Wohlfühl-Wulff und ruppiger Roland

Es ist ein Fernduell zwischen den beiden wichtigsten CDU-Kronprinzen. Der Hesse Roland Koch und der Niedersachse Christian Wulff müssen zeitgleich in den Wahl-Test. Die AZ dokumentiert Parallelen und Unterschiede der beiden.
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Es ist ein Fernduell zwischen den beiden wichtigsten CDU-Kronprinzen. Der Hesse Roland Koch und der Niedersachse Christian Wulff müssen zeitgleich in den Wahl-Test. Die AZ dokumentiert Parallelen und Unterschiede der beiden.

WIESBADEN/HANNOVER Das Fernduell um die Favoriten-Rolle: Am Sonntag wird in Niedersachsen und Hessen gewählt. Für die beiden CDU-Regenten Roland Koch und Christian Wulff geht es um mehr als nur den neuen Landtag: nämlich auch um die bessere Startposition für eine mögliche Nachfolge im Kanzleramt. Besonders spannend ist es, weil die beiden für einen sehr konträren Politikstil stehen:
Hier der kantige, angriffslustige Konservative, da der liberal-moderne Wohlfühl-Landesvater. Die AZ hat die beiden verglichen wie sie ticken, wofür sie stehen, welche Strategien sie haben.

Der Niedersachse Christian Wulff war zwar immer schon der größere Sympathieträger, Hessens Regierungschef Roland Koch galt aber bisher als heimliche Nummer zwei der CDU. Doch jetzt gerät seine Rolle ins Wanken. Während der leutselig-präsidiale Christian Wulff in seinem Land mit komfortablen 46 Prozent vor der SPD (33 Prozent) liegt, ist der Polarisierer Koch auf 38 Prozent abgerutscht und liegt nur noch einen einzigen Punkt vor der SPD mit 37 Prozent, melden Infratest und ZDF-Politbarometer übereinstimmend.

Diese neuen Umfragen, nach denen Koch selbst mit FDP-Unterstützung nicht weiterregieren kann, haben das CDU-Lager aufgeschreckt nun wird hektisch umplakatiert. Jetzt heißt das Motto wieder Antikommunismus: Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen! Die Jugendkriminalitäts-Kampagne hat offenbar nicht gewirkt: "Kochs Strategie scheint in die Hose zu gehen", so der Berliner Politologe Oskar Niedermayer. Spätestens mit der Forderung, unter 14-Jährige zu bestrafen, habe er den Bogen überspannt.
Markus Jox/Annette Zoch

Koch und Wulff im direkten Vergleich: Das Privatleben

Christian Wulff ist ein libertärer Katholik: Selbst sein reges Privatleben tat der Popularität des 48-Jährigen vom Typ "netter Schwiegersohn" keinen Abbruch. 2006 trennte er sich von Frau Christiane (46), mit der er Tochter Annalena (14) hat. Kurz darauf präsentierte er seine neue Freundin: Bettina Körner (35), Pressereferentin der Continental AG. Das Paar erwartet bereits ein Kind und will alsbald heiraten.
Roland Koch ist die Verkörperung des katholischen Konservativen. Seit 25 Jahren ist er mit Romanistin Anke verheiratet, beide lernten sich als Schüler kennen. Während Roland Karriere machte, blieb Anke daheim und versorgte die Söhne Dirk und Peter (19 und 20). Anders als Christian Wulff wagte Koch keine Frisur- Experimente: Seit geschätzten 48 Jahren trägt er das Modell "Haupthaar nach rechts".

Werdegang

Wulffs Vita ist ebenso wenig exotisch wie seine Heimatstadt Osnabrück, wo er auch studiert hat – Jura natürlich. 1990 absolvierteWulff sein zweites Staatsexamen und arbeitete ein paar Jahre als Anwalt. Pfeilgerade verlief auch die Parteikarriere: Wulff trat mit 16 in die CDU ein, wurde Bundesvorsitzender der Schüler Union und Landeschef der Jungen Union. Seit 1998 schon ist der ewig Jungenhafte stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU, seit 2003 regiert er Niedersachsen.
Roland Koch ist mit Politik aufgewachsen – Vater Karl-Heinz war hessischer Justizminister. Als Vorbilder nennt er Helmut Kohl und den nationalkonservativen Ex-Chef der Hessen-CDU, Alfred Dregger. Als 14-Jähriger gründet er die JU-Gruppe Eschborn. Während des Jura-Studiums Eintritt in eine Burschenschaft. Dann steile Parteikarriere: Vize-JU-Bundeschef, Landtags-Fraktionschef, Ministerpräsident. Mit Wulff gehörte er zu den "jungen Wilden" der CDU. Jetzt nicht mehr: Er wird heuer 50.

