Antisemitische Anfeindungen: Jüdischer Junge verlässt Schule in Berlin

Nach Angriffen und Beleidigungen will ein jüdischer Junge nicht mehr auf seine Schule in einem beschaulichen Berliner Stadtteil gehen. Es ist kein Einzelfall. Antisemitische Übergriffe gehören für viele Juden in der Hauptstadt schon fast zum Alltag.
| dpa
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In Berlin hat ein 14-Jähriger seine Schule verlassen, nachdem er wegen seiner Religionszugehörigkeit beleidigt und angegriffen wurde. (Symbolbild)
dpa/Peter Endig In Berlin hat ein 14-Jähriger seine Schule verlassen, nachdem er wegen seiner Religionszugehörigkeit beleidigt und angegriffen wurde. (Symbolbild)

Berlin - Sie hätten vielleicht Freunde sein können, doch stattdessen nahmen zwei Berliner Jungen einen 14-jährigen Mitschüler nach Schulende in den Schwitzkasten und beschossen ihn mit Plastikteilen aus einer Spielzeugpistole. Einziger Grund der Attacke: Die Angreifer haben ein Problem damit, dass der Junge Jude ist. Andere Klassenkameraden standen um ihn herum und lachten, erzählte seine Mutter der englischsprachigen Zeitung "The Jewish Chronicle". Mittlerweile hat ihr Sohn nach dem Vorfall vor zwei Wochen die Gemeinschaftsschule im beschaulichen Ortsteil Friedenau verlassen. Die Schulleitung hat nach eigenen Angaben Strafanzeige erstattet und auch disziplinarische Konsequenzen angekündigt.

Immer wieder werden Vorfälle bekannt, bei denen Juden in Berlin antisemitisch belästigt, beleidigt und mitunter sogar angegriffen werden. Neben Rechtsextremen und Neonazis gehören oft Arabisch- und Türkischstämmige zum Spektrum der Täter.

An der Friedenauer Gemeinschaftsschule haben etwa 75 Prozent der Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch, berichtet der Tagesspiegel. Viele kommen aus türkischen oder arabischen Familien - so auch die jugendlichen Angreifer.

Eine Befragung von Schülern im Auftrag des Bundesinnenministeriums ergab, dass deutlich mehr muslimische Schüler Vorurteile gegenüber Juden haben als nicht-muslimische Schüler. Demnach stimmten 15,7 Prozent der Aussage zu, dass Menschen jüdischen Glaubens "überheblich und geldgierig" seien. Unter Nichtmuslimen lag die Zustimmung bei maximal 7,4 Prozent.

"Du bist eigentlich ein cooler Typ, aber ich kann nicht mit dir befreundet sein"

Die Studie ist allerdings schon zehn Jahre alt und taugt wohl nur bedingt zur Erklärung von Vorfällen wie in Berlin-Friedenau. Die Friedenauer Schule hatte sich 2016 sogar dem Netzwerk "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" angeschlossen.

Für die Leiterin des bundesweiten Projekts "Schule ohne Rassismus", Sanem Kleff, liegt der Grund für die Anfeindungen nicht in der Religion begründet. Entscheidend für antisemitische Einstellungen sei vielmehr, ob die Jugendlichen familiär mit dem Nahostkrieg verbunden seien, ob ihre Familie eine politische Weltsicht vertrete, die sich von Israel und jüdischen Menschen distanziert, sagte sie vor einiger Zeit, als wieder einmal antisemitische Übergriffe in Berlin Schlagzeilen machten.

Der 14-Jährige soll bereits seit einigen Monaten von Mitschülern beleidigt worden sein, nachdem er seine Religionszugehörigkeit bekannt hatte, schrieb The Jewish Chronicle. "Du bist eigentlich ein cooler Typ, aber ich kann nicht mit dir befreundet sein", soll einer der Schüler gesagt haben sowie: "Juden sind alle Mörder."

Der Ortsteil Friedenau im alten Westen der Hauptstadt ist nicht zum ersten Mal Schauplatz antisemitischer Übergriffe. Im August 2012 wurde der Berliner Rabbiner Daniel Alter dort auf offener Straße vor den Augen seiner Tochter von mehreren Jugendlichen zusammengeschlagen. Wenige Monate später attackierten zwei Arabisch sprechende Schläger im Nachbarstadtteil Schöneberg einen 30-Jährigen aus Litauen, der auf Hebräisch gebetet hatte.

"Leider ist das kein Einzelfall", sagte Levi Salomon, Koordinator des Vereins Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, dem Tagesspiegel (Sonntag). "Wir bieten Beratung an und wissen deshalb, dass der Antisemitismus in Berlin nicht geringer geworden ist - im Gegenteil: er ist wieder hoffähig, die Hemmungen sind gefallen." Auch Organisationen wie das American Jewish Committee beklagen immer wieder, dass antisemitische Übergriffe in Berlin alltäglich seien. Der seriösen Opferberatungsstelle ReachOut wurden im vergangenen Jahr 31 antisemitische Übergriffe bekannt.

Nachdem im Juni 2016 ein Kippa-Träger in einem Park in Berlin-Treptow beleidigt und leicht verletzt worden war, rief der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) zum Schutz jüdischer Mitbürger auf. "Berlin ist insbesondere vor dem historischen Hintergrund des Holocaust dankbar, dass jüdisches Leben in unserer Stadt wieder sichtbar ist und einen wichtigen Beitrag zur Vielfalt unserer liberalen, offenen und toleranten Metropole leistet", erklärte der SPD-Politiker.

Bei vielen jungen Besuchern aus Israel hat Berlin bislang einen guten Ruf als offene Stadt, auf jeden Fall als aufregende Partymeile. Sie sind aber auch nur selten als Israelis zu erkennen.

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