Daumen hoch! Daumen hoch!

Jubelstürme, leere Stühle, verhunzte Brezn: In Nürnberg war nichts wie sonst. Der Auftakt gehörte der Kanzlerin. Danach feierte sich die CSU auf ihrem Parteitag ganz einfach selbst
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Beckstein und Huber setzen zur verbalen Blutgrätsche an.
dpa Beckstein und Huber setzen zur verbalen Blutgrätsche an.

NÜRNBERG - Jubelstürme, leere Stühle, verhunzte Brezn: In Nürnberg war nichts wie sonst. Der Auftakt gehörte der Kanzlerin. Danach feierte sich die CSU auf ihrem Parteitag ganz einfach selbst

Edmund Stoiber kommt nicht mehr. Der Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihm gereicht. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die CSU zum Wahlkampf trommelt, bleibt ihr Ehrenvorsitzender lieber daheim – und erspart sich den Triumph seiner Nachfolger. Mit Jubelstürmen dopt die CSU sich und ihr Wackel-Tandem – als könnten die 1000 Delegierten Günther Beckstein und Erwin Huber zum Wahlsieg klatschen. Die Angst vor der Niederlage sorgt fürs Wir-Gefühl. Beckstein und Huber machen Hoffnung: mit neuen Missionen und Liebeserklärungen, mit Beten und Abschieben, mit roten Garden und einem Funkenmariechen. Sechs Minuten Standing Ovations, mehr hatte Stoiber auch nie bekommen. Das lässt Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die CSU am Tag zuvor gnadenlos niedergeschmust hat, fast vergessen.

Daumen hoch!

Nun steht Beckstein auf dem Podium und kann es kaum fassen. Über die Kameras hinweg winkt er Marga zu, seiner Frau. Wieder und wieder. Hochkommen soll sie, diesen Moment mit ihm genießen – und Erwin Huber auch. Doch Marga ist bockig. „Ich hab’ doch nicht geredet, was soll ich da“, zickt sie Generalsekretärin Christine Haderthauer an. Die ist gnadenlos, packt sie an der Hand, zieht sie zum Podium. Marga muss in ihrem türkisfarbenen Hosenanzug rauf, ob sie will oder nicht. Die Show, die Stoiber und seine Karin einst perfektionierten, ist ihr zuwider. Das macht sie sympathisch. Beckstein deutet wild: Daumen hoch! Huber springt ihr zur Seite: Daumen hoch! Marga fuchtelt entschuldigend mit den Armen. Zurück auf ihrem Platz flüstert sie Günther zu: „Auf weiten Strecken sehr gut!“ Der ist euphorisiert: „Wir haben einen guten Lauf und Rückenwind. Die Partei will mit mir gewinnen. Und ich werde gewinnen.“

Schwarze Akrobatik

Die Becksteins gehen früh ins Bett. Schon um 22 Uhr haben sie den bunten Abend für die Delegierten verlassen. „Sex Bomb, Sex Bomb“, schmettert das Trio Washington aus Nürnberg. Doch der Abend ist nicht sexy. Die „Cosmic Artists“ aus Berlin zeigen waghalsige Kunststücke in schwindelnder Höhe. An meterlangen Tüchern hängen die beiden Artisten. Alle halten den Atem an. Eine symbolträchtige Show, die Angst macht: „Das könnten auch Beckstein und Huber sein, die ohne Netz alles versuchen, um nach oben zu klettern“, sagen Delegierte. Stimmung kommt da keine auf.

Die Last-Minute-Rede

Nicht mal zehn Minuten brauchen die Becksteins bis nach Hause in ihren Bungalow in Nürnberg-Langwasser. Der Ministerpräsident will schlafen. Halb sechs steht er wieder auf. Er arbeitet die Rede durch, die ihm seine Referenten vorbereitet haben. Alles wird umformuliert. „Ich kann keine Rede vorlesen“, sagt er.

Das Gebet

Anfangs sieht es nicht gut aus. Ausgerechnet der katholische Kirchenrat Reith betet der CSU vor, dass es „keine Ewigkeits-Garantie“ gebe. Und reitet darauf rum: „Es gibt keine Garantie, dass immer alles so bleibt, wie es war.“ Das tut weh. Dabei betet die CSU doch gerade dafür, dass sie weiter regiert – wie seit 50 Jahren.

Der Stachel

Gratulationen von allen Seiten für Peter Erl, den Unternehmer und Harley-Fahrer aus Deggendorf. Der Vize-Landrat hat den Großen bei den Antragsberatungen den Stachel der Basis gezeigt. „Wer mit dem Radl zur Arbeit fährt, den interessiert die Pendlerpauschale nicht“, provoziert Erl und stellt den Antrag, die Erbschaftssteuer „unverzüglich“ abzuschaffen, den Solidarzuschlag und die Mehrwertsteuer auf der Mineralölsteuer auch. Parteichef Erwin Huber und Landesgruppenchef Peter Ramsauer ziehen in die Abwehrschlacht. Man solle nichts versprechen, was man nicht halten kann. Erl gibt nach: „Ich will nicht kurz vor der Wahl eine Konfrontation. Aber die Mehrheit der Delegierten hätte ich bekommen.“

