Interview

Wetter-Experte Dominik Jung erklärt: Darum ist es auch Ende Mai noch so kühl

Der Frühling ist bei uns gefühlt ausgefallen, in Sibirien herrscht eine Hitzewelle – wie kann das sein? Und was heißt das für unseren Juni und die folgenden Monate? Ein Wetter-Experte im Interview.
| Rosemarie Vielreicher
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Eine Frau fährt bei Regen mit ihrem Rad durch die Münchner Innenstadt.
Eine Frau fährt bei Regen mit ihrem Rad durch die Münchner Innenstadt. © picture alliance/dpa

München - AZ-Interview mit Dominik Jung: Der Diplom-Meteorologe aus Wiesbaden ist Klimaexperte beim Wetterportal "wetter.net".

AZ: Herr Jung, in Sibirien, Russland und andernorts herrschen gerade Rekord-Temperaturen – und bei uns ein verlängerter April: Regen, Wind, Unbeständigkeit. Wie hängt das zusammen? Und warum kommt die Wärme nicht zu uns?
Dominik Jung: Das liegt an dem sogenannten Starkwindband, das bei uns einmal komplett um die Nordhalbkugel geht. Das geht immer rauf und runter; wir sind momentan in einem Tal, in einer Ausbuchtung sozusagen. Diese Ausbuchtung zieht immer wieder aus Nordosteuropa kühle Luft heran. Auf der anderen Seite in Richtung Russland und Sibirien geht es wieder rauf, das entspricht dem Berg. Dort ist der Weg frei für warme Luftmassen aus dem Mittelmeerraum, die nach Russland hinaufströmen können. Bei uns kommt diese warme Luft nicht voran, weil aus Nordwesten die Kaltluft hereindrückt. Das kann man sich wie eine unsichtbare Grenze vorstellen.

Wann ändert sich das?
Schon zum Wochenende. Es wird relativ schnell wärmer werden, auch in München. Wir bekommen hier schon 18, 19 Grad am Wochenende. Am Sonntag gibt es bis zu 13 Sonnenstunden.

AZ-Interview mit Dominik Jung Der Diplom-Meteorologe aus Wiesbaden ist Klimaexperte beim Wetterportal Wetter.net.
AZ-Interview mit Dominik Jung Der Diplom-Meteorologe aus Wiesbaden ist Klimaexperte beim Wetterportal Wetter.net. © ho

Experte: Der Frühling wird zu trocken enden

Das ist ja schon mal eine gute Nachricht. Dennoch haben viele das Gefühl, der Frühling sei dieses Jahr ausgefallen. Kann man das so sagen?
Nicht wirklich. In Bayern war der Frühling 0,5 Grad zu kalt. Das ist von der Abweichung her im Rahmen. Bei den Niederschlägen ist der Frühling sogar zu trocken bisher.

Ehrlich?
Das glaubt man gar nicht, aber die Daten belegen das. Das hängt damit zusammen, dass zwar der Mai zu nass war, der April aber zu trocken. Den haben wir nur schon wieder vergessen. Aber Fakt ist: Es sind im Frühjahr 87 Prozent des üblichen Niederschlag-Solls gefallen. Es fehlen also noch 13 Prozent, aber der Frühling endet ja am Montag. Das werden wir nicht mehr schaffen. Der Frühling wird zu trocken enden.

Und beim Sonnenschein?
Hier haben wir sogar 102 Prozent des sonstigen Durchschnitts in Bayern erreicht.

Regen und Gewitter kehren bald wieder zurück

Ihre Prognose für nächste Woche ist ein Lichtblick: Es gibt mehr Sonnenstunden und auch Temperaturen über 20 Grad, auch in München. Bleibt das dauerhaft so?
Der Trend nach dieser Woche: Unser altes, durchwachsenes Wetter kommt zurück mit Schauern und Gewittern. Aber immerhin: Das Temperatur-Niveau bleibt bei 20 bis 22 Grad.

