Plagiate: Erst obenauf, dann untendurch!

Der Titel klang so schön, jetzt ist er weg: Schlechte Tage für Ex-Minister zu Guttenberg, Stoibers Tochter Veronica und für FDP-Frau Koch-Mehrin.
| mue/Angela Böhm
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Sie ließ ihren Anwalt sprechen: Stoiber-Tochter Veronica Saß (links). Daneben auch ein Promi, der wegen Plagiats-Vorwürfen den Doktortitel aberkannt bekam: Karl-Theodor zu Guttenberg
dpa/dapd Sie ließ ihren Anwalt sprechen: Stoiber-Tochter Veronica Saß (links). Daneben auch ein Promi, der wegen Plagiats-Vorwürfen den Doktortitel aberkannt bekam: Karl-Theodor zu Guttenberg

München - Politikprofis wissen es: Der Doktortitel zieht beim Wahlvolk, wenn einer auf dem Wahlzettel das Kürzel „Dr.“ voranstellen kann, steigen die Wahlchancen umgehend. Ist deswegen die Versuchung so groß, bei der Arbeit zu schummeln?

Viele ehrliche Studenten mühen sich mit ihrem Doktor jahrelang ab. Die Beispiele auf dieser Seite zeigen, wie erschreckend leicht es auch anders geht: Im Onlinezeitalter Textpassagen irgendwo zu finden, sie zusammenzukopieren und als eigene Arbeit auszugeben, ist ganz einfach.

Die gute Nachricht: Die Internetgemeinde sorgt auch dafür, dass man damit wieder auffliegt.


Die Bayreuther Uni rechnet mit Guttenberg ab: „Er hat vorsätzlich gehandelt“.

Bayreuth - Karl-Theodor zu Guttenberg dürften gestern die Ohren geklungen haben, so viel war in Bayreuth von ihm die Rede. Und zwar vom Unvorteilhaftesten: In ihrem lang erwarteten Kommissionsbericht zur Doktorarbeit des Ex-Verteidigungsministers lässt die Uni auch nicht ein gutes Haar am Verhalten ihres prominenten Studenten. Guttenbergs Doktorarbeit weise „eine Fülle von Plagiaten“ auf – „über die ganze Arbeit verteilt“, erklärten Uni-Präsident Rüdiger Bormann und Kommissionschef Stephan Rixen in dem zum Teil schon vorab bekanntgewordenen Bericht.

Die beiden Professoren ließen Guttenberg auch nicht die Hintertür offen, er habe lediglich den Überblick verloren, dabei aber nicht bewusst getäuscht. Mit diesen Argumenten hatte sich der CSU-Politiker während der Affäre verteidigt. Zu Unrecht, erklärten Bormann und Rixen gestern: „Herr Freiherr zu Guttenberg hat auch vorsätzlich gehandelt, also die Falschangaben bewusst getätigt“, heißt es in dem Bericht. Plagiate aus Versehen seien in diesem Ausmaß undenkbar, sondern im Gegenteil „werkprägendes Arbeitsmuster“ bei Guttenberg: „Wenn, wie hier, feststeht, dass jemand fremde, also nicht von ihm stammende Texte in einem kaum vorstellbaren Ausmaß in allen Einzelheiten einschließlich der Interpunktion ohne Kennzeichnung der Autorenschaft anderer übernommen hat, dann deutet bereits dieser Umstand auf bewusstes Vorgehen hin. Auch Doktorvater Peter Häberle bekommt einen Seitenhieb mit: Die Höchstnote „summa cum laude“ für Guttenbergs Arbeit sei „nicht nachvollziehbar“.

Guttenberg, gegen den die Justiz weiter wegen Urheberrechtsverstößen ermittelt, bekam ein Exemplar des Berichts, äußerte sich gestern aber nicht. In seiner Stellungnahme habe er sein Fehlverhalten mit der „vielfachen Arbeitsbelastung“ begründet, hieß es – und damit, sich „eine Schwäche nicht eingestehen“ zu wollen. Der Ruf nach einer Rückkehr Guttenbergs in die Politik blieb gestern in der CSU aus. Ex-Generalsekretär Thomas Goppel meinte: „Das ist im Prinzip vorbei.“ Dennoch ließ Guttenberg sich wieder in ein Amt wählen: Er ist Parteitagsdelegierter für den Kreisverband Kulmbach.


