Cyberweek beginnt - was geschieht mit den vielen Retouren?

Von heute an begibt sich die Welt in der Cyber Week wieder in einen kollektiven Shopping-Rausch. Was geschieht jedoch mit den Waren, die der Kunde an den Händler zurückschickt? Viele werden vernichtet.
| Veronika Csizi
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Das Amazon Fulfilment Center Dunfermline. Der Black Friday lässt die Paketberge in die Höhe schnellen.
Das Amazon Fulfilment Center Dunfermline. Der Black Friday lässt die Paketberge in die Höhe schnellen. © picture alliance/dpa/PA Wire

"Der Platz im Regal ist vielen Händlern mehr wert als die Ware selbst", sagt Viola Wohlgemuth, Expertin für Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz bei Greenpeace. Tonnen von Waren, die als Retouren von Kunden zurückgeschickt werden oder zu lange im Regal liegen, vor allem Kleidung und Elektroartikel, würden voreilig vernichtet.

Wenn neue Ware entsorgt wird

Filmaufnahmen eines bei Amazon im niedersächsischen Wimsen eingeschleusten Greenpeace-Rechercheurs hätten gezeigt, dass der Online-Händler teilweise neue Ware an Destroy-Stationen sortiere und von Entsorgungsunternehmen abholen lasse. Auch beim Sportartikelkonzern Nike würden neuwertige Retouren und eigentlich zum Recycling vorgesehene Schuhe vernichtet, hat der NDR aufgedeckt.

Dabei verbietet die vor gut einem Jahr beschlossene Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes die Zerstörung von Waren, die noch verwendbar oder gar neu sind. Im Gesetz ist - ein weltweites juristisches Novum - eine "Obhutspflicht" verankert, die Unternehmen verpflichtet, Waren möglichst lange gebrauchstauglich zu halten, also möglichst nicht zu vernichten.

"Man kann Sneaker wiederverkaufen, wenn sie neuwertig sind", so ein Sprecher des Bundesumweltministeriums. Sei eine Ware nicht mehr akzeptabel und auch nicht reparierbar, könne man sie noch recyceln.

Möglicherweise verstößt Nike gegen geltendes Gesetz

Sollten die Vorwürfe gegen Nike zutreffen, so würde der Sportartikelkonzern mit dem Schreddern neuer Schuhe gegen das Kreislaufwirtschaftsgesetz verstoßen, so das Ministerium. Danach hätte Abfallvermeidung höchste Priorität.

Das Problem ist jedoch: Zwar ist das Gesetz beschlossen, doch es fehlen die Ausführungsverordnungen. Die Behörden in den Ländern können nach juristischer Auffassung des Ministeriums deshalb noch nicht aktiv werden.

Bundesumweltministerium will das Problem bekämpfen

Aktuell arbeitet das Bundesumweltministerium auch zunächst an einer Transparenzverordnung, die Unternehmen verpflichten soll, die Behörden über Ausmaß von Retouren, Warenvernichtung und Recyclingquoten zu informieren. Man müsse erst wissen, wie groß das Problem exakt sei, bevor man es bekämpfen könne, so das Bundesumweltministerium. Ziel sei es in jedem Fall, Retouren zu verringern und in die Kreisläufe zurückzuführen.

"Schon im Vorfeld gibt es jedoch viel Bewegung bei Produzenten und Händlern", so der Ministeriumssprecher. Man beobachte, dass die Wirtschaft sich bereits in Teilen anpasse.

Neue Transparenzverordnung vielleicht noch in diesem Jahr

Die Transparenzverordnung soll, hofft die Behörde, noch in diesem Jahr unter Dach und Fach sein. Abhängig sei dies jedoch auch von der laufenden Regierungsbildung. Erst danach würde in Verordnungen festgelegt, wie die betroffenen Unternehmen und Branchen kontrolliert würden beziehungsweise mit welchen Strafen sie bei Verstößen gegen das Gesetz zu rechnen hätten. Kleine Unternehmen sollen ausgenommen bleiben.

Der Umweltorganisation Greenpeace ist das nicht genug. Sie verlangt die sofortige Umsetzung des Gesetzes. "Der Staat verspielt viel Zeit, ohne Kontrollen und Strafandrohungen läuft die Obhutspflicht ins Leere", sagt Wohlgemuth.

