Michail Chodorkowski in Berlin

Frei nach zehn Jahren Lagerhaft: Putins berühmtester Kritiker Michail Chodorkowski wird entlassen und fliegt gleich weiter nach Deutschland. Große Verwirrung um seine krebskranke Mutter.
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Frei nach zehn Jahren Lagerhaft: Putins berühmtester Kritiker wird entlassen und fliegt gleich weiter nach Deutschland. Große Verwirrung um seine krebskranke Mutter.

Berlin/Moskau - Paukenschlag in Russland: Nach zehn Jahren Lagerhaft ist Präsident Putins schärfster Kritiker gestern freigelassen worden. Und Michail Chodorkowski flog umgehend weiter nach Berlin – um seine krebskranke Mutter zu besuchen, die dort behandelt werde, hieß es. Allerdings stellte sich später heraus, dass sie derzeit in Russland ist. Sie spielt eine zentrale Rolle, dass er nun begnadigt worden ist.

Lesen Sie hier: Nach Begnadigung: Chodorkowski ist frei

Nach dem generellen Amnestie-Gesetz vom Donnerstag unterzeichnete Wladimir Putin gestern Morgen dann einen ganz speziellen Ukas: Michail Chodorkowski sei sofort auf freien Fuß zu setzen. Der 50-Jährige, der zuletzt im Lager Segescha in Nordwest-Russland nahe der finnischen Grenze inhaftiert wurde, verließ dann um 9.20 Uhr unserer Zeit (12.20 Uhr Ortszeit) sein Gefängnis: ein freier Mann nach zehn Jahren Haft.

Er wurde mit einem Hubschrauber weggebracht. „Er hat den Wunsch geäußert, sofort nach Deutschland ausreisen zu dürfen, wo seine krebskranke Mutter behandelt wird“, teilte die russische Strafverfolgungsbehörde mit. „Dieser Bitte wurde entsprochen.“ Die deutsche Botschaft in Moskau habe ihm unbürokratisch ein Visum erteilt, hieß es. In Berlin erklärte Regierungssprecher Georg Streiter: „Merkel freut sich sehr.“

In Berlin wurde am Nachmittag bekanntgegeben, Chodorkowski sei in Schönefeld gelandet. Er sei offiziell nach Deutschland eingereist. Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher holte ihn ab – er hatte auch beim OBO Bettermann ein Firmenflugzeug für Chodorkowskis Reise organisiert, teilte ein Firmensprecher mit. Dieses hat offenbar Putins berühmtesten Kritiker in Russland abgeholt.

Als erstes wolle er zu seiner Mutter. Marina Chodorkowskaja (79) wurde nach seiner Freilassung vom russischen Staatsfernsehen befragt. „Ich kann es noch gar nicht fassen“, sagte sie mit zittriger Stimme. Sie habe Beruhigungsmittel nehmen müssen, weil die Nachricht sie „wie eine Bombe“ getroffen habe.

Mit ihrer Krebserkrankung hatte Putin seine „Begnadigung aus humanitären Aspekten“ begründet. Das hat Hintergründe: Denn Chodorkowski hatte es wiederholt abgelehnt, eine Gnadengesuch zu stellen – weil indirekt ein Schuldeingeständis damit verbunden wäre. Dann waren, so berichten russische Medien, Geheimdienstler ins Lager gekommen. Sie sagten ihm, dass der Krebs seiner Mutter zurückgekommen sei – und dass ihm nun ein dritter Prozess drohe. Die klare Botschaft: Lebend siehst du sie nicht wieder. Da stellte er das Gnadengesuch. Kreml-Politiker erklärten gestern, dass er sich damit zu seiner Schuld bekannt habe. Andere widersprachen.

Lesen Sie hier die AZ-Meinung zum Fall Chodorkowski

Mutter Marina verteidigt das gestern: „Diese Entscheidung kann nur beurteilen, wer selbst zehn Jahre in Haft gesessen hat.“ Als sie das am Mittag sagte, wusste sie noch nichts von den Deutschland-Plänen. Als diese bekannt wurden, stellte sie klar, dass sie zwar eine Zeitlang in Deutschland war, derzeit aber wieder in Romaschino bei Moskau sei. „Er hat sich noch nicht bei mir gemeldet.“ Ob Chodorkowski über ihren Aufenthaltsort falsch informiert war oder ob sie nur vorgeschoben war, um schnell sicheren Boden außerhalb Russlands zu erreichen, ist noch ungeklärt.

Wie es hieß, wollte er in die Schweiz weiterreisen. Völlig offen ist, welche Rolle Chodorkowski künftig in Russland spielt. Die Menschenrechtsbeauftragten des Kreml boten ihm an, beim Aufbau einer Zivilgesellschaft mitzuwirken. Als verurteilter Verbrecher aber, darauf wurde auch verwiesen, dürfe er selbst nicht bei Wahlen kandidieren.

 

 

 

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