Marina Weisband über Rezo-Video: Die Reaktion der CDU war wie ein Autounfall

Netzaktivistin und Ex-Politikerin Marina Weisband spricht über die digitale Kompetenz der Volksparteien und deren Reaktion auf das Rezo-Video.
| Linda Jessen
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Marina Weisband setzt sich für mehr Mitbestimmung für Jugendliche ein.
Henning Kaiser/dpa Marina Weisband setzt sich für mehr Mitbestimmung für Jugendliche ein.

Berlin - Mit dem millionenfach geklickten Video des Youtubers Rezo, in dem er der CDU unter anderem eine verfehlte Klimapolitik vorwirft, ist ein Themenkomplex rund um die politische Debatte im Informationszeitalter sichtbar geworden. Marina Weisband hat mit dem Verein politik-digital die Plattform "aula" entwickelt, die den Jüngeren Mitbestimmung ermöglicht.

AZ: Frau Weisband, Sie gelten als Expertin für Netzkommunikation – wie haben Sie die Ereignisse seit dem Rezo-Video verfolgt?
MARINA WEISBAND: Ich bin sehr nah dran, weil ich mich beruflich damit beschäftige, Jugendlichen eine Stimme zu geben. Das Video ging viral, weil es gut fundiert war und mit dem Klischee bricht, die jungen Menschen hätten keine Konzentration. Die Reaktion der CDU war natürlich wie ein Autounfall. Es ist schade, dass es jetzt keine Diskussion über die Kommunikation der Politik mit den Jungen gibt – mit Nahles‘ Absetzung wurden viele Gespräche wieder abgesagt.

Die Antwort der CDU auf das Video war recht langatmig, dann kam ein PDF. Mangelt es hier an Digitalkompetenz?
Jeder [Idiot] kann ein Video auf Youtube stellen, das traue ich auch der CDU zu. Die Kompetenz fehlt bei der Kommunikation mit jungen Menschen auf Augenhöhe. Da bringt es auch nichts, wenn jetzt ein Youtube-Beauftragter ausgesucht wird und dann die gleiche PR eben auf einem anderen Kanal gemacht wird.

Weisband: Jugendliche sehen mehr als Erwachsene

Ein erfolgreiches Video kann aber nicht jeder machen. Findet die junge Generation hier gerade einen neuen Weg, sich Gehör zu verschaffen?
Früher hat man Pamphlete gedruckt, dann wurden Leitartikel geschrieben. Die kann aber nicht jeder schreiben, da ist das Internet niedrigschwelliger. Youtube wird schon lange auf diese Art genutzt, neu ist, dass das Video so viral geht und auch von den Medien aufgegriffen wird.

Sie beraten mit "aula" auch Schulen und Kommunen zur politischen Partizipation Jugendlicher. Welche Punkte sind hier besonders wichtig?
Die Entscheidungen der Schüler sollten verbindlich sein und umgesetzt werden. Trockenübungen bringen nichts. Wenn die Jugendlichen zum Mitmachen aufgefordert werden und dann nichts passiert, frustriert das und dann geht man schnell zum Populismus über. Zweitens sollte die Partizipation ständig passieren. Es kann nicht sein, dass unsere Kinder, bis sie 18 sind, fragen müssen, ob sie aufs Klo gehen dürfen und dann wollen wir sie als mündige Bürger in die Welt entlassen.

Und drittens?
Drittens haben Jugendliche einen unverbauteren Blick auf die Welt und sehen vieles, was wir nicht mehr sehen.

Weisband: Es ist höchste Zeit für Wahlrecht ab 16

Die junge Generation galt lange als politisch nicht interessiert. Das scheint sich ja gerade massiv zu ändern.
Die sind superpolitisch. Aber wenn sie schon erwarten, nicht gehört zu werden – wieso sollten sie sich dann einmischen? Es ist wichtig, dass sie die ihnen vertrauten Lebensbereichen, wie Schule und Kommune, mitgestalten dürfen, das machen wir ja auch mit "aula". Deshalb ist es auch höchste Zeit für das flächendeckende Wahlrecht ab 16, mindestens bei Kommunalwahlen.

Im Umgang mit Netzwelt und Politik gibt es verständlicherweise auch viel Misstrauen. Wie soll man damit umgehen?
"Das Internet" ist einfach nur die Infrastruktur, in der die Welt heute kommuniziert. Dem kann man sich entziehen, das führt aber nur dazu, dass man nicht mitredet. Gestaltet wird es viel von Konzernen und autoritären Staaten. Je weniger die Zivilgesellschaft sich darin bewegt, umso weniger kann sie auch mitbestimmen, wie es dort aussieht.

Wenn Sie im Bundestag ein Seminar zur Netzkommunikation halten dürften – was wären Ihre zentralen Punkte?
Netzkommunikation ist Kommunikation. Echtes Interesse und ernsthafte Bereitschaft, auf Augenhöhe zu diskutieren, kann nicht ersetzt werden durch cooles Auftreten. In der Informationsgesellschaft ändern sich alte Machtstrukturen, Informationen sind leichter zugänglich. Als Demokrat kann man das nur begrüßen, man muss sich dem dann aber auch stellen. Die jungen Menschen – wobei das für alle anderen auch gilt – lassen sich nicht für dumm verkaufen: Wenn die gleichen Inhalte und die gleiche PR nur auf neuen Kanälen präsentiert werden, bringt das nichts.

Lesen Sie hier: Essen aus Mülltonnen - Wird Containern jetzt legal?

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