TikTok und Co.: Kommt ein Social-Media-Verbot für Kinder?
Australien hat es eingeführt, Großbritannien und Frankreich haben konkrete Pläne - bekommt auch Deutschland ein Social-Media-Verbot für Kinder oder Jugendliche? Die Expertenkommission "Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" übergibt heute ihre Handlungsempfehlungen an Familienministerin Karin Prien (CDU). Was davon umgesetzt wird, muss man sehen. Noch sind CDU, CSU und SPD in der Regierung nicht auf einer Linie.
Warum werden Altersbegrenzungen diskutiert?
Gewarnt wird vor gesundheitlichen Gefahren für Kinder und Jugendliche, zum einen durch Inhalte wie Pornografie, Hass und Extremismus, zum anderen durch Mobbing, falsche Psychotipps oder Cybergrooming. Am häufigsten wird Sorge über zu lange Nutzung von TikTok, Instagram, Snapchat, Youtube und Co geäußert.
Die Expertenkommission benannte die Risiken vor einigen Wochen in einem Zwischenbericht. Demnach nutzen etwa eine Million Jugendliche digitale Medien auf problematische Weise, 300.000 zeigen Suchtverhalten.
Viele Kinder und Jugendliche sehen selbst negative Folgen - allerdings seltener als Erwachsene. In einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission nannten 18 Prozent der befragten 13- bis 18-Jährigen negative Auswirkungen, bei den Eltern waren es 36 Prozent. Rund 48 Prozent der jungen Leute vermuteten positive Effekte durch soziale Netzwerke.
Was ist von der Kommission zu erwarten?
Im Zwischenbericht dämpfte die Expertenkommission die Hoffnung auf Social-Media-Verbote als einfache Lösung. "Es ist zu kurz gesprungen, nur über Altersbeschränkungen nachzudenken", sagte der Vorsitzende Olaf Köller damals. Denn: "Das Smartphone fungiert als zentraler Zugang zu Kommunikation, Unterhaltung, Information, sozialer Einbindung und zunehmend auch zu produktiven KI-basierten Anwendungen."
Social Media seien wichtige digitale Räume, etwa für queere Jugendliche. Digitale Medien könnten zur Identitätsentwicklung beitragen. Kinder und Jugendliche wollten sie sich nicht einfach entziehen lassen. Köller plädierte damals dafür, "Schutz und Teilhabe" zu verbinden. Was im Abschlussbericht steht, wird erst heute Mittag bekannt.
Was will Familienministerin Prien?
Prien wollte sich vor den Empfehlungen der Kommission öffentlich nicht festlegen, hat aber einiges angedeutet. Die CDU-Politikerin sagte, sie könne sich Altersbeschränkungen vorstellen, nannte aber kein konkretes Alter. Wichtig sei, Social-Media-Plattformen in die Pflicht zu nehmen, um Jugendschutz durchzusetzen. Dazu bedürfe es gesetzlicher Vorschriften, möglichst auf EU-Ebene.
Zugleich plädierte sie für einen ganzheitlichen Ansatz, der Jugendliche, Eltern, Schulen, Lehrer und Ärzte einschließe. "Je älter Kinder und Jugendliche werden, umso stärker kann man sie in die Lage versetzen, sich selber zu schützen", sagte die Ministerin.
Wer will was in der schwarz-roten Koalition?
Die CDU fordert per Parteitagsbeschluss eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für soziale Netzwerke. Zudem solle das "besondere Schutzbedürfnis bis zum 16. Lebensjahr im digitalen Raum" ausgestaltet werden.
Die Position der SPD ist ähnlich. In einem Impulspapier verlangte sie ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren, eine verpflichtende Altersprüfung und eine "Jugendversion" von Plattformen für Jugendliche bis 16. Zur Altersprüfung soll die App EUDI-Wallet genutzt werden, eine digitale Brieftasche auf dem Smartphone, die zum Januar starten soll.
Skeptischer ist die CSU. Parteichef Markus Söder argumentierte unter anderem, das Verbot in Australien nütze nichts. CSU-Politikerin Anja Weisgerber meldete sich diese Woche mit einem Konzept für "variable Altersgrenzen" für unterschiedliche Plattformen.
Wie läuft es in Australien?
Australien führte als erstes Land der Welt Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ein. Nach einem halben Jahr fällt die Bilanz gemischt aus. Viele Eltern berichten von einem entspannteren Alltag. Eine Mutter aus Melbourne sagte kürzlich australischen Medien, ihre beiden 12 und 14 Jahre alten Kinder verbrächten weniger Zeit in sozialen Netzwerken: "Funktioniert die Gesetzgebung hundertprozentig? Nein. Lohnt sie sich? Ja, ich finde schon."
Jugendliche berichten dagegen, Verbot und Altersverifizierungen ließen sich leicht umgehen - etwa mit einem neuen Account bei TikTok. Auch Behörden räumen ein, dass die Durchsetzung schwierig bleibt und Plattformen nicht zuverlässig alle Minderjährigen ausschließen.
Wie sieht es in Europa aus?
In Europa ist vieles in Bewegung. Großbritannien will für alle unter 16 Jahren die Nutzung bestimmter Social-Media-Apps ab Anfang 2027 verbieten. Das soll unter anderem für Snapchat, TikTok, YouTube, Instagram, Facebook und X gelten, nicht aber für Messaging-Dienste wie WhatsApp und Signal.
Griechenland will Kinder unter 15 Jahren ab 2027 komplett von sozialen Medien ausschließen. Frankreich, Spanien, Dänemark, Tschechien und Österreich prüfen oder entwickeln ähnliche Ansätze.
Die EU selbst plant bisher kein generelles Verbot. Das EU-Parlament sprach sich zwar für ein Mindestalter von 16 Jahren aus, wobei Jugendliche ab 13 Jahren unter elterlicher Aufsicht soziale Netzwerke nutzen könnten. Der Beschluss ist aber nicht bindend. Die EU-Kommission erwartet für den 13. Juli Empfehlungen einer eigenen Expertengruppe.
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