Interview

Werner Weidenfeld: "Mit Putin kann es keinen wirklichen Frieden geben"

Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld wirft den Politikern vor, sich nicht genügend in die Denkweise von Putin hineinversetzt zu haben.
| Ralf Müller
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Blutige Hand: Eine Demonstrantin in Belgrad hält ein Anti-Putin-Plakat in die Höhe.
Blutige Hand: Eine Demonstrantin in Belgrad hält ein Anti-Putin-Plakat in die Höhe. © Andrej ISAKOVIC / AFP

München - AZ-Interview mit Werner Weidenfeld: Der 74-Jährige ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München.

Werner Weidenfeld
Werner Weidenfeld © CAP

AZ: Herr Professor Weidenfeld, angenommen die Herren Putin und Selenskyj kämen zu Ihnen mit der Bitte um Aufsetzen eines Friedensvertrags. Wie würde der aussehen?
WERNER WEIDENFELD: Politikberatung lebt von Diskretion. Wenn ich herumplaudern würde, was mir vor Jahren Putin gesagt hat, wäre dieser Gesprächsfaden gekappt.

Werner Weidenfeld: "Strategisches Denken: Fehlanzeige"

Dann lassen Sie mich anders formulieren: Welche Perspektiven für die Beilegung des Konflikts gibt es?
Es kann eine Art Krisen-Eindämmungsperspektive geben: Wie man einen Waffenstillstand hinbekommt, wie man mittelfristig gewisse Zugeständnisse macht. Langfristig gibt es für diesen Konflikt keine wirkliche Lösung, solange diese Akteure an Bord sind. Die Denkweise Putins lässt es nicht zu, dass er sagt, ich habe die letzten Jahre ein bisschen falsch gedacht. Selbst wenn er das sagen würde, würde er im Hinterkopf darüber nachdenken, wann sich die nächste Möglichkeit bietet, wieder zuzuschlagen. Solange Putin an Bord ist, bekommen Sie keinen wirklich stabilen Frieden.

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Das ist eine sehr pessimistische Prognose für die Zeit nach dem Konflikt und die internationale Großwetterlage...
Wenn Putin durch andere Akteure in die Enge getrieben ist, wird er ein bisschen beidrehen, aber nicht den Konflikt auflösen. Das gehört zu seiner elementaren Denkweise. Damit ist auch ein Grundproblem angesprochen, das die deutsche und europäische Politik mit dem Konflikt hat: Man muss die Perception (deutsch: Wahrnehmung) des Gegenübers berücksichtigen. Das hat weder die deutsche noch die westliche Politik getan. Strategisches Denken: Fehlanzeige.

Elementares Ziel von Putin: Rekonstruktion der Sowjetunion

Konkretisieren Sie das, bitte.
Seit die Sowjetunion aufgelöst wurde, gab es in Moskau eine Art Kern-Klage: Uns nimmt niemand mehr ernst seit dem Zerfall der Sowjetunion. Man ist in Minderwertigkeitskomplexen gefangen. Deshalb ist Putins elementares Ziel eine Rekonstruktion der Sowjetunion, um dann wieder Schlüsselmacht der weltpolitischen Architektur zu sein. Daher ist eine Entmachtung Putins unumgänglich. Putin führt ja nicht den ersten Krieg. Er hat 2008 in Georgien Krieg geführt, 2014 die Krim annektiert und so weiter.

Was passiert, wenn diese Politik zur Wiederherstellung der Sowjetunion mal schief geht, was im Falle der Ukraine der Fall sein könnte?
Die Ukraine in einem Blitzkrieg zu erobern, ist Putin nicht gelungen. Er wird aber deshalb nicht einfach so beidrehen und damit wäre alles aufgelöst.

Solange Putin an der Macht ist, wird der Westen also keine Alternative zur Isolation Russlands und zur eigenen Aufrüstung haben?
Man kann natürlich versuchen, ihn zu zwingen, durch Sanktionen da und dort Zugeständnisse zu machen, aber alles das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass der Konflikt nicht gelöst ist.

Viele fühlen sich an die Situation vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert, als sich Deutschland nach dem Vertrag von Versailles gedemütigt fühlte und es dann zur Nazi-Diktatur kam. Kann man solche Parallelen, einschließlich des fehlgeschlagenen Appeasements der Westmächte gegenüber Hitler ziehen?
In beiden Fällen handelt es sich um grausame, brutale Großverbrechen des Völkermords. Trotzdem bin ich bei Vergleichen sehr zurückhaltend, weil damit ihre unglaubliche Dimension ein Stück weit relativiert wird. So nach dem Motto: So etwas passiert nun mal alle paar Jahrzehnte. Da könnten wir ja den Blick gleich auf den dritten oder vierten Weltkrieg richten.

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