Eigentlich immer noch kühl. Müssen wir uns also auf einen wechselhaften Juni einstellen?
Ja. Die Wärme, die jetzt in den nächsten Tagen kommt, ist ein Ableger der Sahara-Wärme aus Nordafrika. Bei uns kommt diese nur am Rande an, und nach dieser einen Woche bleibt es unbeständig, weil gleich wieder Tiefs dazwischen mischen.

Kann es nach diesem Mai einen Hitze-Sommer geben?
Es kann im Grunde alles geben. Wir haben es ja gehört: Der Polarkreis verzeichnet 30 Grad. Wenn die Marschrichtung irgendwann umschlägt - und das kann im Juli und August passieren -, dann kann auch durchaus eine beständige, trockene Hochdruckwetterlage kommen. Und wenn das Hoch an der richtigen Stelle liegt und das Tief auch, das die Luft heranschaufelt, haben wir ganz schnell auch mal zwei, drei Wochen lang über 30 bis 35 Grad. Das ist aber momentan nicht in Sicht. Deswegen sage ich: Man kann den Sommer in Sachen Hitze noch nicht abschreiben. Das kann immer noch kommen.

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"Es ist ein typisch deutscher Sommer von der wechselhaften Sorte in Sicht"

Auf welchen Monat setzen Sie?
Mitte Juli bis Mitte August ist der Rahmen, in dem es heiß werden kann. Aber ich denke, es ist ein typisch deutscher Sommer von der wechselhaften Sorte in Sicht. Schauer und Gewitter sind im Sommer hierzulande ganz normal – und dazu kurze Hitzephasen. Die Sommer der letzten Jahre mit wochenlanger Hitzewelle – das ist völlig außergewöhnlich, das gab es vor 20, 30 Jahren überhaupt nicht. Wir haben einfach diese Jahre noch im Kopf, und deswegen fällt uns jetzt auch der Frühling auf die Füße, weil wir denken, dieser wäre so schlecht. In den vergangenen Jahren brachte auch der April schon Frühsommerwetter, und in diesem Jahr war der April der kälteste seit 40 Jahren.

Was sagen Sie Menschen, die jetzt sagen: von wegen Klimaerwärmung!
Zwei kühle Monate machen noch keine Trendumkehr in Sachen Klimaerwärmung. Klima ist Wetter über einen sehr langen Zeitraum betrachtet, mindestens 20 bis 30 Jahre. Allein wegen zwei Monaten den Klimawandel infrage zu stellen, ist sehr unsinnig. Und natürlich ist die Klimaerwärmung eine globale Sache. Nur weil wir in Deutschland mal zwei Wochen im kühlen Loch sitzen, heißt das nicht, dass das im Rest der Welt auch so ist. Im Irak und im Iran hatten wir vor wenigen Tagen 45 bis 50 Grad.

Waldbrände in Sibirien

Was wäre dort um diese Jahreszeit normal?
35 bis 42 Grad. 50 bis 55 Grad ist das normal höchste in der Region und das aber im Juli und August. Was man noch beobachtet: Der Permafrostboden taut weiter auf, wir haben in diesem Jahr schon die ersten Waldbrände in Sibirien im Mai – im vergangenen Jahr gab es sie erst Mitte Juni. Noch ein Beispiel: Der kälteste bewohnte Ort der Welt - Oimjakon in Sibirien - hatte im Winter minus 55 bis 58 Grad. In den letzten Tagen gab es dort zehn bis 15 Grad. Nächste Woche sollen es sogar 22 Grad werden.

Zwei Frauen sonnen sich Mitte Mai in Moskau.
Zwei Frauen sonnen sich Mitte Mai in Moskau. © imago images/ITAR-TASS

Was wäre normal?
Fünf bis sieben Grad. Was ich sagen möchte: Wir wohnen nicht auf einer Insel. Das betrifft im Übrigen auch die Maßnahmen gegen den Klimawandel. Wenn nur Europa etwas unternimmt und der Rest der Welt nicht, bringt das auf Dauer nicht viel.

Zum Schluss: Was machen Sie bei schlechtem Wetter?
Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Und schlechtes Wetter ist mein Geschäft (lacht).

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