Das Schütteln

Beckstein redet sich warm: „Unsere Erfolge sind kein Ruhekissen.“ Er doziert über Bayern und seine Bilanz: „Die Kanzlerin hat gesagt: Bayern ist dort, wo der Bund auch hin will.“ Er ruft den Freistaat zum Bildungsland Nummer eins aus: „Das ist die Wirtschafts- und Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts.“ Er säuselt über seine Zusammenarbeit mit Huber: „Die ist traumhaft.“ Er läuft zu Hochform auf, verteidigt die Kreuze in den Klassenzimmern, propagiert das Schulgebet und gibt den knallharten Schwarzen Sheriff bei den U-Bahn-Schlägern von München: „So einer gehört hinaus.“ Für jeden in Deutschland gelte die „Hausordnung“. Er malt den Teufel an die Wand: „Wenn eine Koalition mit den Linken käme, da schüttelt’s jeden anständigen Bayern. Das würde unser Land verhunzen.“

Das Fressen

Die Delegierten vernichten unterdessen verhunzte Brezn, die vor ihnen liegen. Ein B soll die Breze sein, wie Beckstein und Bayern. Auch Marga beißt genüsslich hinein. Eine Stunde und zehn Minuten redet Beckstein. Generalsekretärin Christine Haderthauer schwebt auf Wolken: „Günther, so lieeeeben wir dich.“

Das Zusammentreiben

Erwin Huber blickt auf das blanke Grauen. Als er, der CSU-Vorsitzende, eine Dreiviertelstunde später mit seiner Rede beginnt, sind die Stühle in der Halle leer. Die Delegierten essen draußen Wiener und Weißwürste und lästern, dass sie zahlen müssen, während die Parteiprominenz die Würstl in der ersten Reihe serviert und auch noch gratis bekommt. „Ich treib’ jetzt die Leute rein“, kündigt die Generalin ihrem Chef an und rauscht hinaus.

Das Lampenfieber

„Es ist ein guter Parteitag“, sagt Erwin Huber zehn Minuten später oben auf dem Podium. Kaum einer hört es. Noch immer blickt er auf die roten Sitze. Auf die VIP-Plätze hat die Parteitags-Regie ein weiß-blaues CSU-Kissen gelegt – zum gemütlichen Anlehnen, falls es zu langweilig wird. Hubers Lampenfieber ist jetzt weg. Die Stunden davor hat er immer wieder in seinem Manuskript herumgestrichen, sich hektisch neue Notizen gemacht und Blätter herausgerissen. Nun steht er entspannt da, legt die eine Hand lässig auf das Rednerpult, während er mit der anderen seine Aussagen unterstreicht.

Die Mission

Langsam pirscht er sich an die Seele der Partei ran, haucht ihr ein Wir-Gefühl ein, das sie beflügelt. Er spricht von Höherem: „Wir haben eine Mission, einen ganz speziellen Auftrag.“ Er preist die Volkspartei CSU und deren 170000 Mitglieder. Generalin Hauderthauer rauscht noch immer wie ein Staubsauger durch die Gänge und bläst jeden in den Saal, den sie erwischen kann. Langsam wird’s voll. Huber wendet sich an Barbara Stamm, die an Brustkrebs erkrankte Landtagsvizepräsidentin und das soziale Gewissen der Partei: „Wir freuen uns, dass du bei uns sein kannst. Wir brauchen dich.“ Damit erobert er die Herzen der Delegierten.

Das Funkenmariechen

Gabriele Pauli lässt die CSU einfach nicht los. Lange hat der Parteichef an diesem Szenario gebastelt – für jeden, der der CSU einen Denkzettel verpassen will. „Man muss sich die Viererkoalition nur vorstellen“, sagt Huber. „Vorne joggt einer im Obama-T-Shirt voraus, der glaubt, er mache Weltpolitik, wenn er einmal ums Weiße Haus läuft. Dahinter die Hofnarren von den Grünen. Dann marschieren stramm die roten Garden. Dahinter trotten die Freien Wähler mit ihrem neuen Funkenmariechen. Und die FDP steht daneben und weiß nicht, ob sie mit marschieren soll oder nicht.“ Huber warnt vor einer „schleichenden Sozialisierung“. Die hat sich sogar auf diesem Parteitag eingenistet. Im Foyer hängt an den Zeitungsständern das „Neue Deutschland“ , die „sozialistische Tageszeitung“.

Das Benehmen

Eigentlich hatte Günther Beckstein in seiner Regierungserklärung gedroht, dass er nicht dulden werde, wenn Jugendliche in der U-Bahn ihre Füße auf die Bank legen. Und jetzt das: Immer wieder steigen er und Erwin Huber mit ihren Straßenschuhen auf die Polsterstühle, um sich von den Delegierten feiern zu lassen. Rauf und runter. Rauf und runter, weil es so schön ist.

Die Torte

In einem Raum hinter der Bühne steht sie noch immer, die Geburtstagstorte der Kanzlerin. Niemand sollte das erfahren. Merkel hat sie links liegen gelassen nach ihren bösen Worten dazu: „Ein Rest von bürgerlicher Höflichkeit ist noch übrig geblieben.“ Manche Sachen werden einfach nicht angeschnitten auf diesem Parteitag. Die Pendlerpauschale nicht und die Torte auch nicht. CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer packt sie schließlich ein, nimmt sie mit heim nach Ingolstadt und bringt sie ins Heilig-Geist-Spital. Dort dürfen die Senioren heute die Merkel-Torte anschneiden.

Die Kritiker

Agrarminister Horst Seehofer ist zufrieden: „ein gelungener Parteitag“. Er lobt Beckstein: „Der hat die Politik der CSU sehr ehrlich dargestellt.“ Er lobt auch Huber, gegen den er sonst gerne stichelt: „Seine Rede war sehr familiär und persönlich auf das Innenleben der CSU abgestellt.“ Das habe man sich von dem Parteitag auch gewünscht.

Angela Böhm

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