Das Drama um Guido Westerwelle: Jetzt hat die FDP schon Mitleid

Was ist gemeiner als harte Kritik? Vergiftete Sympathieerklärungen. Je mehr die Parteifreunde über ihren Noch-Chef Guido Westerwelle reden, desto schlimmer wird dessen Krise – auch in den Umfragen.
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Guido Westerwelle: Harte Zeiten für den FDP-Chef
dpa Guido Westerwelle: Harte Zeiten für den FDP-Chef

BERLIN - Was ist gemeiner als harte Kritik? Vergiftete Sympathieerklärungen. Je mehr die Parteifreunde über ihren Noch-Chef Guido Westerwelle reden, desto schlimmer wird dessen Krise – auch in den Umfragen.

Manchmal ist es nicht die harte Kritik aus den eigenen Reihen, die einen angeschlagenen Politiker am härtesten trifft. Viel deutlicher wird das Elend des Guido Westerwelle, wenn man sich die Solidaritätsadressen ansieht, die den Noch-FDP-Chef aus der eigenen Partei erreichen. Die härteste Nummer schaffte am Freitag einmal mehr der schleswig-holsteinische Landeschef Wolfgang Kubicki: „Ich habe Mitleid mit dem Menschen Westerwelle, angesichts der Art und Weise, wie mit ihm umgegangen wird.“ Kubicki hatte mit seinen Einlassungen, in der FDP gehe es zu wie in den letzten Tagen der DDR, den Sturm der letzten Tage gegen Westerwelle erst eingeleitet.

Mitleid aber ist das Letzte, was sich ein Spielführer bei den eigenen Leuten leisten kann. Mehr und mehr wird Westerwelle zu einem Parteichef auf Abruf, seitdem selbst einflussreiche Kreise über einen raschen Rückzug schon während der Weihnachtspause diskutieren. So klingen mittlerweile auch Äußerungen pro Westerwelle wie Abgesänge aus dem Tal der Tränen. Beispiele vom Freitag:

„Die FDP hat einen Vorsitzenden, der das Vertrauen des gesamten Präsidiums genießt“, sagt Parteivize Rainer Brüderle, selbst als Nachfolger heftig im Gespräch.

„Ich warne davor, dass wir die Fehler der SPD übernehmen und in einer schwierigen Lage über unseren Vorsitzenden diskutieren“, mahnt der Chef der mächtigen Nordrhein-Westfalen-FDP, Daniel Bahr.

„Ich sehe keine Veranlassung für einen Rücktritt“, meint Westerwelles Ministerkollege Dirk Niebel. „Jetzt müssen wir alle ihn stützen, damit es mit der FDP vorangeht.“

Voran ging es am Freitag – aber in die falsche Richtung: Eine neue Politbarometer-Umfrage zeigte, dass nur noch drei Prozent der Deutschen hinter der FDP stehen. In der Sonntagsfrage ergeben sich daraus gerade noch fünf Prozent. Schlimm für Westerwelle: Zwei Drittel geben dem FDP-Chef die Schuld, mehr als die Hälfte erwartet seinen Rückzug. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer AZ-Online-Umfrage: Da halten 60 Prozent den FDP-Chef für „untragbar“.

An Schwarz-Gelb wäre bei diesen Werten bei Neuwahlen weiter nicht zu denken. Schon bettelt die FDP auch beim Regierungspartner um Mitleid: Kabinettsmitglied Niebel appellierte an die Union, mehr an die gebeutelten Liberalen zu denken. Der Union müsse klar werden, „dass wir unseren Wählern verpflichtet sind und nicht jeder Kompromiss machbar ist“. mue

Wer kann die FDP aus der Krise führen?

Christian Lindner: Schon einmal wurde ein Generalsekretär Parteichef: Guido Westerwelle. Für den erst 31-jährigen Parteimanager käme der Sprung an die Spitze zwar früh, aber womöglich nicht zu früh. Er gilt zur Zeit als größte Nachwuchshoffnung der Liberalen und hat sich als intellektueller Kopf auch außerhalb der FDP Respekt erworben. Würde die Westerwelle-Krise nicht jetzt stattfinden, sondern erst in ein paar Jahren, dann wäre ihm der Sprung an die Spitze nicht zu nehmen. So aber kann es sein, dass er eine Ehrenrunde braucht.Chef-Faktor: 25 Prozent

Philipp Rösler: Gäbe es Christian Lindner nicht, dann wäre der Bundes- Gesundheitsminister Platz eins in der Nachwuchs-Führungsreserve. In den Reformdebatten des Jahres hat sich der 37-jährige gebürtige Vietnamese angesichts des herkulischen Ausmaßes des Gesundheitsthemas achtbar geschlagen. Das Gesundheitsthema aber war zugleich sein größtes Manko: Es fraß ihn derart auf, dass Rösler außerhalb der Medizinschiene überhaupt nicht stattfand. Wenn er aus dieser Falle wieder herausfindet, ist er ein Kandidat.Chef-Faktor: 10 Prozent

Sabine Leutheusser- Schnarrenberger Die Leute, zumal die Bayern, mögen die Frau mit dem Namen, der so lang ist, dass er die Überschrift in dieser Spalte von ganz alleine ausfüllt. Wahrscheinlich braucht es auch nicht mehr: Bei der bayerischen FDP-Landeschefin wissen ohnehin alle, wofür sie steht: für linksliberalen Bürgerrechtskurs. Durch einen Rücktritt vomMinisteramt machte sie auch schon mal deutlich, dass sie im Zweifelsfall keinen faulen Kompromiss eingeht. Ihr Manko: Mit im nächsten Jahr 60 Jahren wäre sie nur eine Übergangsvorsitzende.Chef-Faktor: 10 Prozent

DirkNiebel: Auch der Entwicklungshilfeminister steht für das Karrieremodell Westerwelle/Lindner: Er war ein erfahrener Generalsekretär seiner Partei, bevor er ins Kabinett wechselte. Dort ist der anfängliche Spott über ihn und sein Amt, das die FDP eigentlich abschaffenwollte, längst verraucht; seine Amtsführung gilt mindestens als passabel. Als Parteimanager bis 2009 ist er einer der Architekten des FDP-Aufschwungs, das richtige Parteichef-Alter hätte er auch: Niebel ist Jahrgang 1963 – ein Mann in Wartestellung. Chef-Faktor: 15 Prozent

Rainer Brüderle: Er ist die Überraschung im Kabinett und auch sonst: Wenige hatten dem Rheinland- Pfälzer zugetraut, dass er in Bundeskanzlerin Angela Merkel Kabinett zum Star werden könnte. Dort vermengen sich für den Wirtschaftsminister die positiven Aufschwungzahlen und seine mittelständisch-solide Amtsführung zu einer glücklichen Mischung. Das könnte in der FDP die Sehnsucht wecken, mit ihm zumindest die Stammkundschaft zurück zu erobern. Doch auch für ihn gilt das Schnarri-Manko: Mit 65 ist er nicht der jugendliche Hoffnungsträger. Dennoch: Chef-Faktor: 40 Prozent

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