 

Die Stoiber-Tochter gab eine falsche Eides-Erklärung ab. Verliert sie ihre Zulassung?

München/Konstanz - Die Tochter des bayerischen Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, Veronica Saß (33), geborene Stoiber, ging gestern auf Tauchstation. Die Telefonzentrale in der Münchner Großkanzlei Raupach & Wollert-Ellmendorf wollte keine Anrufe durchstellen. „Ich darf nicht verbinden“, hieß es am Empfang. Für die Stoiber-Tochter wird es jetzt nämlich ganz bitter: Die Universität Konstanz hat ihr den Doktortitel entzogen. Nun droht „Vroni“ ein Strafverfahren wegen vorsätzlich falscher eidesstattlicher Versicherung – und im schlimmsten Fall der Entzug ihrer Zulassung als Rechtsanwältin.

Nach umfassender Prüfung ihrer Dissertation sei der Promotionsausschuss zu dem Ergebnis gekommen, dass erhebliche Teile der Arbeit Plagiat seien, teilte die Universität Konstanz mit. Ihr Rektor Ulrich Rüdiger verwies auf die Regeln der „wissenschaftlichen Redlichkeit“, nach denen die Doktorarbeit ein „eigenständiger wissenschaftlicher“ Beitrag sein müsse. Veronika Saß schaltete Anwalt Hans-Dieter Sproll ein. Der erklärte: „Die Entscheidung der Universität Konstanz ist falsch.“ Man werde sie deshalb anfechten.

Im Gegensatz zu Karl-Theodor zu Guttenberg musste Veronica Saß in Konstanz laut Promotionsordnung eine eidesstattliche Versicherung abgeben. Die kann jetzt teuer werden: Vorsätzliche Falschaussage wird mit bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe bestraft. Die Staatsanwaltschaft Konstanz ermittelt. Wird die Stoiber-Tochter angeklagt und rechtskräftig verurteilt, steht ihre Zulassung als Rechtsanwältin auf dem Spiel.

Im Dezember 2008 hatte Saß an der Uni Konstanz in Jura promoviert - und viel Energie dafür aufgewandt. Aber nur fürs Kopieren. Sie übernahm wortwörtlich ein ganzes Kapitel von knapp 40 Seiten mit „copy & paste“. Weil das aber nicht immer so leicht funktionierte, tippte sie sogar schamlos 25 Seiten mit allen Fußnoten aus der Doktorarbeit der Hamburger Rechtsanwältin Tanja Eisenblätter ab. Die hatte ihre Dissertation nicht online veröffentlicht.

Die Note war Saß egal. Sie wollte sich nur mit dem Titel schmücken, nahm dafür „summa cum rite“, die schlechteste Note in Kauf. Auch Edmund Stoiber schweigt.


Auch sie dürfte ihren Titel los werden – peinlich für die FDP.

Brüssel - Ist sie die nächste, die den entwürdigenden Weg vom Doktor drei Stufen tiefer zum ganz gewöhnlichen Sterblichen geht? Auch für die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wird es immer enger. Die Universität Heidelberg prüft zwar noch die Vorwürfe, die FDP-Politikerin habe ebenfalls abgeschrieben. Angeblich aber zeichnet sich das Urteil der Uni schon ab: Aberkennung des Titels.

Auch Koch-Mehrins Arbeit wurde von Plagiatjägern im Internet zerlegt. Sie fanden zahlreiche Plagiate, wiederum über die ganze Arbeit hinweg verteilt, und schließen daraus: Das war kein Versehen, sondern bewusste Täuschung.

Für die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments kommen die Vorwürfe zur Unzeit: Gerade eben versucht die Partei mühsam, sich neu aufzustellen. In einem blieb Koch-Mehrin auch gestern konsequent: Zu den Vorwürfen schweigt sie.

 

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