Augen zu - CSU

Vor Wochen sah’s noch finster aus für Erwin Huber und Günther Beckstein. Auf den CSU-Parteitag fahren sie jedoch mit neuem Selbstbewusstsein. Was ihnen aus dem Stimmungstief geholfen hat.
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Erwin Huber (r.) und Günther Beckstein
dpa Erwin Huber (r.) und Günther Beckstein

NÜRNBERG - Vor Wochen sah’s noch finster aus für Erwin Huber und Günther Beckstein. Auf den CSU-Parteitag fahren sie jedoch mit neuem Selbstbewusstsein. Was ihnen aus dem Stimmungstief geholfen hat.

Lag’s wirklich an Wolfsindis, der Dorfheiligen von Reisbach, an deren Todesort nach der Sage eine Quelle entstand, die bei Menschen für einen klaren Durchblick sorgt? Der Wasserlauf neben der idyllischen Kapelle ist nämlich der Lieblingsort von CSU-Chef Erwin Huber. „Es war diese Weitsicht“, sagt er mit stolz geschwellter Brust, die ihm die Eingebung mit der Pendlerpauschale gegeben habe. Die sorgt für den großen Triumph des kleinen Erwin. Dabei war die Idee nichts anderes als ein Luftballon, den er Ostern in panischer Angst vor seinem Untergang und dem der CSU steigen ließ. Eigentlich wäre der unter normalen Umständen ganz schnell geplatzt – als purer Populismus. Doch dann kam die Preisexplosion an den Zapfsäulen. Und: Angela! Der Engel, wie es auf Latein heißt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den CSU-Ballon mit ihrem Nein in den weißblauen Himmel getragen. Höher und immer höher.

Eigentlich müssten ihr am Freitag die rund 1000 Delegierten auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg dafür die Füße küssen. Als Retterin der CSU. Mit ihrer strikten Ablehnung hat sie die kleine Schwesterpartei aus ihrer Niedergeschlagenheit und Depression geholt. Kein Thema sorgt derzeit in der Republik für mehr Emotionen. Und für einen solchen Aufwind der abgestürzten Regierungspartei im Freistaat.

Es war kein Coup, sondern Schicksal

Sogar vom politischen Gegner kommt Unterstützung. Die SPD fällt in Sachen Pendlerpauschale um und ihrem Finanzminister Peer Steinbrück in den Rücken. „Wir haben Angela so viel zu verdanken, wie sie uns nie schenken wollte“, sagt ein CSU-Stratege. Denn es war kein Coup, den Huber da geplant hatte. Es war Schicksal, wie so oft in der Politik. Eigentlich kann Huber gar nichts dafür, aber es funktioniert. So wie damals im Bundestagswahlkampf bei Gerhard Schröder die Oder-Flut.

CSU-Generalin Christine Haderthauer ist euphorisch: Bei einer internen Sitzung der Geschäftsführer der Bundeswahlkreise machte sie Stimmung und verkündete ihren verblüfften Zuhörern: „54 Prozent sind drin.“ Der Glaube soll bis zur Landtagswahl am 28. September Berge versetzen. „Wir haben die Talsohle hinter uns. Jetzt geht’s in Siebenmeilenstiefeln wieder bergauf“, heißt es in der Partei.

Die bedrohten Alleinherrscher

Ganz unten, das war noch vor zwei Monaten. In Berlin war die CSU weg vom Fenster. In Bayern quasi auch. Ein explosives Gemisch aus Rauchverbot, Schul-Desaster, Landesbank- Katastrophe, aufmüpfigen Hausärzten und einer desaströsen Kommunalwahl drohte die Alleinherrscher nach einem halben Jahrhundert zu zerlegen. Die Pendlerpauschale trudelte nur ein bisschen dahin. Ministerpräsident Günther Beckstein dachte schon an den Untergang. Falls die CSU bei der Wahl ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit verlieren und unter die magische 50 Prozent Grenze fallen würde, kündigte er im kleinen Kreis an: „Mit 49 Prozent trete ich am Wahlabend zurück.“

Davon ist jetzt nicht mehr die Rede. Die CSU kann wieder gewinnen. Auch wenn Beckstein auf seiner neuen Homepage propagiert: „Frage nicht, was ankommt, sondern worauf es ankommt.“ Die Pendlerpauschale jedenfalls ist angekommen. Jetzt kommt es auf ihn und Huber an, die Emotionen in Wählerstimmen umzusetzen.

