Murphys Law: Der US-Botschafter unter Beschuss

Der US-Botschafter in Deutschland hat ein Problem: Weil seine Berichte einen FDP-Mann stolpern ließen, wird in Berlin seine Abberufung gefordert. Sogar Merkel muss aus der Deckung.
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Der US-Botschafter in Berlin Philip Murphy.
dpa Der US-Botschafter in Berlin Philip Murphy.

LONDON/BERLIN - Der US-Botschafter in Deutschland hat ein Problem: Weil seine Berichte einen FDP-Mann stolpern ließen, wird in Berlin seine Abberufung gefordert. Sogar Merkel muss aus der Deckung.

Der Gejagte taucht auf, natürlich virtuell: Nach tagelangem Schweigen gab es am Freitag Nachmittag im Netz das erste Lebenszeichen von Wikileaks-Chef Julian Assange. Auf der Website der britischen Zeitung „Guardian“ meldete sich Assange aus seinem britischen Versteck zum Chat. Das Ergebnis passt zum Cyberkrieg der letzten Tage: Der Server stürzte umgehend ab: Der Ansturm war zu stark.

Stürmisch bleibt die Lage in Sachen Wikileaks auch in Berlin. Dort gerät nach dem weltweit ersten Wikileaks-Rücktritt von FDP-Mann Helmut Metzner nun US-Botschafter Philip Murphy ins Visier. Der hatte Metzners unverhüllte Einschätzungen zu Schwarz-Gelb nach Washington getickert, wo alles säuberlich archiviert wurde – und schließlich über das Indiskretionsportal Wikileaks ans Licht kam.

In der FDP herrschte am Tag danach eine Mischung aus Entsetzen an der Basis und Pfeifen im Walde bei der Führung. Mehrere FDP-Abgeordnete verlangten, die Amerikaner müssten ihren Botschafter abberufen: „Das Verhalten von Herrn Murphy ist ungehörig!“, stänkerte FDP-Mann Hans-Michael Goldmann. „So ein Botschafter muss nach Hause geholt werden.“

Die Parteispitze bemühte sich dagegen um Entspannung: Gegen den abgesetzten Büroleiter von Parteichef Guido Westerwelle werde es keine weiteren Schritte geben, sagte Bundesminister Dirk Niebel. Man müsse Metzner „aus der Schusslinie nehmen".

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel sah sich gezwungen, aus der Deckung zu gehen: Sie fordere „ausdrücklich nicht“ eine Abberufung Murphys, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert: „Die Bundesregierung denkt gar nicht in diese Richtung.“ Berlin sieht die transatlantischen Beziehungen offenbar so stark in Turbulenzen, dass es schon Ehrenerklärungen bedarf. Es habe „ungewöhnliche und ärgerliche“ Aspekte an den Wikileaks-Enthüllungen gegeben, sagte Seibert. „Aber nichts hat die Kraft oder die Wucht, um das deutsch-amerikanische Verhältnis ernsthaft aus der Bahn zu werfen.“

Gelassenheit demonstrieren als erste Regierungspflicht: Das taten Merkel und Westerwelle am Freitag auch im Bundestag. Beide amüsierten sich königlich über eine Karikatur. Auf der sagt sie zu ihm: „Hoffentlich kann Wikileaks nicht auch noch Gedanken lesen, eitler Popanz.“ Er antwortet: „Doch, Wikileaks kann, alte Teflon-Schlampe.“ Als Teflon-Kanzlerin war Merkel zuvor in den Wikileaks-Dateien verspottet worden. mue

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