Martin Schulz: Das Wunder aus Würselen

Martin-Schulz-Biograf Manfred Otzelberger schreibt in einem Gastbeitrag für die AZ über seine Begegnungen mit dem Hoffnungsträger der SPD.
| Manfred Otzelberger
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Einer, der bei den Menschen ankommt: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei einer Rede im Capitol in Hannover.
dpa Einer, der bei den Menschen ankommt: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei einer Rede im Capitol in Hannover.

Der 58-jährige Otzelberger stammt gebürtig aus Forchheim, ist seit 2007 Redakteur bei Bunte, Europas größtem People-Magazin und zuständig für Politikerportraits und Interview. Er verfasste mehrere Bücher, unter anderem die Biographie der früheren CSU-Rebellin Gabriele Pauli.


Ich hab mich gefragt: Wer ist dieser Schulz?

Er hat einen Allerweltsnamen: Martin Schulz, so heißen Tausende. Er ist nicht schön, aber er hat mit seiner Halbglatze und seinem Bart einen Charakterkopf. Er kann die Politik nicht neu erfinden – aber die Menschen hängen an seinen Lippen, die SPD muss Interessenten wegen Überfüllung ihrer Veranstaltungen schon abweisen.

Was steckt hinter dem "Wunder aus Würselen", dem Mann, der mit historisch einmaligen 100 Prozent zum SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt wurde? Das habe ich mich als Journalist, der den umtriebigen Schulz seit Jahren beobachtet, immer wieder gefragt. Ich wusste schon aus Interviews und etlichen Begegnungen mit ihm aus seiner Zeit als EU-Parlamentspräsident, dass er ein schillernder Typ ist, einer, mit dem man gerne mal ein Bier trinkt, ein Mann der lockeren Sprüche – kein Bürokrat der Macht.

Als Ende Januar der Paukenschlag verklungen war, dass Sigmar Gabriel seinem Freund und Konkurrenten Martin Schulz den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur lässt, reagierte ich schnell: Ich wollte unbedingt noch mehr über den "Heiligen Martin", wie ihn der Spiegel ironisch nannte, recherchieren und ging davon aus, dass die Neugier auf diesen etwas anderen Politikertypus auch bei vielen Deutschen da war. Deshalb schlug ich dem renommierten Herder Verlag vor, innerhalb weniger Wochen eine Biographie von Schulz zu schreiben. Ein Schnellschuß, eine sportliche Herausforderung.

In nur vier Wochen wurde ich zum Schulzologen

Ich wollte der Erste sein, der nach der Kanzlerkandidatur das Leben von Schulz in Buchform auf den Markt bringt. Ein Buch mit dem Anspruch, das ganze Leben von Schulz zu zeigen, auf keinen traf das Motto der Altachtundsechziger "Das Private ist politisch" so zu wie auf ihn. Und es gelang. In vier Wochen wurde ich zum Schulzologen, der fast alles über den vermeintlichen Wundermannn erfuhr.

Es ist keine autorisierte Biographie geworden, das war in der Kürze der Zeit gar nicht möglich, aber auch nicht wünschenswert. Es nimmt einem Autor auch Freiheit, wenn er zu nah an der Figur dran ist. Die meisten autorisierten Politikerbiografien sind sterbenslangweilig, lesen sich steril, wie chemisch gereinigt. Für mich gilt grundsätzlich: Ein Journalist sollte nie ein Fan von einem Politiker sein.

Natürlich bin ich sofort nach Würselen gefahren, die Kleinstadt vor den Toren Aachens. Schulz kommt aus dem Dreiländereck Belgien-Niederlande-Deutschland, hier hat er seine Wurzeln und seine europäische Identität, hier lebt ein großer Teil des Schulz-Clans.

Der hippe Friseur schneidet Schulz alle zwei Wochen den Bart

Der kleine Martin war der Nachzügler in einer siebenköpfigen Familie, in der immer am Küchentisch politisiert wurde: Die Mutter war CDU-Gründerin, der Vater Sozi. Doris Harst, die Schwester von Martin Schulz, ist sofort sehr zugänglich, die ehemalige Kripo-Frau sitzt immer noch für die SPD im Rat der Stadt und ist mächtig stolz auf ihren Bruder.

Die Menschen hier sind unverklemmt und redeselig, auch die Buchhandlung, die Martin Schulz gegründet hatte, gibt es noch, sie wird heute von einer ehemaligen Schulz-Azubi geleitet. Ein Karnevalist erzählt davon, dass Schulz auch ohne Alkohol fröhlich sein kann. Und natürlich habe ich den hippen Friseur besucht, der Martin Schulz alle ein, zwei Wochen den Bart schneidet, den er seit Jusozeiten trägt.

Wen ich nicht treffen konnte war Inge Schulz. Die Ehefrau von Martin Schulz, eine Landschaftsarchitektin mit grünem Daumen, gibt keine Interviews. Nur selten ist sie offiziell an seiner Seite. Schulz schützt sein Familienleben wie ein Löwe. Aber mir gegenüber hat er einen Satz gesagt, der alles sagt: "Ohne meine Inge wäre ich eine arme Socke." Sie hat ihn stabilisiert. Eine große Liebe seit 32 Jahren. Sie lässt für ihn schon mal die Fleischpflanzerl anbrennen, wenn er für die EU die Medaille für den Friedensnobelpreis entgegennimmt und sie im TV zuschaut.

Schulz ist kein Journalistenfresser

Schulz ist kein Typ für Affären, auch nicht für vier Ehen, wie sie Gerhard Schröder und Joschka Fischer hatten. Der Taufschein-Katholik, der nicht weiß, ob er an Gott glauben soll, ist Romantiker.

Ich habe Martin Schulz auf vielen Terminen begleitet, er hat mich immer freundlich begrüßt – er ist kein Journalistenfresser. Auf der Leipziger Buchmesse hat er sieben Verlage besucht, man merkt, dass sein Interesse an Literatur als ehemaliger Buchhändler echt ist.

Kein Zufall, dass er beim München-Besuch letzte Woche das Residenztheater besucht. Schulz sieht sich auch als Mann der Kultur, er lädt Schauspieler ein und sitzt mit ihnen nach TV-Auftritten zusammen. Auch für Hans-Jochen Vogel fand er in München Zeit. Aus solchen Begegnungen mit Lichtgestalten der SPD schöpft er Kraft.


Manfred Otzelberger: Martin Schulz: Der Kandidat, Herder Verlag, 20 Euro.

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