Heult doch, Männer!

Männertränen sind gar nicht so selten. Vor allem Politiker und Sportler haben nahe am Wasser gebaut. Der Psychologe sagt: „Es ist sinnvoll, mehr Gefühle zuzulassen“.
| Matthias Maus
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München - Da gibt es den Polizei-Präsidenten in Uniform, den es vor der Presse übermannt. Auf einem Revier hat ein Kollege eine Kollegin erschossen. Da gibt es den Ministerpräsidenten, der weint, als die Särge getöteter Soldaten heimkommen. Da gibt es den Präsidenten, der zu Tränen gerührt ist über einen erfolgreichen Wahlkampf. Und da gibt es immer wieder Sportstars, die hemmungslos losflennen. Männertränen sind gar nicht so selten – auch wenn es selten so spektakulär wird wie bei Uli Hoeneß.

Es erwischt Politiker und Sportler am häufigsten, weniger Wirtschaftskapitäne oder Schauspieler. „Ein reines Stress-Symptom“, sagt Diplom-Psychologe Louis Lewitan über Hoeneß’ Ausbruch auf der Hauptversammlung des FC Bayern. „Hier implodiert jemand, der nicht für sensiblen Umgang mit anderen bekannt ist.“

Hier stehe „ein impulsgesteuerter Mann unter enormem Druck“, der sich spontan entladen habe, sagt Psychologin Anna Schoch. Das, so der Stress-Experte Lewitan zur AZ, verbinde ihn mit Peer Steinbrück, ebenfalls „eher ein impulsiver Charakter“. Dessen Tränen im Juni waren einer der Höhepunkte im vergangenen Wahlkampf.

Dem Kanzlerkandidaten versagte bei einem Auftritt die Stimme. Seine Ehefrau Gertrud hatte über Belastungen geredet, die seine Kandidatur für ihr Privatleben bringe. Bei der Einordnung dieser Tränen allerdings ist die Fachwelt gespalten: „Das war reines Selbstmitleid“, sagt Schoch zur AZ. Kollege Lewitan hält dagegen. „Selbst starke Persönlichkeiten haben sich nicht immer im Griff – Wenn die Nerven blank liegen, fließen die Tränen.“

Weinende Männer – ein emotionales Thema. Bis zum Alter von 13 Jahren Jahre weinen Mädchen und Buben gleich oft. Danach, das hat die Münchner Augenärztin Elisabeth Messmer 2009 in einer Studie für die Deutsche Ophtalmologische Gesellschaft festgehalten, ändert sich das deutlich. Männer weinen sechs bis 19 mal im Jahr und das im Schnitt für zwei bis vier Minuten.

Bei Frauen sind es 60 bis 64 mal, für sechs Minuten im Schnitt. Weitgehend unerforscht ist die Funktion des Weinens bei beiden Geschlechtern. Die zentrale These: „Sich ausheulen tut gut“ lässt sich wissenschaftlich nicht halten. Den meisten geht es danach genauso schlecht wie vorher – es sei denn, der Grund des Heulens ist weggefallen. Frauen heulen, derselben Studie zufolge, weil sie sich unzulänglich fühlen oder wegen einer schwierigen Lebenssituation.

Bei Männern sei es eher aus Mitgefühl oder wegen einer Trennung. Das war bei Hoeneß offensichtlich nicht der Fall. „Es hat sich gesamtgesellschaftlich etwas geändert“, sagt Psychologin Schoch. „Es wird mehr öffentlich geweint als früher, weil es erlaubt ist.“ Man komme als Politiker sympathischer rüber. Der Berliner Männerforscher Stephan Höyng sagte es mal etwas nüchterner: „An der richtigen Stelle Gefühl zu zeigen, tut der Macht keinen Abbruch.“ Während sich kaum einer vorstellen kann, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mal losheult, hatten ihre Vorgänger näher am Wasser gebaut.

Macho Schröder weinte mehr als einmal, zuletzt, als er 2005 feststellen musste, dass er der nächsten Regierung nicht mehr angehören werde. Und der pfälzische Gemüts- und Machtmensch Helmut Kohl war 1998 übermannt, als Norbert Blüm auf dem Bonner Parteitag Kohls Lebensleistung würdigte. Überwältigt sind Sportler – wenn sie den Verein wechseln (Manuel Neuer), wenn sie verlieren (Roger Federer), wenn sie aufhören (Ottmar Hitzfeld). Und manche sind nur überwältigt von sich selbst. Natürlich kann man mit Tränen manipulieren, da sind sich die Psychologen einig.

Und natürlich machen das Männer wie Frauen. Es ist nur schwer, genau zu bestimmen, wann: „Es gibt falsche Freude, es gibt falsche Zuneigung, also gibt es auch falsche Tränen“, sagt Psychologe Lewitan. Tendenziell allerdings wird – vor allem bei den Eliten – noch eher zu wenig geheult. Nirgends ist die Kontrolle der Emotionen so ausgeprägt wie in der Wirtschaft: „Die Manager-Etagen sind voller emotionaler Analphabeten“, sagt Lewitan, der Führungskräfte in ganz Deutschland coacht. „Es ist sinnvoll, mehr Gefühle zuzulassen“, sagt er. „Ein Aufstauen der Emotionen ist auf Dauer ungesund.“ Also los, es spricht nichts dagegen: Heult doch!

 

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