Rückschläge

Ein paar Schrammen hat auch Wulff davongetragen. So scheiterte er grandios mit dem Versuch, in Niedersachsen ein lasches Nichtrauchergesetz einzuführen, wurde als "Drogen-Wulff" verhöhnt. Weitere Schlappen: Das Verfassungsgericht kippte sein Polizeigesetz, sein Vorstoß zur Abschaffung der Kultusministerkonferenz scheiterte. Anders als Koch löst er seine Probleme allerdings weniger durch dreistes Aussitzen, sondern durch unauffälliges Abräumen.
Während Wulff nur leichte politische Blessuren davontrug, war Kochs Karriere schon mal fast vorbei: 1999 wurde bekannt, dass die Hessen-CDU Schwarzgeld auf Auslandskonten untergebracht hatte, die getarnt als "jüdische Vermächtnisse" wieder zurückflossen. Koch beteuerte, nichts gewusst zu haben – eine Lüge, wie er später zugab. Rücktrittsforderungen ignorierte Koch, ließ als Bauernopfer eiskalt seinen Staatskanzleichef Franz Josef Jung über die Klinge springen.

Freund und Feind

Zu Wulffs wichtigsten Einflüsterern zählen der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg und Wolfgang Gibowski, Gründer der Forschungsgruppe Wahlen. Sein Verhältnis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel unterliegt starken Schwankungen, derzeit soll es mal wieder im grünen Bereich sein. Über den großen Rivalen Koch, der wie er im CDU-Männerbund Andenpakt ist, äußert er sich unterkühlt: "Wir haben engen Kontakt, es gibt in der Sache keine so großen Unterschiede."
Roland Koch ist – wie Wulff – Mitglied des "Andenpakts", einer CDU-Männer-Seilschaft. Eng verbunden ist er mit Paktlern wie Günther Oettinger und Franz Josef Jung. Letzteren setzte er bei Konkurrentin Bundeskanzlerin Angela Merkel als Verteidigungsminister durch – als Preis dafür, dass er sie bei ihrer Kanzlerkandidatur unterstützte. Wulff ist beliebter, dafür ist Koch in der CDU der Mächtigere. Dass Merkel 2002Stoiber den Vortritt ließ, soll Koch eingefädelt haben.

Wahlkampstrategie

Der Niedersachse Wulff gibt den kuschelweichen Anti-Koch: Im Gegensatz zum polarisierenden Hessen-Haudegen führt der Wohlfühl-Wulff einen einen präsidialen Wahlkampf, verzichtet auf scharfe Töne und lässt seinen Landesvater-Charme spielen. Er inszeniert die CDU als Arbeitnehmerpartei, fordert lauthals Lohnerhöhungen und spielt die Debatte um Jugendkriminalität herunter.
Koch hatte lange kein Thema. Erst nach dem Angriff ausländischer Jugendlicher auf einen Rentner in München kam sein Wahlkampf in Schwung: Koch setzte voll auf Ausländerkriminalität. 1999 hatte er schon mit einer umstrittenen Unterschriftenaktion zur doppelten Staatsbürgerschaft die Macht in Hessen errungen. Doch diesmal wird Koch für seine Ideen sogar von der CDU abgewatscht.

Regierungsbilanz

Wulff hält sich von der Berliner Bühne weitgehend fern, tourt lieber durch sein Land und schüttelt leutselig Hände. Zu Beginn der Amtszeit peitschte er unbequeme Reformen durch, gab den eisenharten Sparkommissar. Rechtzeitig vor der Wahl wurde Wulff wieder zum Softie: So weichte er das Gesamtschulverbot auf und erließ ehrenamtlich tätigen Studenten die Hochschulgebühren.
Das liebste Steckenpferd des Roland Koch – neben innerer Sicherheit– ist Wirtschaftspolitik. Selbst Gegner erkennen seine Kompetenz dort an. Zuletzt mehrte sich aber die Kritik: Ähnlich wie in Bayern ächzen Schüler unter dem G8, außerdem hat Koch bei Sozialstellen massiv gekürzt. Peinlich: Ausgerechnet bei der Jugendkriminalität muss Hessen deshalb einen Anstieg verzeichnen.

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