Die Evakuierung: Dramatische Szenen auf Flughafen in Kabul

Die ersten Deutschen sind in Sicherheit, eine "Luftbrücke" soll weitere Bundesbürger außer Landes bringen. Bei den Afghanen wächst die Verzweiflung.
| Natalie Kettinger
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Eine Maschine der Luftwaffe hebt im niedersächsischen Wunstorf ab. Ihr Ziel: Kabul.
Eine Maschine der Luftwaffe hebt im niedersächsischen Wunstorf ab. Ihr Ziel: Kabul. © Moritz Frankenberg/dpa

Kabul - Es sind verstörende Bilder, die vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul aus um die Welt gehen: Dutzende Menschen klammern sich voller Verzweiflung an Gangways, um in eine der Maschinen zu gelangen, mit denen die internationale Gemeinschaft ihr Botschaftspersonal und einige wenige Ortskräfte ausfliegt. Andere rennen in Panik den großen Militärfliegern hinterher oder stellen sich ihnen auf der Startbahn in den Weg.

Menschen klettern in ihrer Verzweiflung auf Flugzeuge

Ein Anwohner des Hamid-Karsai-Airports erzählt, ein Fliehender, der sich wohl im Radkasten einer Maschine versteckt hatte, sei wie ein Stein vom Himmel gefallen und auf einem Schuppendach aufgeschlagen. Drei weitere Tote seien in Nachbarschaft gefunden worden.

Währenddessen versuchen immer mehr verängstigte Menschen, auf das Flughafen-Gelände zu kommen, das von der US-Armee gesichert wird. Die Soldaten feuern in die Luft - mindestens drei Menschen sterben laut BBC bei einer Massenpanik. Washington will seine Militärpräsenz am Airport nun auf 6.000 Soldaten erhöhen.

Während es für die meisten Afghanen keine Hoffnung gibt, ihr Land zu verlassen, das seit Sonntag von den radikal-islamischen Taliban beherrscht wird, sind die ersten Deutschen bereits in Sicherheit: Unter anderem landete eine US-Maschine mit 40 Bundesbürgern in Doha (Katar). Wenige Stunden später starteten die ersten drei Transportmaschinen der Luftwaffe mit Fallschirmjägern an Bord Richtung Kabul. Sie sollen die Evakuierung absichern.

Brisanter und gefährlicher Einsatz der Bundeswehr

Es ist die bislang wohl größte Mission dieser Art der Bundeswehr - und eine besonders brisante. "Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten", twittert das Verteidigungsministerium. Die Bundeswehrmaschinen vom Typ A400M sollen zentraler Bestandteil einer "Luftbrücke" werden, über die neben den Botschaftsmitarbeitern auch andere deutsche Staatsbürger sowie Ortskräfte, die für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet haben, nach Deutschland gebracht werden.

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Die Maschinen, die Platz für 114 Passagiere bieten und über besonderen Schutz gegen Angriffe beispielsweise mit Raketen verfügen, fliegen die Betroffenen zunächst nach Taschkent in Usbekistan. Von dort geht es mit zivilen Fliegern weiter nach Deutschland.

Bis Sonntag waren noch mehr als 100 deutsche Staatsbürger in Kabul. Außerdem sollten nach Meinung der Bundesregierung rund 10.000 weitere Menschen ausreisen: Ortskräfte, bedrohte Anwälte und Menschenrechtler sowie deren Familien. Zurückbleiben soll laut Außenminister Heiko Maas (SPD) nur ein "operatives Kernteam" der Botschaft auf dem Flughafen.

Kritik kommt aus der Opposition: "Auf ganzer Linie versagt"

Die Opposition wirft Schwarz-Rot vor, viel zu spät reagiert zu haben. Der FDP-Außenexperte Alexander Graf Lambsdorff sagte der "Welt", Außenminister Maas, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) hätten "auf ganzer Linie versagt".

Ähnlich sieht es Jan Korte, Fraktionsgeschäftsführer der Linken im Bundestag: "Wie die Bundesregierung, allen voran Außenminister Maas, bei der Evakuierung deutscher Botschaftsangehöriger, Mitarbeitern von NGOs und afghanischen Ortskräften dilettiert, ist skandalös und gefährdet Menschenleben." Während andere Länder ihre Angehörigen schon seit Tagen aus Afghanistan ausflögen, bequeme sich die Bundesregierung erst jetzt, Flugzeuge nach Kabul zu schicken.

Kritik kommt auch von Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen: "Man muss sich fragen, warum die Bundesregierung so überrascht wirkt vom schnellen Vorstoß der Taliban." Die Bundesregierung müsse jetzt ganz schnell handeln. "Es ist unverständlich, warum nicht schon spätestens vor einer Woche Leute aus Afghanistan herausgeholt worden sind mit der Möglichkeit, Visa erst in Deutschland auszustellen."

Parteichefin und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erinnert daran, die Grünen hätten "bereits vor dem Beginn der Sommerpause im Deutschen Bundestag beantragt, Menschen zu evakuieren. Das ist nicht getan worden, man hat es einfach negiert".

Merkel spricht von "bitteren Stunden"

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht während einer Sitzung des CDU-Präsidiums von "bitteren Stunden" und meint die Machtübernahme der Taliban, die Afghanistan innerhalb nur einer Woche überrannt haben. Teilnehmer der Sitzung zitieren Merkel mit den Worten: Für die Vielen, die auf Fortschritt und Freiheit gebaut hätten - vor allem die Frauen -, seien es "bittere Ereignisse".

Die Taliban wollen ein "Islamisches Emirat Afghanistan" errichten, so wie schon vor dem Einmarsch der US-Truppen im Jahr 2001. Damals setzten sie mit drakonischen Strafen ihre Vorstellung eines "Gottesstaats" durch: Frauen und Mädchen wurden systematisch unterdrückt, Künstler und Medien zensiert, Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung.

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