Überschuldete und frustrierte Jugend: Ein junger Münchner packt aus
Deutschland ist zu alt. Obwohl gerade deshalb die Gesellschaft auf die Jungen angewiesen ist, laufen diese Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Junge Menschen suchen verzweifelt nach Jobs, wollen wegziehen, sind verschuldet und spüren psychisch großen Druck.
Zu diesen Ergebnissen sind der bayerische Jugendforscher Simon Schnetzer und sein Team in einer am Mittwoch vorgestellten Studie gekommen, die jährlich die Trends bei den 14- bis 29-Jährigen abbildet. Dabei stellten die Autoren unter anderem fest, dass 29 Prozent der Befragten das Gefühl haben, aufgrund der psychischen Belastungen eine Behandlung zu benötigen.
Forscher: "Die Jugend ist deutlich frustrierter"
15 Prozent lassen sich bereits professionell helfen. Die wichtigsten Gründe dafür sind Krieg in Europa und Nahost, Inflation, knapper Wohnraum, die Spaltung der Gesellschaft und Donald Trump als Präsident der USA. Schnetzer sagt: "Der anhaltende Krisenmodus prägt die junge Generation und leider müssen wir feststellen, er überfordert immer mehr von ihnen."
Noch nie war die psychische Belastung so hoch. Denn die Krisen bleiben, der Ausblick auf die Zukunft verdüstert sich. Das hat zur Folge, dass Junge vermehrt mit dem Gedanken spielen, wegzuziehen (41 Prozent) – oder es bereits konkret planen (21 Prozent).
"Die Jugend ist deutlich mobiler und deutlich frustrierter", sagt der Studienautor Kilian Hampel. Es zieht sie unter anderem nach Skandinavien, nach Australien, nach Spanien, in die USA oder in die Schweiz.
Jugendliche froh, "wenn sie einen Job bekommen"
Das findet der Münchner Start-up-Gründer Darius Göttert, der mit seinen 25 Jahren selbst zur befragten Jugend gehört, schade: "Ich glaube nach wie vor, dass Deutschland alles hat, was es braucht: an Talent, an Infrastruktur, an Demokratie und Freiheit."

Er räumt aber auch ein, wie sich die Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern. "Das Narrativ, mach’ dein Abitur, geh’ studieren und dann findest du einen sicheren Job, ist komplett infrage gestellt", sagt Göttert.
Laut Studie hatten 2024 noch 63 Prozent der jungen Menschen die Erwartung, gute oder sogar sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben, vergangenes Jahr schätzte das nur noch die Hälfte der Befragten so ein.
Schnetzer sagt: "Die jungen Menschen schreiben Hunderte von Bewerbungen und haben das Gefühl, es passiert gar nichts." Die Folge: "Viele sind einfach nur froh, wenn sie einen Job bekommen." Die Ansprüche gehen deutlich zurück – entgegen des Klischees, junge Menschen könnten aufgrund der demografischen Schieflage vom Arbeitgeber alles fordern, was sie wollen.
Jugendliche hoch verschuldet
Hinzu kommt: "Durch Künstliche Intelligenz und Robotik verändert sich unser Arbeitsmarkt gerade grundlegend, was viele verunsichert", sagt Göttert. Das führt laut Schnetzer dazu, dass junge Menschen inzwischen lieber eine sichere Ausbildung mit Praxisbezug anstatt eines Studiums anfangen.
Demnach sind die Ausbildungsplätze für Pflege im Jahr 2027 in manchen Regionen schon jetzt ausgebucht.
Wie dringend junge Menschen ein stabiles Einkommen brauchen, zeigt sich auch an der hohen Verschuldung: Knapp ein Viertel der 14- bis 29-Jährigen gibt an, Schulden zu haben. Beim Großteil handelt es sich um Konsumschulden durch Bezahldienste wie Klarna oder PayPal, die es erlauben, etwas jetzt zu kaufen und erst später bezahlen zu müssen.
Dass etablierte Parteien wie Union oder SPD die Probleme angehen, bezweifeln viele: 25 Prozent – vor allem Frauen – würden die Linke wählen, 20 Prozent – vor allem Männer – die AfD.