2020 gingen etwa 1,5 Millionen Artikel an Tafeln in Deutschland

Wie groß das Problem der Warenvernichtung insgesamt ist, ist derzeit jedoch unklar. Amazon etwa bestreitet eine Vernichtung mancher Waren nicht, betont jedoch, dass deren Anteil bei etwa einem Promille liege. Retouren "durchlaufen eine strenge Inspektion", so Libby Johnson McKee, Direktorin Returns, ReCommerce & Transportation Sustainability bei Amazon.

Viola Wohlgemuth arbeitet für die Umweltschutzorganisation Greenpeace.
Viola Wohlgemuth arbeitet für die Umweltschutzorganisation Greenpeace. © Jiri Rezac/dpa/Greenpeace

Ein Großteil der zurückgegebenen Artikel werde auch neu gelistet, wenn er den Qualitätsansprüchen entspreche. Ein weiterer Teil werde als Gebrauchtware verkauft, an Restpostenhändler abgegeben oder gespendet. 2020 etwa seien 1,5 Millionen Artikel an lokale Tafeln in Deutschland gegangen. Der Rest, vor allem beschädigte und hygienisch mangelhafte Produkte, müsste "als allerletzte Option" auf die Deponie.

50 Prozent aller Bestellungen werden retouniert

Auch bei Zalando heißt es, man vernichte nur kleine Teile der Waren. Unternehmenssprecher Lars Müller: "Da liegen wir bei 0,05 Prozent von allen Artikeln". Umgesetzt hat Zalando im dritten Quartal 2,3 Milliarden Euro. Zalando verkaufe neuwertige Rückläufe unter dem Schlagwort "preowned" beziehungsweise über den Shopping-Club Zalando Lounge oder über Outlets. Manche Waren würden auch gespendet, so Müller.

Zudem habe Zalando Teams, die Kleidung fortlaufend anprobierten, um Größentipps zu geben und damit Retouren zu reduzieren. 50 Prozent aller Bestellungen würden dennoch zurückgeschickt, aber 97 Prozent der Retouren gingen wieder zurück in den regulären Verkauf, da ihr Zustand einwandfrei sei.

Fast Fashion ist einer der größten Klimakiller weltweit, heißt es

Auch Nike bestreitet, dass makellose neue Schuhe vernichtet werden, es handle sich um beschädigte Ware, Muster oder Schuhe mit Gebrauchsspuren. Insgesamt werden 2021 weltweit 1,4 Milliarden Sneaker im Gegenwert von gut 56 Milliarden Dollar verkauft. 2012 war es die Hälfte.

Hinter dem Problem hoher Retourenquoten und womöglich zu hoher Vernichtungsraten bei manchen Online-Riesen steht laut Bundesumweltministerium vor allem der Trend zur Fast Fashion und zu immer kürzeren Produktzyklen. Fast Fashion, also der Verkauf trendbezogener, billiger Kollektionen in kurzen Intervallen, sei "einer der größten Klimakiller", sagt auch Wohlgemuth.

Großteil der CO2-Belastung durch Textilien trifft Asien

Denn die Textilindustrie sei für fast zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich - und damit für mehr als Luftfahrt und Schifffahrt zusammen. Vielen sei auch nicht bewusst, dass die CO2-Belastung gekaufter Textilien in Deutschland zu einem großen Teil in Asien anfalle, wo die Kleidungsstücke hergestellt würden. "Zudem wird aktuell auch nur ein Prozent der Kleidung recycelt", so Greenpeace-Expertin Wohlgemuth.

Ziel müsse es deshalb nicht nur sein, der Zerstörung von verwendbaren Produkten Einhalt zu gebieten. Wichtig für die Schonung von Ressourcen und Klima sei darüber hinaus, dass am Ende dieses Jahrzehnts mindestens fünf Prozent der Geschäfte in den Innenstädten auf Second Hand und Kreislaufwirtschaft umgestellt seien.

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Billige Kunstfasern verhindern Recycling

Das Bundesumweltministerium weist auf zwei weitere Probleme hin: Noch bis Jahresende seien Spenden von nicht mehr verkäuflichen Retouren wegen der hohen Zahl liegengebliebener Kleidung im Lockdown des letzten Winters und Frühjahrs von der Umsatzsteuer befreit. Ab Januar müssten Spender von Waren aller Art wieder Umsatzsteuer zahlen. Die kostenlose Weitergabe von Produkten koste die Unternehmen also bares Geld. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft sei dies wenig sinnvoll.

Zudem stelle die Industrie Kleidung zu großen Teilen mit Fasern her, die nicht oder nur sehr schwer recycelbar seien. Gezielt würden billige Kunstfasern verwendet, in denen bereits eingepreist sei, dass ein Teil auf dem Müll lande.

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