvoll mit dem eigenen Abstieg beschäftigen, zeigen derzeit die größten Serienprojekte des Landes. "Babylon Berlin" lief - zunächst als Koproduktion von Sky und ARD - von 2017 bis 2026. Gerade hat der mittlerweile alleinige Produzent ARD die finale fünfte Staffel im Programm. Die neue, sehr aufwendige Disney-Serie "City of Blood" (alle acht Folgen ab Mittwoch, 16. September) erscheint nun wie eine Fortsetzung der Niedergangsgeschichte der Weimarer Republik. Während "Babylon Berlin" Zeitgeschichte unter dem - kaum verhüllenden - Deckmantel einer historischen Kriminalserie abarbeitete, entstand "City of Blood" nach der gefeierten Graphic Novel-Reihe "Berlinoir" (2003-2008) und erzählt aus einem knallharten Berlin der nahen Zukunft.

Im Zuge des Klimawandels herrscht unerträgliche Hitze. Die Spree hat nur noch ein ausgetrocknetes Flussbett zu bieten. Außerhalb der Stadt sieht es eher aus wie im Death Valley, Deutschland ist eine Wüstenlandschaft. Berlin ist schmutzig und vollgestopft mit Menschen. Die Straßen werden mit giftigen Dämpfen brachialdesinfiziert. "Nach der letzten Pandemie", wie es im Off-Kommentar des Serien-Intros heißt, haben die Schwestern Phoebe (Soma Pysall) und Bea (Lea Drinda) ihre Familie verloren. Bea, die jüngere, wird von der wohlhabenden Politikerin (Jördis Triebel) einer bürgerlichen Partei adoptiert. Phoebe schlägt sich weiter auf der Straße durch.

Deutschland ist in viele Kleinstaaten zerfallen, die meisten von ihnen werden autoritär regiert. Nur die "Republik Berlin" hält noch an der Demokratie fest und befindet sich mal wieder im Wahlkampf: Ein junger Populist (David Schütter) fordert die regierende bürgerliche Partei unter der von Dagmar Manzel gespielten Landesmutter heraus - und droht diese in Sachen Zustimmung zu überholen.

In diesem Berlin ist ein überlebter Tag als Erfolg zu werten

Der Bluthandel ist ein ernstes Problem in der Stadt. Blut gilt mittlerweile als Währung Nummer eins in Berlin, viele Arme verkaufen es an die Reichen - oder an wen sonst? Die bessere Klasse der Stadt wohnt im Klima-Dome: Eine Kuppel, unter der angenehme Lebensbedingungen herrschen, trennt sie von den armen Leuten. Auch Vampire mischen in diesem Spiel mit: Lars Eidinger, Jenny Schily und Franz Hartwig spielen unter anderem deren Spin-Doktoren, die - bislang unerkannt von der menschlichen Seite - ebenfalls in der Politik mitreden.

Drei Bände "Berlinoir" von Kult-Zeichner Reinhard Kleist und Autor Tobias O. Meißner sind zwischen 2003 und 2008 erschienen. Interessant ist, dass deren Graphic Novel-Look der deutschen Hauptstadt von "Babylon Berlin" während der Weimarer Republik gar nicht so unähnlich ist - wie sogar die "Berlinoir"-Macher zugeben. Ihr Projekt entstand jedoch vor der TV-Saga. Doch die Serienmacher Philipp Kadelbach ("Unsere Mütter, unsere Väter", Buch und Regie) und Elena Lyubarskaya (Buch, gemeinsam mit einem Writers Room) entschieden sich für einen konventionelleren Dystopie-Look aus Hitze, Staub und Schmutz. In diesem tummeln sich viele unberechenbare Charaktere, die man aus Kultfilmen wie "Die Klapperschlange" oder "Blade Runner" und seit vielen Jahrzehnten mit Sci-Fi-Dystopien zu kennen glaubt. Oder, um es mit anderen Worten zu sagen: In diesem Berlin ist sich jeder selbst der nächste, und ein überlebter Tag ist als Erfolg zu werten.

Die Kultstadt Berlin im dystopischen Hitze- und Blutdurst-Look

Die Bezüge von "City of Blood" zur gesellschaftlichen Gegenwart sind kaum zu übersehen. Von Populisten, dem Niedergang der Demokratie, Klimawandel und einer Schere zwischen Arm und Reich wird erzählt, die eher einem Fjord ähnelt: Serien, die eine (nahe) Zukunft so beschreiben, erscheinen uns immer realistischer. In einem Dialog zwischen Jördis Triebel und Dagmar Manzel, die vielleicht einer Art CDU oder SPD vorstehen könnten, sagt die Senatorin (Triebel) zur Kanzlerin (Manzel): "Ich besuche morgen die Klimapartei und die Partei für Soziales." Es geht im Gespräch um dringend benötigte Bündnispartner. "Kann man nur hoffen, dass sie die Fünf-Prozent-Hürde schaffen", antwortet die Noch-Chefin eines Berlins voller Klimaprobleme und sozialer Ungerechtigkeit lakonisch.

Ist "City of Blood" nun eine Sci-Fi-Politserie, ein Schwestern-Drama, ein Action-Spektakel oder ein Blutbad mit Vampiren? Die Antwort lautet: alles zusammen. Die erste deutsche Serien-Groß-Produktion von Disney+ schielt auf die internationale Vermarktung der Kultstadt Berlin im dystopischen Hitze- und Blutdurst-Look. Ist die Serie besonders originell oder gar ein Meisterwerk? Nein, das sicher nicht. Dazu sind Charaktere und Dialoge ein wenig zu grob gemeißelt, und vieles von dem, was man sieht, glaubt man so oder so ähnlich schon mal an anderer Stelle gesehen zu haben. Was den Production Value, das Star-Aufgebot und den mutigen Plot- und Genremix betrifft, ist die neue Untergangs-Erzählung aus Deutschland dennoch beachtlich - und auch ziemlich kurzweilig.

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