Eine neue Zuversicht

Fast wöchentlich lässt die CSU die Seelenlage der Bayern erforschen. Die Umfragen stabilisieren sich auf 50 Prozent. Das holt die Parteimitglieder aus ihrer Verschrecktheit. „Es herrscht eine neue Zuversicht“, sagt ein CSU-Spitzenmann. Die Mitglieder stürzten sich jetzt regelrecht in den Wahlkampf. Alle ziehen sie an einem Strang. Sogar in den Parteizirkeln. Kein Mäkeln, keine Machtkämpfe, keine Intrigen, nicht mal versteckte. Die Angst schweißt alle zusammen. „Jeder hält die Gosch,weil keiner Schuld sein will, wenn’s doch daneben geht“, so ein CSU-Vorstand zur AZ.

Nur den Wähler hat die CSU noch nicht überzeugt. „Eine feindselige Stimmung schlägt uns nicht mehr entgegen“, berichten Landtagsabgeordnete. „Aber auch keine begeisterte.“ Diesmal ist die Gefühlslage der Bayern eine andere, als in den Krisenjahren der CSU zuvor. Nach 50 Jahren sind sie der Partei überdrüssig. So wie den Deutschen einst Helmut Kohl, der Rekordkanzler, über war. Das ist das Gefährliche, das Huber und Beckstein trotz aller Zuversicht doch noch Angst macht. Sie wissen, entscheiden tut sich der Wähler erst in der Wahlkabine. „Er ist ein rätselhaftes Wesen“, stöhnt Huber. Den Liebesentzug versteht er nicht. „Mir san die Besten, Bayern steht als Nummer eins da. Dafür sollen wir bestraft werden?“

Magets strategischer Fehler

Doch ausgerechnet Bayerns Oppositionsführer und SPD-Spitzenkandidat Franz Maget hat den Schwarzen einen weiteren Trumpf zugespielt. Zu früh hat er in der Euphorie, es könne endlich einen Wechsel in Bayern geben, sich selbst als Ministerpräsident einer Viererkoalition ausgerufen. Ein strategischer Fehler. Nur mit Emotionen und der Angst der Menschen könne man Wahlen gewinnen, hat schon Franz Josef Strauß 1976 in seiner berüchtigten „Wienerwald- Rede“ propagiert. Mit Maget und seiner Viererkoalition hat die CSU jetzt neben den Energiepreisen noch ein weiteres Angstszenario: „Hessische Verhältnisse in Bayern!“ Mit Freien Wählern, FDP, Linken, Grünen und SPD. Scharfmacher drängen schon darauf, einen Hexensabbat an die Wahlkampfwand zu malen: „Wollt ihr lieber von Gabriele Pauli, Claudia Roth und Sabine Leutheuser-Schnarrenberger regiert werden?“

Doch da ziehen Huber und Beckstein nicht mit: „Wir dürfen jetzt bloß keinen Fehler machen.“ Schon gar nicht die Frauen verprellen. Das gilt besonders heute für Merkel. Auch wenn die Junge Union Bayern gestern noch Öl ins Feuer goss. „Wie Merkel versucht, das Thema abzufrühstücken, ist schwer zu ertragen“, keifte ihr Vorsitzender Stefan Müller. Huber will keine Eskalation und die Auseinandersetzung „kalkuliert“ weiterführen: „Wir brauchen keinen Streit um des Streites willen.“ Damit Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Gesicht nicht verliert, wenn sie irgendwann nach der Bayern-Wahl der Pendlerpauschale doch noch zustimmt. „Das ist nur noch eine Frage der Zeit“, sagt CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer.

Denn nach der Wahl ist vor der Wahl. Merkel will sich von der CSU jetzt nur nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Ob bei den Pendlern oder bei der Steuerreform mit mehr Netto vom Brutto, wo auch wieder der Erwin, mit dem sie sich seit einem dreiviertel Jahr duzt, vorgeprescht ist. 2009 geht’s nämlich um sie selbst, bei der Bundestagswahl. Noch am Donnerstag gestern wurde für die Reden an gemeinsamen Formulierungen gefeilt. Damit alle gut dastehen – und die Bayern wieder die CSU wählen.

Auch wenn’s nicht mehr aus vollem Herzen wäre, sondern mehr nach dem Motto: Augen zu, CSU!

Angela Böhm

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