Ihre Hand ist ihr Schlüssel: Warum sich diese Frau einen Chip implantieren ließ

Juliane von der Ohe hat sich Mini-Implantate einsetzen lassen - damit schließt die Bäuerin aus Niedersachsen ihre Haustür auf und entsperrt ihren Computer. Warum?
| Rosemarie Vielreicher
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Die Landwirtin Juliane von der Ohe aus Niedersachsen präsentiert ihren Chip in der Hand.
Die Landwirtin Juliane von der Ohe aus Niedersachsen präsentiert ihren Chip in der Hand. © Philipp Schulze/dpa

Das Handy von Juliane von der Ohe ist minutenlang besetzt. Sie ruft zackig zurück, müsse jetzt aber gleich zu einer Freundin. Ihr pressiert's. Die Freundin hat nämlich Computer-Probleme. Und wen hat sie um Hilfe gebeten? Freilich, Juliane von der Ohe!

Landwirtin und Technik-Fan

Sie ist Landwirtin aus der Lüneburger Heide, 61 Jahre alt - und damit definitiv kein Digital Native. Zumindest vom Geburtsjahrgang her nicht. Dennoch ist sie Technik-Fan, hat eine eigene Homepage und einen Twitter-Account.

"Meine Kinder machen mir nichts vor", erzählt die 61-Jährige der AZ - nachdem das Computer-Problem der Freundin behoben ist und sie Zeit zum Ratschen hat.

Ein Chip so groß wie ein Haferkorn

Ihre Technik-Liebe geht sogar so weit, dass sich die Niedersächsin einen Chip unter die Haut pflanzen hat lassen. So groß wie ein "Haferkorn" zeichnet sich eine klitzekleine Mini-Beule an ihrer Hand ab. Wer es nicht weiß, merkt auf den ersten Blick nichts davon.

Warum hat sie das gemacht? "Für uns in der Landwirtschaft ist das erstmal nichts Exotisches. Unsere Tiere sind schon lange gechipt, ich habe auch eine Katzenklappe, die den Chip der Katze erkennt, oder einen Futterautomaten."

Der Chip öffnet die Haustür

Tiere chippen und auch Menschen - das ist für sie vergleichbar. Was ihr früher immer passierte, jetzt aber nicht mehr: Schlüssel verlegt, verloren, vergessen.

Jetzt öffnet der Chip die Haustür. "Es ist praktisch. Ich möchte einfach nicht mehr aus dem Haus gehen und diesen ganzen Trödel bei mir haben."

So sperrt das Implantat den speziellen Knauf der Haustür auf.
So sperrt das Implantat den speziellen Knauf der Haustür auf. © Philipp Schulze/dpa

Auch der Computer lässt sich damit entsperren, ein Passwort braucht sie nicht mehr. Nötig ist dafür nur ein spezielles Lesegerät ("preiswert!"), das sich mit USB an den Rechner anschließen lässt.

Die ersten Implantate hat sie sich 2019 in beide Hände setzen lassen. Angst davor hatte sie nicht. "Nö", sagt sie kurz und knapp. Im vergangenen Sommer hat sie sich auch noch einen Bezahl-Chip setzen lassen.

Ihr Bezahl-Chip ist aktuell kaputt

Der ist wie eine Mini-EC-Karte, erzählt sie - ihr sei allerdings etwas darauf gestürzt. Daher sei er aktuell kaputt. Macht aber nichts, von der Ohe hat deswegen keine Zweifel oder Unmut. Sie überlegt noch, ob und wann sie ihn wechseln lässt.

Muss sie jetzt also doch wieder ganz gewöhnlich den Geldbeutel mitnehmen, wenn sie zum Einkaufen geht? "Neeeein, ich nehme doch nicht den Geldbeutel mit! Das mache ich alles mit meiner Uhr, meiner Apple-Watch!" Achso, na klar.

Sie traf wegen der Implantate schon Angela Merkel

Wer den Chip in ihrer Hand anfassen und fühlen möchte, darf das gerne tun. Angela Merkel wollte das nicht. Von der Ohe hat die Kanzlerin und auch Bildungsministerin Anja Karliczek (beide CDU) 2019 getroffen und ihnen die Chips gezeigt.

Doch Merkel wollte lieber nur schauen. "Sie hat sparsam geguckt", fasst die Landwirtin zusammen. Und Karliczek habe gestaunt, das habe von der Ohe gefreut, denn die hat sie zuvor verärgert mit der Aussage:

"‚Wir brauchen kein Internet bis zur letzten Milchkanne'. Das hat uns auf dem flachen Land sehr erbost. Das geht gar nicht, den ländlichen Raum so abzuhängen."

Kaum zu sehen ist der Mikrochip.
Kaum zu sehen ist der Mikrochip. © Philipp Schulze/dpa

"Ich setze mich sehr für Landwirtschaft und Digitalisierung ein"

Und spätestens an diesem Punkt des Gesprächs merkt man, dass in von der Ohe nicht nur ein Technik-Fan schlummert, sondern auch eine politisch engagierte Frau. CDU, Kreisvorstand, Mittelstands-Union.

Keine Überraschung: "Ich setze mich sehr für Landwirtschaft und Digitalisierung ein. Wir sind in der Landwirtschaft sehr weit damit, aber die Datengeschwindigkeit reicht oft nicht aus."

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Zur Einordnung: Die 61-Jährige wohnt im Ortsteil Haarstorf in der Gemeinde Natendorf - die ist schon überschaubar, beim Unterort Haarstorf steht auf der Gemeinde-Homepage nur: "Wir füllen diese Seiten noch mit Leben." Ob es an der Datengeschwindigkeit liegt? Wer weiß.

Lebhafte Diskussionen entstehen jedenfalls schon. Die Chips sind nicht jedermanns Sache, auch keine Überraschung.

Witze über Bill Gates

"Ich kriege alle Reaktionen. Das Gros: Sie empfinden eine gewisse Schaurigkeit. Manche denken, ich sei jetzt verfolgbar oder auffindbar, was kompletter Blödsinn ist, weil es ein passiver Chip ist."

Sie hat sich schon eine gute Konter-Antwort überlegt: "Ich bin von Bill Gates gechipt und auch erbberechtigt." Sie findet es schade, dass es extrem viel Unwissenheit und keine Bereitschaft gebe, sich über das Thema zu informieren.

Von der Ohe ist dagegen sogar offen für weitere Chips oder erweiterte Funktionen ihrer bestehenden - etwa mit Gesundheitsdaten. "Immer unter der Voraussetzung, dass ich die Datenhoheit habe. Ich entscheide, wer was liest."

Forschungsgebiet Biohacking

Laura Hille von der Universität Lüneburg beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit genau damit: Biohacking. Die 34-Jährige fragt sich: "Warum sind bestimmte Technologien wie Herzschrittmacher oder Kupferspiralen zur Verhütung anerkannt und die Ängste vor den Chips so groß?"

Und: "Die sogenannten RFID-Chips gibt es seit Jahrzehnten auf Paketen, Containern und in Etiketten von Kleidung zur Nachverfolgung."

Sogar einen Heiratsantrag gab es schon

Aber nicht alle sind ablehnend. "Ich habe auch schon einen Heiratsantrag bekommen. Den musste ich dankend ablehnen, mein Mann wollte das nicht," so von der Ohe spitzbübisch. Sie wollte übrigens auch nicht.

Ihr Mann wiederum wollte bisher kein Implantat. Kann er trotzdem noch ins Haus? Ja, erklärt seine Frau lachend. Mit einem Spezial-Schlüsselanhänger. Für Liebe braucht's eben keinen Chip.

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